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Radolfzell In der alten Rafi-Dekotec-Halle ziehen bald Flüchtlinge ein

Die ersten Quartiere in der früheren Rafi-Dekotec-Halle sind fertig. Ab Mitte März können die ersten Flüchtlinge dort wohnen. Bei einem Besichtigungstermin sind viele Radolfzeller interessiert.

Wenn ein Unternehmen aus einer Stadt wegzieht, ist das in der Regel eine schlechte Nachricht. Im Fall der Firma Rafi-Dekotec, die nach Steißlingen gezogen ist, könnte dies aber zu einer guten Nachricht für etwa 700 Flüchtlinge werden. Denn in dem weitläufigen früheren Firmengebäude an der Herrenlandstraße werden nun so viele Plätze für eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. Kürzlich stellten Stadtverwaltung und Landratsamt den Stand auf der Baustelle vor – und mehr als 200 Interessierte kamen.

Leben in einem Industriegebäude

Ein Industriebauwerk in ein Gebäude umzuwandeln, in dem Menschen leben, ist für einen Planer eine Herausforderung. Rolf Zimmermann, Architekt aus Radolfzell, erklärte, wie er sie meistern will. Vom vorderen Eingang über einen Innenhof bis zum Hof hinter dem Gebäude soll es einen Hauptweg geben, von dem aus sieben sogenannte Häuser zugänglich sind. Die Idee: Eine Art Dorfstruktur zu schaffen, die für Übersicht in dem großen Komplex sorgt. Zum Vergleich: Die Einwohnerzahl von Möggingen wird mit mehr als 800 angegeben. Jedes Haus bildet praktisch eine in sich abgeschlossene Einheit, mit eigenem Sanitär-, Koch- und Aufenthaltsbereich. Aufenthaltsbereiche sollen möglichst gut mit Tageslicht versorgt werden, im Inneren des Gebäudes müssen teilweise Oberlichter genügen. Eigentlich sei sein Plan gewesen, Kühlschränke und Steckdosen in den Zimmern unterzubringen. Wegen des Brandschutzes sei dies nicht möglich, sodass Steckdosen – für Flüchtlinge wichtig, um Mobiltelefone zu laden – und Kühlschränke zentral untergebracht werden müssen. Für Ludwig Egenhofer, Leiter der Unteren Aufnahmebehörde im Landratsamt, kein Problem: „Die klauen sich gegenseitig nichts“, sagte er auf eine Bürgerfrage.

Drinnen erwarten die Besucher provisorische Wände aus OSB-Platten, aus denen Zimmer mit vier bis zwölf Betten gebaut wurden. Und mit richtigen Türen, die man hinter sich zuziehen kann – ein entscheidender Vorteil gegenüber einer herkömmlichen Notunterkunft wie in der Mettnauhalle, wo Bauzäune und Kunststoffplanen genügen müssen. Halleneinrichter Frank Lämmerzahl: „Eine Tür ist sehr wichtig wegen der Privatsphäre.“

Im Vergleich zu Notunterkünften in Turnhallen sind die deckenlosen Zimmer aus OSB-Platten deutlich komfortabler: zwei Vierer-Wohneinheiten, die über eine Verbindungstür zu einem Familienquartier verbunden werden können.
Im Vergleich zu Notunterkünften in Turnhallen sind die deckenlosen Zimmer aus OSB-Platten deutlich komfortabler: zwei Vierer-Wohneinheiten, die über eine Verbindungstür zu einem Familienquartier verbunden werden können. |

Wie werden Konflikte vermieden?


Die Fragen, die in großer Runde aus dem Publikum kamen, bezogen sich hauptsächlich darauf, wie die sieben Häuser so belegt werden können, dass Konflikte vermieden werden. Könnte man Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten oder Konfessionen trennen? Ludwig Egenhofer konnte nur darauf verweisen, dass von den Landeserstaufnahmestellen sehr kurzfristig gemeldet werde, wer in den Kreis Konstanz umzieht – mit den daraus folgenden Improvisationen bei der Belegung.

In kleineren Gruppen ging es aber auch ums Eingemachte. So beklagte Kerstin Koch gegenüber Willi Streit, dem Leiter des Polizeireviers Radolfzell, dass ihre jugendliche Tochter sich beim Baden mitunter von Flüchtlingen angestarrt fühle und sich daher etwa an der Mole nicht mehr wohl fühle. Doch die weniger sorgenvollen Stimmen überwogen: Karin Wäschle vom Flüchtlingshilfe-Verein Humanitas freut sich darüber, dass die Zimmer mit vier Betten und einer richtigen Tür eine gute Größe haben. Und Klaus Hendrich erzählt, dass er 1961 aus der damaligen DDR geflohen sei. Damals habe es pro Bett einen Schrank gegeben, in der neuen Unterkunft gibt es nur einen Schrank pro Zimmer. Ludwig Egenhofer versichert: „Den brauchen und fordern die Leute nicht.“ Und Hendrich zeigt sich enttäuscht über die große Politik: „Eigentlich sind wir ein Europa. Dass sich so viele abschotten, sollte effektiv anders sein.“

Ein Blick in den Wohnbereich: Auch wenn es im Vergleich zu Turnhallen schon deutlich mehr Privatsphäre gibt, gibt Oberbürgermeister Martin Staab zu bedenken: „Niemand dürfte sich darum schlagen, in so einer Halle zu leben.“
Ein Blick in den Wohnbereich: Auch wenn es im Vergleich zu Turnhallen schon deutlich mehr Privatsphäre gibt, gibt Oberbürgermeister Martin Staab zu bedenken: „Niemand dürfte sich darum schlagen, in so einer Halle zu leben.“ |

Hintergrund: Gebäude, Statistiken, Datenbank

 

Das Gebäude: Das frühere Gebäude der Firma Rafi-Decotec – auch unter dem früheren Firmennamen Dekorsy bekannt – liegt in der Herrenlandstraße im Gewerbegebiet West. Es ist laut Auskunft der Stadtverwaltung weiter im Besitz des Unternehmens. Der Landkreis mietet es für zunächst fünf Jahre, alle zwei Monate soll ein neuer Wohnbereich bezugsfertig sein, erklärt Ludwig Egenhofer, Leiter der Unteren Aufnahmebehörde im Konstanzer Landratsamt. Übergeben werde das Gebäude am 15. März, die Bewohner werden sukzessiv einziehen. Ein Sicherheitsdienst werde präsent sein und das Gelände werde videoüberwacht, so Egenhofer.

 

Die Statistiken: Nach städtischen Hochrechnungen dürften bis Ende dieses Jahres 900 bis 1000 Flüchtlinge in Radolfzell leben, sagte Oberbürgermeister Martin Staab am Rande des Besichtigungstermins. Mit der neuen Unterkunft werde die Stadt ihr Soll weiterhin erfüllen. Außerdem gebe es die Zusage von Landrat Frank Hämmerle, dass die Mettnauhalle bald wieder für Sportunterricht frei sein soll. Angedacht sei als Zeitpunkt der nächste Schuljahreswechsel, so Staab als Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Laut Kreisstatistik hatte die Stadt Ende 2015 414 Plätze in der Erstunterbringung, Ende 2016 soll der Wert bei mehr als 1200 liegen. (eph)

 

Online-Datenbank: Damit Angebot und Nachfrage in der Flüchtlingshilfe zusammenfinden, hat der SÜDKURIER eine Online-Datenbank eingerichtet. Wo Sie helfen können und womit, finden Sie in unseren stets aktualisierten Tabellen für die Region.Sie finden die Dinge, die benötigt werden, geordnet nach Regionen, unter: www.suedkurier.de/skhilft. Organisationen, die in die Datenbank aufgenommen werden möchten, können sich hier melden: skhilft@suedkurier.de

 

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