Mein

Radolfzell Landtagskandidaten im Portrait: Nese Erikli will auf dem grünen Zweig nach oben

Nese Erikli tritt für die Grünen im Wahlkreis Konstanz-Radolfzell an. Die ehrgeizige Grünen-Landtagskandidatin, die auch schon Kandidatin für den Bundestag war, bewegt sich zwischen Tradition und Erneuerung.

Deutschland ist ein Erbschaftsfall. Selten fällt das auf, denn gewählt wird ständig: Wer beerbt wen, welche Werte werden übernommen, wie ändert sich das Miteinander? Dass die regelmäßigen Nachlassregelungen im Vorfeld der Landtagswahl am 13. März besonders ins Auge fallen, liegt an der lokal spürbar gewordenen Globalisierung im Allgemeinen und der Flüchtlingsthematik im Besonderen. Und daran, dass im Wahlkreis Konstanz-Radolfzell erstmals mit Fabio Crivellari von der CDU und Nese Erikli von den Grünen zwei Kandidaten mit Migrationshintergrund zur Wahl stehen.

Sie will dazugehören

Bei Nese Erikli ist das mit dem Erben so eine Sache. Zum Typus, der den alten Krempel am liebsten entsorgt, gehört sie gewiss nicht. Die 34-Jährige will mitmachen, dazugehören. Zum Beispiel beim Konstanzer Hemdglonker: Ihr gefällt die Tradition, anders als andere in der Partei fremdelt sie nicht mit der Fasnacht. Also wagt sie ein Tänzchen und zieht sich prompt einen Bänderriss zu. Jetzt humpelt sie auf Krücken durch den Wahlkampf.

Es ist ein Sinnbild für das Bemühen ums Ankommen und das Streben nach einem würdigen Platz in der Gesellschaft. Geboren in Heilbronn, wächst Nese Erikli in einer Großfamilie mit sechs Kindern auf. Sie kommt aus sozial schwachen Verhältnissen, schätzt sich dennoch glücklich über ihre Kindheit und Jugend – Nese Erikli pflegt ihre Mutter bis zum Tod. Die familiäre Bindung fesselt sie dennoch nicht in einer Parallelwelt. In Heilbronn macht sie ihr Abitur, sie verdient sich in Besenwirtschaften der von Weinlandschaften umgebenen Stadt etwas dazu, hat nichts gegen Schweinefleisch und wird rabiat, wenn ein muslimischer Glaubensbruder sie vom unbotmäßigen Tragen eines Minirocks überzeugen möchte. Für sie steht fest, dass der Islam sich neu definieren muss.

Vielfalt, Freiheit, Weltoffenheit

Ist Nese Erikli deutscher als die Deutschen? Das wäre übertrieben, aber Deutschland ist für sie auf jeden Fall ein guter Kumpel. Klar, der Migrationshintergrund macht ihr zu schaffen und er bleibt für sie bis zu den Klausurarbeiten an der Konstanzer Uni, an der sie Jura studierte, spürbar. Renitent wird sie deshalb nicht, im Gegenteil scheinen die Nachteile als Ansporn zu wirken. Und die gewährten Hilfen werden für Nese Erikli zum Pflichtteil, was fast schwärmerisch zum Ausdruck kommt. Schlimm beispielsweise waren für das Kind die Probleme bei der Einschulung in Ermangelung eines Passes, stolz präsentiert die im Jahr 2002 Eingebürgerte (ihre türkische Staatsanghörigkeit gab sie auf) im Freundeskreis ihren frisch erworbenen deutschen Ausweis. Auch anderes begeistert sie: An der Volkshochschule könne man den Bauchtanz einstudieren, parallel dazu gebe es Volkstanzkurse. Und allein das Nebeneinander in der Kulinarik mit Küchen aus aller Welt – was für eine Vielfalt, Freiheit, Weltoffenheit!

Trotz Neigung zum Kult des närrischen Adabei, dem hohen Lied auf liberale Ess- und Kleidungsgewohnheiten oder des Glücks über den deutschen Ausweis, kippt die Assimilation nicht in die Anbetung herrschender Verhältnisse. Nese Erikli findet längst nicht alles gut im Land, sie sieht enormen Erneuerungsbedarf. Mit Verweis auf die Frauenquote von 20 Prozent im Landtag fordert sie dazu auf, dass sich Frauen endlich mehr trauen sollten, die Gäubahn-Entwicklung hält sie für überfällig und die weitere Versiegelung der Landschaft will sie verhindern. Für die Haltung von Landrat Frank Hämmerle in der Flüchtlingspolitik und seine Kritik an Angela Merkel hat sie kein Verständnis, nur in einem Punkt ist sie mit ihm einig: So wie die Aufnahme der Flüchtlinge derzeit gehandhabt werde, müsse die Integration scheitern. Die monatelange Unterbringung in Massenunterkünften sei das falsche Konzept, denn wie könnten die Flüchtlinge auf diese Weise schnell im Alltag ankommen? Sie äußert Respekt für die Leistung der Verwaltungsmitarbeiter und die Polizei – und bedauert sie, weil sie falsch eingesetzt werden.

Eine Gegenkandidatur war für sie selbstverständlich

Beim Schweinsgalopp durch die politischen Top-Themen fällt auf, dass der Wille da ist. Aber hat Nese Erikli selbst Konzepte? Das fände sie anmaßend. Vorerst hat sie nur viele Ideen, sieht Bausteine für die Zukunft, ohne gleich alles in Stein zu meißeln. Was das große Ganze anbelangt, verweist sie auf das Wahlprogramm der Landes-Grünen und auf Winfried Kretschmann. Wie der Ministerpräsident verstehe sie sich als wertkonservativ, mit einem Parteikollegen wie Jürgen Trittin beispielsweise kann sie sich nicht identifizieren.

Und mit Siegfried Lehmann? Gute Arbeit habe der von ihr beerbte, noch amtierende Grünen-Landtagsabgeordnete geleistet. Bei dessen innerparteilichen Enthronisierung beruft sie sich auf das, was sie an der Demokratie so sehr schätzt: „Ich habe etwas getan, was selbstverständlich ist in einer Demokratie. Ich habe mich zu einer Gegenkandidatur entschieden.“

Das Erbe aber wird Nese Erikli auf jeden Fall noch beschäftigen – nicht nur in der Politik. Wie rund 40 Prozent der Jura-Studenten ihres Prüfungsjahrgangs rasselte sie durchs Examen. Ihrer sterbenden Mutter aber hat sie versprochen, dass sie den Abschluss macht, also sitzt sie nach. An der Universität im österreichischen Linz wird demnächst ihre Diplom-Arbeit bewertet. Sie trägt den Titel „Sittenwidrige Bedingungen im Testament“.

 

Schwerpunkt bei der Innenpolitik

Persönliches: Nese Erikli (34) wurde in Heilbronn als jüngstes von sechs Geschwistern einer türkischstämmigen Gastarbeiterfamilie geboren. Vor 13 Jahren zog sie wegen eines Jurastudiums nach Konstanz, sie arbeitet inzwischen als Projektleiterin im Stiftungsmanagement für das Blaue Kreuz in Zürich. Nese Erikli ist ledig und gehört der muslimischen Glaubensgemeinschaft an. Sie bezeichnet sich als säkularisierte Muslimin.

Gesellschaftliches Engagement: Seit ihrem Wechsel an den Bodensee engagiert sich Nese Erikli im Umfeld der Grünen, eingetreten ist sie 2009. Sie ist Mitglied bei den Naturschutzverbänden Nabu und BUND, gehört außerdem dem Verein der Konstanzer Narrengesellschaft Niederburg an.

Politische Schwerpunkte: Nese Erikli beschäftigt sich vor allem mit innenpolitischen Themen, insbesondere mit der Inneren Sicherheit. Seit drei Jahren ist sie Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Demokratie, Recht und Innere Sicherheit der Grünen in Baden-Württemberg. Damit in Zusammenhang steht für sie die soziale Durchlässigkeit, für die nach ihrer Auffassung die Chancengleichheit bei der Bildung erforderlich ist.

Der Ersatzkandidat von Nese Erikli ist Günter Beyer-Köhler. Er ist von Beruf Zimmermeister. Seit 2004 gehört Günter Beyer-Köhler dem Gemeinderat Konstanz an, seit 2009 ist er Mitglied im Kreistag des Landkreises Konstanz. Dem verheirateten Vater von zwei Söhnen kommt es bei seinem kommunalpolitischen Engagement vor allem auf die verlässlichen Betreuungsangebote für Kinder und gerechte Bildungschancen an.

Regionale Produkte von Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein auf SÜDKURIER Inspirationen. Gleich Newsletter abonnieren und sparen!
Mehr zum Thema
Landtagswahl Konstanz Wahlkreis 56: Alles zur Landtagswahl im Wahlkreis 56 Konstanz: Kandidaten, Wahlkampf und Parteien.
Hier finden Sie das große Themenpaket zur Landtagswahl mit allen Informationen und Ergebnissen am Wahltag
Regionale Kalender 2017
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Radolfzell
Stahringen
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren