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28.06.2012  |  von  |  3 Kommentare

Radolfzell Nazi-Parolen bei EM-Übertragung

Radolfzell -  Fußball-Fans im Milchwerk skandieren Nazi-Parolen. Public Viewing Veranstalter wollen dies nicht weiter tolerieren

Doch nicht nur gute Laune: Beim Public Viewing im Milchwerk (hier ein Symbolbild) skandierten einige der anwesenden Fans verbotene Parolen.  Bild: dpa



Das Milchwerk ist in kurzer Zeit zu einer der beliebtesten Stätten des EM-Public Viewing bei jungen Leuten in der nahen Umgebung geworden. Geschäftsführerin Tanja Hantke bestätigt den Trend: „Beim ersten Spiel mit deutscher Beteiligung kamen mehr als 1600 Personen, wir mussten viele abweisen.“ So viele Fans seien es bei Europameisterschaften in den Jahren zuvor nicht gewesen. Entsprechend aufgeheizt ist die Stimmung zuweilen.

Bei der Übertragung des Viertelfinales Deutschland gegen Griechenland sei es jedoch zu unschönen Szenen gekommen, wie SÜDKURIER-Leser Uwe Schmitt in einer Leserzuschrift berichtet. Er habe drei Jugendliche ins Milchwerk begleitet. In einem Teil des Zuschauerraums habe dann eine Gruppe von Fans als Antwort auf den Fußball-Schlachtruf „Sieg“ begonnen, nationalsozialistische Parolen zu skandieren.

Uwe Schmitt sei wegen der drei Minderjährigen bei der Veranstaltung geblieben, ein befreundeter Fußballfan habe den Saal daraufhin jedoch sofort verlassen. Prinzipiell meint Uwe Schmitt, dass solche Vorkommnisse auch von Lehrern thematisiert werden sollten: „Viele Jugendliche denken nicht nach, was sie tun und machen einfach mit.“

Katja Münz, neben Tanja Hantke Veranstalterin des Public Viewing Angebots und zuständig für die Gastronomie, bestätigt, dass es zu den Rufen gekommen ist. „Wir haben das gehört und die Security-Kräfte sofort angewiesen, die betreffenden Personen herauszubeordern.“ Beide Veranstalterinnen betonen, dass man, sollte die deutsche Nationalelf am Sonntag im Finale stehen und das Milchwerk dann zum Public Viewing geöffnet sein, darauf achten werde, ähnliche Entgleisungen zu unterbinden.

„Wenn man darum weiß, sollte man schnell reagieren und so etwas nicht tolerieren“, sagt Tanja Hantke. Zum einen könnten die Security-Kräfte bereits am Eingang darauf achten, dass der Zutritt den Initiatoren der Parolen verwehrt bleibe. Außerdem solle mit einer Durchsage vor der Übertragung vor entsprechendem Fehlverhalten gewarnt werden.

Abgesehen von dem Zwischenfall seien die Public Viewing-Abende erstaunlich geordnet verlaufen, so Tanja Hantke. Eine etwas aggressive Grundstimmung gebe es zwar punktuell, das sei bei der Masse an Personen allerdings zu erwarten. Abgesehen von kleineren Rempeleien unter Fans sei bisher nichts Gravierendes vorgefallen.

Der Alkoholkonsum schaffe durchaus Probleme, allerdings habe es bisher keinen Notfall gegeben. Grundsätzlich sei sie froh, dass nach dem ersten Vorrundenspiel der Andrang etwas nachgelassen habe. Zu hoffen bleibt, dass die Übertragung des EM-Finales friedlich bleibt, so sie denn am Sonntag stattfinden sollte.

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3 Kommentare
Nebenbei
Die Stadt Danzig hat eine reiche Geschichte, die noch vor 1939 beginnt. Ebenfalls beginnt die Deutsche Geschichte nicht erst nach dem 2. Weltkrieg und erst recht nicht mit 1933 und lässt sich auch gegenwärtig nicht bloss aus dem Winkel des Nationalsozialismus betrachten und darauf reduzieren. Es wird der Sache nicht gerecht.

Gewiss, besser in der Schule thematisieren. Noch besser: mehr Bildung im Geschichtsunterricht und für diejenigen, die es nicht mehr dorthin müssen. Damit heute das kulturelle Miteinander nicht in der Luft hängt.

Rassistisches Verhalten kommt unterschiedlich zum Vorschein, nicht ausschliesslich an den Rändern, auch ohne Einfluss von Alkohol und Fussballrausch. Beispielsweise an einem schönen Vormittag in Konstanz, wenn einer Person die Argumente ausgehen, kann sie sich einfach mit rassistischen Äusserungen aushelfen. Es bewegt. 300m weiter hätte ich beim Abbiegen beinah ein Auto übersehen. Eine Konversation am Rande eines neuen Baukomplexes. Neue Nachbarschaft..
Sieg!
Na also: Die "Flüsterstadt" lässt sich vernehmen. Doch nach den Diskussionen und Veranstaltungen der letzten Jahre zum Thema Nationalsozialismus in Radolfzell (u.a. 2010 im "Milchwerk") anders als gedacht oder zu wünschen wäre: eine angeblich ebenso "informierte" wie spaßbereite Jugend ("Public Viewing", auch so ein Wort) schaut sich im Jahr 2012 (!) eine Live-Übertragung aus Donezk an (eine Stadt, die unter deutscher Besatzung 1941-1943 fast völlig zerstört wurde und in der 60.000 ihrer Einwohner ihr Leben verloren) und skandiert zu Fußballtoren von heute die NS-Siegesparolen von damals. Ein Jubeln, das beschämt. Aufhören!
"Austragungsort"
Verzeihung:
lies 'Danzig', statt 'Donezk',
eine Stadt, die in Folge der deutschen Besetzung 1939-1945 fast vollständig zerstört wurde.
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