SÜDKURIER-Domino: Monique Moelter verneigt sich im Gespräch vor Margarete Strübig. Die 67-Jährige ist vielfach engagiert, jetzt hat sie einen Selbsthilfe-Verein für Schlaganfall-Betroffene gegründet.Margarete, Du bist nicht selbst betroffen, setzt Dich einfach so für Schlaganfall-Betroffene ein.
Warum?
Von den Schwierigkeiten in Folge eines Schlaganfalls habe ich gewissermaßen nebenbei durch Kontakte in der Radolfzeller Ideenwerkstatt erfahren. Mir wurde klar, dass Hilfe notwendig ist. Es hat sich dann erst eine lose Gruppe gebildet, seit April sind wir ein Verein. Das hat sich so entwickelt, viel mehr lässt sich dazu nicht sagen.
Und wieso ist es notwendig, dass es so einen Selbsthilfe-Verein gibt?
Die Betroffenen haben es mehr als andere Menschen mit Behinderung mit Isolation und Einsamkeit zu tun. Das hängt damit zusammen, dass sie von einem Moment auf den anderen aus ihrem normalen Leben gerissen werden. Wie das Wort schon andeutet – es ist ein Schlag im Leben.
Wie ist Deine Erfahrung: Gehört die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung noch immer zum Alltag?
Ein Beispiel dazu: Als einer aus unserer Gruppe, der wegen eines Schlaganfalls unter Sprechstörungen leidet und auf einen Rollator angewiesen ist, bei einem Fest zwei junge Frauen darauf ansprach, ob er sich auf einen der freien Plätze auf ihrer Bank setzen dürfe, war die Antwort klar. „Eher nicht“, sagten die Frauen – das ist meine Erfahrung.
Was denkst Du bei solchen Erlebnissen?
Ich denke, dass die Leute froh sein sollten, wenn es ihnen gut geht. Wer weiß, wie lang das anhält. Ein Schlaganfall kommt aus heiterem Himmel und kann jeden, aber auch wirklich jeden Menschen treffen.
Du sagst, dass sich die Betroffenen gern in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Wie bekommt man sie da raus?
Kaffee-Kränzchen allein genügen jedenfalls nicht. Wir bieten regelmäßig Vorträge und Diskussionen. Wichtig sind vor allem Informationen, weil über Schlaganfälle, die Folgen oder Rehabilitationsmöglichkeiten das Wissen nicht sonderlich groß ist. Da bestehen sogar große Defizite in Krankenhäusern – bis hin zu fatalen ärztlichen Fehl diagnosen.
Kennst Du Beispiele?
Ja. Ich kenne einen Fall, bei dem ein Schlaganfall-Patient drei Tage lang als Drogenabhängiger eingestuft wurde. Und dann der Transport-Irrsinn zwischen den Krankenhäusern. Wegen des mangelnden Wissens und der Fehldiagnose wird nach einem Schlaganfall ein Patient oft von A nach B gekarrt, bis endlich geholfen wird. Bei Schlaganfällen kann das besonders schlimme Folgen haben, weil eventuell durch den Zeitverlust irreparable Schäden entstehen. Bei der Bewilligung von Reha-Maßnahmen gibt es ebenfalls immer wieder Probleme, auch in solchen Fällen ist der Verein nützlich.
Die Vereinsaktivitäten wollen finanziert sein. Woher kommt das Geld?
Bis jetzt sind wir aufgrund von Einmal-Spenden über die Runden gekommen. Aber die sind so gut wie aufgebraucht. Das heißt: Wir sind auf der Suche nach neuen Quellen. Und wenn ich das hier mal nebenbei erwähnen darf: Spenden an unseren Verein kann man absetzen.
Wenn ich mir jetzt diese alltägliche Vereinsarbeit vorstelle, komme ich auf meine Ausgangsfrage zurück: Warum setzt Du Dich für soziale Belange ein?
Es wird immer viel von der Bedeutung des Ehrenamts geredet. Ich habe den Begriff schon längst ersetzt und sage gern, dass ich mich eselsamtlich engagiere. Aber ich kann eben nicht anders. Mich interessiert dabei nicht die offizielle Funktion, bei der es immer gleich um die Rettung der ganzen Welt geht. Ich will etwas Konkretes tun. Deshalb habe ich zum Beispiel Pflegekinder betreut, deshalb habe ich eine Kinderschutzgruppe gegründet.
Respekt . . .
Man muss Verbesserungen erkämpfen, anders geht's nicht. Ich bemerke beispielsweise die bösen Blicke gegenüber Menschen, die durch die Folgen eines Schlaganfalls gehandicapt sind. Aber die Behinderten gehören zu uns. Man muss sie nicht verstecken.
Fragen: Monique Moelter
Antworten: Margarete Strübig
Zusammenfassung: Torsten Lucht