Radolfzell Klare Worte zur Inklusion von Behinderten
Radolfzell ist an Inklusion interessiert. 200 Eltern, Lehrer und Erzieher kamen zum Vortrag von Professorin Jutta Schöler in die Turnhalle der Ratoldusschule. Bild: Glocker
Mit dem Vortrag der Erziehungswissenschaftlerin Jutta Schöler aus Berlin gab es nun klare Worte zum Thema Inklusion. Längst überfällig, wie die Diskussionsbereitschaft des Publikums zeigte. Angeregt durch die Abschaffung der Sonderschulen in Italien, beschäftigt sich die Professorin bereits seit den 80er Jahren mit dem Thema. Zahlreiche Familien und Schulen hat sie seither beim Prozess der Inklusion beziehungsweise Integration von Kindern mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen erfolgreich begleitet. Und auch der Initiative „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ steht sie seit geraumer Zeit beratend bei.
„Wir dürfen keinerlei Grenzen bei den einzelnen Kindern machen“, so eine der schlagkräftigen Aussagen von Professorin Jutta Schöler. Ihrer Erfahrung nach sei es nicht der Grad an Behinderung des Kindes, was im Schulalltag Schwierigkeiten bereitet, vielmehr liege es an den beteiligten Erwachsenen, die schlicht an die Grenzen ihrer Kooperationsfähigkeiten oder auch -bereitschaft stoßen. „Wenn Unterschiede in der Art oder im Grad der Behinderung gemacht werden, ist dies keine Inklusion. Außerdem würden wir auf eine Ghettoisierung von Schwer- oder Mehrfachbehinderten zusteuern“, so die Professorin.
Die Ganztagesschule sei sicherlich die richtige äußere Form für die Umsetzung von Inklusion, allerdings dürfe sich keine Schule – auch die Gymnasien nicht – hier aus der Verantwortung ziehen. „Es ist nicht Sinn der Sache, alle Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf die Hauptschulen zu schicken. Die Politik ist hier in der Pflicht“, so die Erziehungswissenschaftlerin und antwortete somit auf Befürchtungen aus dem Publikum. Dieses zeigte sich irritiert, dass die Vertreterin des Oberschulamts, Cornelia Briel-Niermann, sich bei der Veranstaltung eher als Gast darstellte denn als Mitstreiterin für die Inklusion.
Im Anschluss an den Vortrag drehte sich die Diskussion hauptsächlich um Bedingungen und Probleme der Umsetzung von Inklusion in Schulen. So meldete sich beispielsweise Franka Radau-Brunner zu Wort, die seit Frühjahr vergangenen Jahres ausgebildete Inklusions-Assistentin ist: „Die Schulen können mit mir noch nichts anfangen. Ich habe das Gefühl, dass die Lehrerschaft Angst davor hat, man würde ihnen Kompetenzen absprechen.“ Auch bei der Umsetzung von fachspezifischer Förderung in den Institutionen, wie beispielsweise bestimmter Therapiebehandlung im Kindergarten, gebe es Schwierigkeiten, obwohl die Heilmittellinien hierfür geändert wurden.
„An den Stellen muss gestritten werden. Die Änderung von Gesetzen sind ein Teil, danach kommt die Umsetzung und bis sich Erzieher, Lehrer, Rektoren oder auch Therapeuten umgestellt haben, braucht es Zeit und Hartnäckigkeit“, so die Professorin Jutta Schöler, die zu allen Befürchtungen und bisherigen Problemen, die das Publikum verlauten ließ, Beispiele für positive Umsetzung aufführte. Sätze, wie diese, solle kein Kind mehr sagen müssen: „Ich darf nicht auf die Schule der anderen gehen, weil ich dumm bin. Wenn ich sowieso dumm bin, warum soll ich denn lesen lernen?“
