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Radolfzell Integration: Stadt und Schulen planen für eine ungewisse Zukunft

Kindergarten und Schule sind erste wichtige Stationen bei der Integration von Flüchtlingen. Für Schulen und Stadtverwaltung stellt dies allerdings eine große Herausforderung dar. Man wolle möglichst schnell alle Kinder in das System von Kinderbetreuung und Schule einbinden, doch fehle es oft an Kapazitäten.

Das Begrüßungsritual ist allen bekannt. Ein kleiner Gummiball wird von Schüler zu Schüler geworfen. Wer ihn fängt, wünscht dem Werfer einen guten Morgen, sagt wie er sich heute fühlt und wirft ihn weiter. So beginnt jede Deutschstunde von Susanne Giera, Lehrerin an der Teggingerschule. Sie unterrichtet die Internationale Vorbereitungs-Klasse, kurz IVK genannt. Alle schulpflichtigen Flüchtlingskinder aus den Gemeinschaftsunterkünften lernen bei ihr nicht nur die Sprache, sondern auch den deutschen Schulalltag kennen. Nach spätestens einem Jahr sollen sie dann endgültig in den regulären Unterricht übergehen. So zumindest der Plan.

Die Integration in den Schulalltag ist eine Herausforderung

Norbert Schaible, Schulleiter der Grund- und Werkrealschule Teggingerschule, zuckt angesichts der aktuellen Situation, mit der er konfrontiert wird, mit den Schultern. „Wir müssen 17 Schüler aus der Vorbereitungsklasse in unsere zwei achten Klassen aufnehmen. Und ich weiß noch nicht wie das gehen soll“, sagt er. Es werde dazu in den nächsten Tagen eine Konferenz geben, um das Problem zu lösen. Wie so eine Lösung aussehen könnte, darüber könne er noch nichts sagen. „Eigentlich sind das zu viele für die zwei Klassen, wir brauchen da dringend eine Strategie“, sagt er. Zu viele Schüler, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, erst seit Kurzem die Sprache lernen und die nun im ganz normalen Unterricht mit deutschen Schülern mithalten müssen. Die Teggingerschule hat zwei IV-Klassen. Im Grundschulalter von sechs bis zehn Jahren werden derzeit 27 Schüler unterrichtet. Im Werkrealschulbereich von 11 bis 15 Jahren besuchen 24 Schüler diese Klasse. „Und damit sind wir eigentlich am Anschlag“, sagt Schulleiter Schaible.

Sich auf die Zukunft vorzubereiten, ohne zu wissen, wie viele Kinder eventuell mit dem Familiennachzug noch kommen, ist eine große Herausforderung für Schulen, Kindergärten und die Stadt Radolfzell. Neben der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum stellt die Kinderbetreuung, auch für nicht schulpflichtige Kinder, eine zentrale Aufgabe dar. „Wir sind mit den Sozialarbeitern in den Gemeinschaftsunterkünften in einem guten Austausch und darum bemüht, die Kinder in Kindertageseinrichtungen zu integrieren. Bisher konnten wir alle Kinder aufnehmen, die Kapazitäten sind aber nahezu erschöpft“, sagt Bürgermeisterin Monika Laule.

Die Betreuungssituation in den KiTas ist gut

Die Richtlinien des Kommunalverbands für Jugend und Soziales, der die Betriebserlaubnis für die Kitas erteilt, erlaube eine Überbelegung einer Kindergruppe mit bis zu zwei Kindern, sofern dies die Rahmenbedingungen wie Raum- und Personalsituation zulassen. Die Stadt werde von dieser Möglichkeit in den städtischen Kindergruppen bei Bedarf Gebrauch machen, kündigt Laule an. Im Februar werde man zu einem trägerübergreifenden Treffen einladen, um weitere Möglichkeiten mit den kirchlichen und freien Trägern in der Stadt auszuloten.

Dennoch sei die Versorgungssituation mit Betreuungsplätzen für Kinder von drei bis sechs Jahren in Radolfzell sehr gut, versichert Monika Laule. Theoretisch habe man allen Kindern einen Platz anbieten können. Auch biete die Stadt bereits seit zwei Jahren eine spezielle Sprachförderung vorerst in drei Betreuungseinrichtungen für Kinder mit Migrationshintergrund an. Aktuell nehmen 20 Kinder von drei bis fünf Jahren immer mittwochs und freitags daran teil. Für die Zukunft habe die Stadt beim Landkreis Konstanz angeregt, eine weitere Kindertageseinrichtung in unmittelbarer Nähe der Gemeinschaftsunterkunft in der Herrenlandstraße einzurichten. „Damit wäre gesichert, dass die Kinder zunächst einmal bis zum Abschluss des Asylverfahrens eine Einrichtung besuchen können“, sagt Laule.

 

Wie umgehen mit traumatisierten Kindern?

Vor allem für Lehrer stellen die neuen Schüler aus der Fremde eine besondere Herausforderung dar. Nicht nur die kulturellen Unterschiede und sprachlichen Probleme, auch traumatisierende Folgen der Flucht fordern von Lehrern einen besonderen Umgang. Unterstützung im Landkreis Konstanz bietet hierfür die schulpsychologische Beratungsstelle des Staatlichen Schulamtes. Diplom-Psychologin Friederike Felske berichtet von vielen Anfragen von Lehrern zu diesem Thema. „Es sind aber durchweg konstruktive Fragen, alle sind motiviert und bemüht Lösungen zu finden“, lobt sie die Lehrer im Kreis.

Viele Anfragen beziehen sich laut Felske auf konkreten Umgang mit vermutlich traumatisierten Kindern. Felske rät den Lehrern sich im Zweifelsfall Hilfe zu holen, ein Lehrer sei schließlich kein Therapeut. Auch würden sich Lehrer melden, die Radikalisierungstendenzen bei ihren Schülern oder deren Eltern bemerkt hätten. „Und das geht in beide Richtungen, sowohl rechtsradikal als auch islamradikal. Aber das sind zum Glück eher Ausnahmen“, so Felske. Das Kultusministerium habe für Lehrer spezielle Fortbildungen erstellt, die auf die Themen Kultur, psychologische Aufklärung und den Umgang mit Kindern, die hier fremd herkommen, eingehen.

 

Hilfe für Flüchtlinge


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