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Radolfzell Radolfzells zweithöchstes Gebäude geht als Hotel in Betrieb

Es ist ein ungewöhnliches Projekt. Nach mehrjähriger Bauzeit geht das Aquaturm Hotel in Betrieb. Quasi als erstes Null-Energie-Hochaus überhaupt.

Seit zwei Wochen wechseln Ursula Sohst und Jürgen Räffle jeden Abend ihre Schlafstätte. Der Investor aus Böhringen und seine Lebenspartnerin erleben damit jede Nacht aufs Neue eine Premiere. Und dazu noch in ihrem eigenen Hotel. Nach mehrjähriger Bauzeit (siehe Infokasten) ist das Langzeitprojekt nun endlich fertiggestellt und kann in die Nutzung gehen. Ende März soll es soweit sein, dann nächtigen die ersten offiziellen Gäste in dem ungewöhnlichen Bau direkt neben dem Milchwerk. Das Testen der Zimmer hat für Ursula Sohst und Jürgen Räffle einen praktischen Hintergrund. Auf diese Weise wollen sie feststellen, wo im Detail noch nachgebessert werden muss.

"Das sind alles Kleinigkeiten – aber so kann man diese Dinge gleich beseitigen", sagt Jürgen Räffle. "Manche Sache sieht man einfach erst, wenn man sie ausprobiert." Denn die Ansprüche sind sehr hoch. "Es muss einfach alles perfekt sein in unserem Designhotel", sagt Jürgen Räffle. Die Devise haben er und seine beiden Söhne von Anfang an verfolgt. Vor allem Norman Räffle, studierter Architekt, hat mit seinem Perfektionsanspruch so manches Mal seine Mitstreiter strapaziert. Aber auch überzeugen können. Über jedes Detail wurde nachgedacht. Das reicht von eigens entwickelten Fenstern bis hin zu Wasser sparenden Wasserspendern, die per Tastendruck aktiviert werden. Vater Jürgen Räffle ist stolz: "Das ist schon etwas Tolles, etwas Einmaliges geschaffen zu haben."

In der Tat kann der Aquaturm als äußerst ungewöhnliches Projekt gelten. Es wurde vom Bund gefördert, weil es quasi das erste Null-Energie-Hochhaus überhaupt ist. Die benötigte Energie wird über Solarthermie, Photovoltaik, eine Windturbine und Geothermie erzielt. Im Grunde kann der Turm als Sinnbild für die Energiewende herhalten, die wohl am Ende – genauso wie der Aquaturm – seine Zeit benötigen wird.

Für den 60-jährigen Jürgen Räffle wird die Umstellung vom Bauunternehmer und Investor zum Betreiber eines Hotels eine Zäsur im eigenen Leben sein. Mit dem Berufswechsel ergeben sich viele Änderungen. Auch wenn er in den vergangenen Jahren schon den Ausblick von dem über 50 Meter hohen Aquaturm erleben konnte, wird er von nun an einen der schönsten Arbeitsplätze Radolfzells haben. Der Panoramablick aus der "Untersee-Lounge", wie der Frühstücksraum im elften Stockwerk genannt wird, bietet einen Rundumblick über Radolfzell, den Bodensee und die Alpen bis weit in den Hegau. Der soll den "Radolfzellern nicht vorenthalten werden", sagt Jürgen Räffle. Allerdings wird er nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Je nach Auslastung des Hotels kann dort gefrühstückt werden. Insgesamt gibt es für die Gäste und Besucher 28 Sitzplätze. Reservierungen müssen jeweils einen Tag vorher stattfinden.

Der Aquaturm soll keine Konkurrenz zu bestehenden Hotels sein, sondern das Angebot ergänzen. Jürgen Räffle glaubt vor allem durch die familiäre Atmosphäre punkten zu können. Im ersten Jahr möchte man die durchschnittliche Auslastung der Radolfzeller Hotels erreichen. Später darf sie gerne darüber liegen: "Wir brauchen uns vor niemanden verstecken. Wir lernen schnell, sind flexibel und innovativ", sagt der künftige Hotelier und kündigt damit schon einmal an, wie er auf seine Zukunft blickt. Einfacher hätte er es ohnehin haben können: "Wenn ich weiter gearbeitet hätte, wie bisher, dann hätte ich sicherlich mehr verdient", sagt Jürgen Räffle, der sein gesamtes Vermögen als Sicherheit für dieses Projekt aufbieten musste. Dennoch bereut er seine Entscheidung nicht. Im Gegenteil, er blickt hochzufrieden auf das größte Projekt seines Lebens: "Das ist kein Bauwerk, das ist ein Kunstwerk."

Das Projekt

Seit 2008 wurde der ehemalige Wasserturm des Milchwerks Radolfzell von Räffle & Söhne zum größten Teil in Eigenarbeit umgebaut. Die Höhe des 14-stöckigen Gebäudes beträgt nun 50,5 Meter, die Pfahlgründung dafür reicht bis in 15 Meter Tiefe. Insgesamt summiert sich die Pfahlgründung auf 860 Meter. Der Turm wiegt etwa 2500 Tonnen. In dem Hotel stehen künftig 20 Zimmer mit 36 Betten zur Verfügung. Jedes der Zimmer ist anders eingerichtet und gestaltet. Offizielle Eröffnungsfeier ist am 1. April. Der Testbetrieb wird aber bereits in der kommenden Woche aufgenommen. Zunächst werden sechs Personen in dem Garni-Hotel beschäftigt sein. Geschäftsführerin ist Ursula Sohst. (ja)

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