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Radolfzell Naturschutztage: Deutschland und der Öko-Bluff

Viel Lob gab es zum Auftakt der Radolfzeller Naturschutztage für die grün-rote Landesregierung. Aber ist wirklich alles gold was glänzt? Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, kritisiert die leeren Versprechungen von Politik und Wirtschaft bei Öko-Angaben.

Jürgen Resch ist ein mutiger Mann. Der Geschäftsführer der in Radolfzell ansässigen, bundesweit tätigen Deutschen Umwelthilfe (DUH) sorgte mit seinem Impulsreferat zu Beginn der Radolfzeller Naturschutztage für Missklänge in den allgemeinen Lobgesängen auf die grün-rote Wende in der Landespolitik. So hatte beispielsweise der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Andre Baumann, bei der Begrüßung der rund 500 Besucher im Milchwerk unter anderem auf das richtungsweisende Agrarumweltprogramm, das Nationalparkgesetz, die Mittelerhöhung für grüne Politik und die anstehende Novellierung des Landesjagdgesetzes hingewiesen.

Für Jürgen Resch jedoch mehren sich die Zeichen, dass Deutschland als vermeintliches Umweltmusterland in der Praxis einem Öko-Bl uff erliegt, bei dem die Terminologie dem Zeitgeist entspricht, der tatsächliche Wandel aber vielfach ausbleibt. Er berichtete von der alltäglichen Arbeit seines rund 100 Mitarbeiter großen Teams, zu der die Überprüfung von Öko-Angaben zählt. Die DUH hat dabei zum Beispiel herausgefunden, dass angebliche Recycling-Verpackungen (wie zum Beispiel kompostierbare Plastiktüten) nicht halten, was sie versprechen. Das Schließen der Lücke zwischen Sein und Schein ist dabei meist mit gerichtlichen Auseinandersetzungen verbunden, bei denen dem DUH-Geschäftsführer gelegentlich auch persönlich hohe Geldstrafen drohen.

Das Hauptproblem sieht Jürgen Resch in der Untätigkeit von Politikern und Behörden – und dabei schließt er die grün-rote Landesregierung nicht aus. So spricht der Verbandsvertreter beispielsweise vom „grünen Kniefall“ vor einem Automobilkonzern, der bei der Einführung eines neuen Auto-Modells falsche Angaben zu CO- und Spritverbrauch gemacht habe. Das fällige Bußgeldverfahren lehnten sowohl die grün-rote Landesregierung (beziehungsweise Umweltminister Franz Untersteller) als auch der grüne Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn, mit dem Hinweis ab, dass jeweils der andere für die Maßregelung zuständig sei.

Die beim Referat anwesenden Landtagsabgeordneten Siegfried Lehmann (Grüne) und Gabi Rolland (SPD) machten gute Miene zum bösen Spiel, vor allem Gabi Rolland als umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion aber zeigte im Anschluss an das Referat großen Bedarf am argumentativen Austausch mit dem DUH-Geschäftsführer und wies im Sinne von Andre Baumann auf die Erfolge der Landesregierung in Sachen Umweltpolitik hin. Immerhin, beim Nabu-Vorsitzenden hat der Vortrag von Jürgen Resch für Nachdenklichkeit gesorgt: „Ich glaube, da haben wir etwas verpasst“, bemerkte Andre Baumann gestern am Rande der zentralen Pressekonferenz zu den Naturschutztagen.

 

Die Naturschutztage

Die Radolfzeller Naturschutztage dienen als Fachtagung für Natur- und Umweltschützer, gelten zugleich aber auch als richtungsweisend für die landes- und bundesweite Diskussion der Umweltpolitik. Die 1975 gegründete Deutsche Umwelthilfe unterstützt die (ebenfalls seit 1975 bestehenden) Naturschutztage, die die Naturschutzverbände Nabu und BUND im jährlichen Wechsel organisieren. (tol)

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