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Radolfzell Eine Flagge für Tibet

Die Stadtverwaltung in Radolfzell zeigt Solidarität mit Tibet. Die Lage der Tibeter ist weiterhin schlecht.

Wer heute am Rathaus vorbeikommt und den Blick ein wenig hebt, wird dort eine ungewohnte Fahne wehen sehen: Von einer Sonne im Zentrum führen darauf blaue und rote Strahlen nach außen, in der unteren Hälfte sind zwei Schneelöwen vor einem schneebedeckten Berg zu sehen. Es handelt sich um die Nationalflagge Tibets, die zum Gedenken an den Volksaufstand in Tibet am 10. März 1959 heute auch am Radolfzeller Rathaus weht.

Tashe Thaktsang, der aus Tibet stammt und als Allgemeinarzt in Radolfzell arbeitet, erklärt, was es mit der Aktion auf sich hat: „Es geht um ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit Tibet und den Tibetern.“ 1996 hat die Tibet Initiative Deutschland laut eigenen Angaben zum ersten Mal Städte, Gemeinden und Landkreise dazu aufgerufen, Flagge für Tibet zu zeigen. Über 1000 Städte in Deutschland beteiligen sich inzwischen an der Aktion, sagt Thaktsang. Eine davon ist Radolfzell, wo die tibetische Flagge seit über zehn Jahren am 10. März am Rathaus wehe. Als Thaktsang die Radolfzeller Stadtverwaltung erstmals darum bat, an der Aktion teilzunehmen, habe er beim damaligen Oberbürgermeister Jörg Schmidt gleich herzliche Zustimmung geerntet, erinnert er sich heute. Und: „Tibet hat sehr viele Unterstützer in Deutschland, wahrscheinlich weil es ein friedlicher Freiheitskampf ist“, so seine Einschätzung.

Und dieser Freiheitskampf gehe nach wie vor weiter, sagt Thaktsang. Denn speziell nach dem jüngsten Volksaufstand der Tibeter im Jahr 2008, den die kommunistische Führung in Peking ebenfalls niedergeschlagen hat, stünden die Tibeter in Tibet verstärkt unter dem Druck des Regimes. Beispielsweise finde eine verstärkte Umerziehung statt. Vor allem in den Klöstern würden Mönche dazu gezwungen, sich vom Dalai Lama loszusagen, die tibetische Kultur habe für die kommunistische Führung lediglich folkloristische Bedeutung, um sie den Touristen aus China und dem Ausland vorzuführen. Dabei sei gerade die Kultur für die Tibeter besonders wichtig. Denn es gehe nicht ums nackte Überleben der Menschen, sondern um ihr Überleben als Nation, erklärt Tashe Thaktsang.

Doch es gehe in Tibet auch um wirtschaftliche Interessen. So sei das Land reich an Bodenschätzen, zuletzt seien seltene Erden dort gefunden worden, die für die Elektronik-Industrie wichtig sind, sagt Thaktsang. Die chinesische Regierung verfolge nicht zuletzt deswegen eine Sinisierungspolitik in Tibet, aber auch in anderen Minderheitengebieten. Deren Größenordnung in Tibet illustriert der Arzt so: „Seit der Eröffnung der Tibetbahn im Jahr 2006 kommen täglich 2000 bis 3000 Chinesen nach Lhasa, um dort zu leben.“

In den Städten sei die chinesische Bevölkerung daher schon längst um ein Vielfaches größer als die tibetische. Lizenzen für die Eröffnung von Geschäften bekämen nur Chinesen, keine Tibeter. Und auch die Nomaden sollen jetzt sesshaft gemacht werden. Thaktsang fasst zusammen: „Die kommunistische Führung in Peking stört eine Sache an Tibet, nämlich dass dort Tibeter leben.“

All das schwingt mit, wenn am heutigen Dienstag die tibetische Flagge vor dem Radolfzeller Rathaus weht.


Hintergrund: Zu Person und Geschichte

Tashe Thaktsang: Der Arzt wurde 1951 in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, geboren. 1959 flüchtete er laut dem Lebenslauf auf seiner Internetseite nach Nordindien und kam 1963 ins Pestalozzi-Kinderdorf im Stockacher Stadtteil Wahlwies. Nach dem Abitur schloss sich ein Medizinstudium an, seit 1983 arbeitet Thaktsang als niedergelassener Allgemeinarzt in Radolfzell. Er war 20 Jahre lang politisch in verschiedenen tibetischen Vereinigungen aktiv.

Tibet und China: Tibet wurde 1912 ein unabhängiger Staat, wie es bei der Tibet Initiative Deutschland (TID) heißt. Staatsoberhäupter sind zunächst jeweils die Dalai Lamas. In den Jahren 1949 und 1950, nach der Machtübernahme der Kommunisten in Peking, eroberte die Volksbefreiungsarmee Tibet. Am 10. März 1959 kam es zum Volksaufstand in Tibet. 30 000 Menschen versammelten sich aus Sorge um den Dalai Lama um seine Sommerresidenz. Sieben Tage später warfen die chinesischen Truppen Granaten auf die Sommerresidenz, der Dalai Lama flüchtete ins indische Exil. Laut der TID kamen bei den Militäraktionen 1959 und 1960 etwa 80 000 Tibeter ums Leben. Im März 2008 kam es erneut zu heftigen Unruhen in Tibet. Laut der TID haben diese friedlich begonnen, eskalierten aber, als chinesische Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Demonstranten vorgingen. Etwa 200 Menschen starben bei den Unruhen. Seit 2009 kam es zudem zu über 130 Selbstverbrennungen. 2011 zog sich der Dalai Lama endgültig von der weltlichen Macht zurück. Alle fünf Jahre wählen die Exil-Tibeter ihre Regierung, der nun ein Premierminister vorsteht. Die heutige autonome Region Tibet umfasse nur ein Drittel des ursprünglichen Staatsgebiets, sagt Thaktsang. Die anderen beiden Drittel seien anderen chinesischen Provinzen angegliedert worden. In der autonomen Region leben laut seinen Schätzungen derzeit etwa zwei Millionen Tibeter und deutlich mehr Chinesen. Etwa 130 000 Tibeter leben weltweit im Exil, schätzt Tashe Thaktsang, etwa 500 davon in Deutschland.

Europäische Erklärung für Tibet: Am Samstag, 14. März, soll laut einer Pressemitteilung der TID die erste europäische Erklärung für Tibet offiziell verkündet werden. Zu den Unterzeichnern gehören namhafte europäische Politiker, aus Deutschland beispielsweise Claudia Roth (Grüne). Außerdem ist an diesem Tag eine Solidaritätskundgebung in Paris geplant. (eph)

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