Nein, Wolfgang Fiedler hat dem Tier keinen Namen gegeben. Seit Mitte Juli teilten er und seine Frau die Wohnung mit der Fledermaus, fütterte sie mit zermanschten Mehlwürmern und päppelte so das noch nicht ganz flugfähige Jungtier auf. Inzwischen entließ er es in die Freiheit – just in dem Bereich, wo es eine Passantin am 13. Juli gefunden hatte. Das war in der Poststraße und die Frau übergab die Fledermaus Katja Martin vom gleichnamigen Schmuckladen, die sich ihrerseits mit Wolfgang Fiedler in Verbindung setzte.
Der Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Möggingen erkannte schnell die Besonderheit des Funds. Bei dem Tier handelt es sich um eine Weißrandfledermaus, die im mediterranen Raum beheimatet ist. Hierzulande gesichtet wurde die Art erst seit den 1990er Jahren, zunächst allerdings nur in Konstanz. Laut Wolfgang Fiedler geht man davon aus, dass das Tier von Süden her zuwanderte. So habe es Nachweise im Thurgau schon etwas früher gegeben, später kamen dann Funde vom Obersee und aus Bayern bis Augsburg hinzu. Noch allerdings ist die Weißrandfledermaus in Deutschland auf den äußersten Süden beschränkt.
Auch in Radolfzell wussten die Ornithologen aufgrund eines Fundes im Winter unweit des Forsteibrunnens, dass die Weißrandfledermaus ihren Lebensraum vergrößert. Ein Novum jedoch ist, dass mit dem jüngsten Fund der Nachweis eines Fortpflanzungsortes auf der Verbreitungskarte gegeben ist, da das Jungtier nach Einschätzung von Wolfgang Fiedler nur wenige Meter geflogen sein kann. Der Ornithologe geht außerdem davon aus, dass sich der Verband der Weißrandfledermäuse noch in der Nähe befindet, so dass sein Pflegling inzwischen wieder unter seinesgleichen sein dürfte.
Übrigens wurde in diesem Jahr nicht nur in Radolfzell ein Weißrandfledermaus-Baby gefunden. Auch in Gottmadingen gab es einen Fund, so dass die Ornithologen auch hier auf der Karte mit den Nachwuchsorten ein Kreuzchen machen können. Das verstärkte Aufkommen der Art könnte laut Wolfgang Fiedler durchaus ein Hinweis auf die Folgen des Klimawandels sein.
Trotz der Besonderheit hat der Pflegevater allerdings auf die Vergabe eines Namens für den kleinen Vampir verzichtet. „Das sind irgendwann einfach zu viele“, sagt er, der als Mitglied der AG für Fledermausschutz in Baden-Württemberg schon viele Artgenossen beherbergt hat. Er räumt außerdem ein, dass die Pflege keine appetitliche Angelegenheit ist. „Das ist eine ziemlich eklige Sache“, sagt er mit Verweis auf das Zerquetschen von Mehlwürmern. Außerdem glaubt er auch nicht, dass sein Schützling gut auf ihn zu sprechen ist. „Ich glaube, ich habe ihn ziemlich genervt.“
Hinzu mag die wissenschaftliche Distanz des Pflegevaters kommen – aber die muss nicht von jedem gewahrt werden. Dem Tier sei deshalb als Radolfzeller Neubürger ein Name verpasst: Mausi – Mausi die Erste! Damit wird sie leben müssen, auch wenn die Bezeichnung ganz bestimmt nicht korrekt ist. Mausi ist männlich.
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