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Radolfzell Gedenktafel am SS-Schießstand enthüllt

Bewegende Momente gab es bei der Enthüllung einer Gedenktafel am ehemaligen Schießstand der Waffen-SS im Altbohlwald. Die Enkelin des Überlebenden Leonhard Oesterle bedankte sich dafür, dass sich Radolfzell mit der Geschichte ihres Großvaters auseinandersetzt.

Oberbürgermeister Jörg Schmidt und Miryam Stephan, die Enkelin des Überlebenden Leonhard Oesterle, enthüllen die Gedenktafel am ehemaligen Schießstand der Waffen-SS.
Oberbürgermeister Jörg Schmidt und Miryam Stephan, die Enkelin des Überlebenden Leonhard Oesterle, enthüllen die Gedenktafel am ehemaligen Schießstand der Waffen-SS. | Bild: Gerald arausch

Sie würde dann doch noch gerne etwas sagen. Sie hat nichts vorbereitet, aber weil ihre Mutter es wegen einer Zugverspätung nicht rechtzeitig geschafft hat zur Enthüllung der Gedenktafel am ehemaligen SS-Schießstand, steht Miryam Stephan plötzlich im Mittelpunkt. Sie ist die Enkelin von Leonhard Oesterle, dem vor fast genau 69 Jahren, am 15. November 1943, die Flucht aus dem Radolfzeller KZ-Außenlager gelang. Sie spricht über den Mut ihres Großvaters, seine Lebensfreude, seine Dankbarkeit für das schöne Leben, das er doch noch haben konnte. „Er hat meiner Mutter und mir beigebracht, die Menschen zu respektieren, wie sie sind“, erzählt die 24-Jährige. Die Geschichte ihres Großvaters hat auch ihr Leben geprägt. Sie bedankte sich dafür, dass sich die Stadt Radolfzell mit der Geschichte ihres Großvaters auseinandersetzt.

An Oesterle und die vielen anderen Häftlinge, die im KZ-Außenlager Radolfzell schuften mussten, erinnert nun eine Informationstafel am ehemaligen SS-Schießstand im Altbohlwald. Diese Tafel soll die Gewissheit verdeutlichen, dass Verbrechen nicht unentdeckt bleiben, sagt Alfred Heim, einer der Initiatoren. Die Menschen, die an diesem Ort gequält wurden und zu Tode kamen, waren keine Nummer, sie hatten ein Leben, eine Geschichte. Die Tafel selbst informiert über die Schießanlage und die unwürdigen Arbeitsbedingungen, unter denen sie gebaut wurde. „Wir müssen diese Orte dokumentieren und mit ihnen ein Zeichen setzen“, begründet Oberbürgermeister Jörg Schmidt in seiner Rede die Aufstellung, in Bevölkerung und Gemeinderat gibt es schließlich immer wieder Tendenzen, die Geschichte „endlich ruhen zu lassen“.

Doch die öffentliche Debatte um die Radolfzeller Geschichte hat in den vergangenen Jahren wieder Fahrt aufgenommen, weil immer wieder neue Generationen von Jugendlichen ihre Empörung nicht verstecken. So war es auch eine schöne Bereicherung, dass Constantin Prox und Cyrano Kono Kono, zwei Schüler des Friedrich-Hecker-Gymnasiums, zur Enthüllung der Tafel Auszüge aus Vernehmungsprotokollen und dem Bericht über Oesterles Flucht lasen. Die Beschreibung der körperlichen Misshandlungen im Lager und die Glücksgefühle Oesterles angesichts des rettenden Schweizer Ufers ließen die Zuhörer bewegt zurück.

Ergänzt wurden diese berührenden Texte von einem Brief Jiri Sedlaceks. Er ist der Sohn von Oldrich Sedlacek, einem weiteren Häftling, dem gemeinsam mit Leonhard Oesterle die Flucht gelang. Er hätte das Lager wohl nicht überlebt, die Flucht war seine letzte Chance. Historiker Markus Wolter hatte den Kontakt hergestellt und trug den Brief vor, der in den eindringlichen Worten an die anwesende Jugend gipfelte: „Ihr müsst die Entscheidung treffen, wie ihr leben wollt – als gute oder schlechte Menschen.“

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