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Radolfzell Ein machthungriger Choleriker

20.11.2008
Radolfzell -  Eugen Speer ist ein Bürgermeister der Radolfzeller Geschichte, auf den die Stadt nicht stolz sein kann. Vor genau 75 Jahren, nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933, verlangte Speer seinen Lohn für sein Engagement für die NSDAP. Anfang 1934 wurde Eugen Speer vom badischen Gauleiter Robert Wagner zum Bürgermeister von Radolfzell ernannt.

Das Radolfzeller Rathaus während der nationalsozialistischen Herrschaft. Eugen Speer wurde 1934 von der Partei für seine Dienste mit dem Bürgermeisterposten belohnt, aber bereits 1935 wieder entlassen.  Bild: Archiv Liedl

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Radolfzell – Mit der Ernennung nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ein fanatischer Nationalsozialist, der in Güttingen wohnhafte NSDAP-Kreisleiter Eugen Speer, verlangte seinen Lohn für jahrelangen Kampf für den „Führer“. Als „Feldmarschall vom Bodensee“ bekannt und gefürchtet, war Speer die zentrale Figur des Nationalsozialismus in der Region.

Zu Beginn des Jahres 1934 wurde Eugen Speer zum besoldeten Bürgermeister von Radolfzell ernannt. Die katholische Tageszeitung „Freie Stimme“ bemerkte über den neuen Bürgermeister: „Der Siegeszug der Hitlerbewegung in der Seegegend ist seinem Einfluss zu verdanken.“

Der Lebensweg des im Januar 1887 in Bruchsal geborenen Eugen Speer ist verschlungen. Mit 17 Jahren trat er als Soldat in die kaiserliche Marine ein, in der er während des Ersten Weltkriegs diente. An der Novemberrevolution in Kiel nahm er führend teil. Hier zeigte sich ein wesentlicher Charakterzug Speers: Ein unbedingter und gnadenloser Machtwille gepaart mit cholerischer Halsstarrigkeit. An die „rote“ Revolution glaubte er 1918/19 genauso inbrünstig, wie er bald schon glühender Anhänger Adolf Hitlers werden sollte. Den Lebensunterhalt bestritt er für seine vierköpfige Familie aus den Erträgen einer gepachteten Marinekantine in Kiel. 1919 zog die Familie nach Vaasbüttel in Schleswig-Holstein. Speer arbeitete als Gastronom, doch er wirtschaftete das Lokal herunter. Der überschuldete Pächter radikalisierte sich in den Inflationsjahren in politisch entgegengesetzter Richtung. Jetzt setzte er auf die völkische Karte und trat im Juni 1922 der NSDAP bei. 1927 versuchte er sich aus seiner Lage als Mitarbeiter der Haftpflichtversicherungsanstalt der Badischen Landwirtschaftskammer zu befreien und zog an den Bodensee. Er ließ sich 1929 in Güttingen nieder, wo er an seinem Anwesen an der heutigen Buchenseestraße als einer der ersten am Bodensee die Hakenkreuzfahne aufzog. Rasch arbeitete er sich rücksichtslos und brutal innerhalb der regionalen NSDAP nach vorne. Agitatorisch „glänzte“ der NSDAP-Kreisleiter durch publizistische Angriffe auf demokratische Politiker der katholischen Zentrums-Partei und der „marxistischen“ SPD. Sein Sprachrohr war das in Karlsruhe erscheinende NS-Blatt „Der Führer“, für dessen regelmäßige Beilage „Bodensee-Rundschau“ Speer verantwortlich zeichnete, bis schließlich im Herbst 1932 das gleichnamige NS-Blatt in Konstanz selbständig erscheinen konnte. Als Kreisleiter war es Speer im Frühjahr 1933 eine Genugtuung, eine Vielzahl demokratisch gewählter Politiker aus Gemeinderäten zu entfernen.

Bei den Wahlen vom 5. März 1933 wurde Eugen Speer für die NSDAP in den badischen Landtag gewählt. Als NSDAP-Kreisleiter erzwang er am 6. März 1933 das Ausbringen der Hakenkreuzfahne am Konstanzer Rathaus. Sein Einsatz wurde belohnt, als 1933 Gauleiter Robert Wagner Speer zum Gauinspekteur für die mehrere Landkreise bestimmte.

Der unbezahlte NSDAP-Kreisleiter und Gauinspekteur drängte auf einen besoldeten Posten, den er als Bürgermeister von Radolfzell tatsächlich erhielt. Zeitgleich mit der Berufung Speers wurde der Gemeinderat umgebildet und ausschließlich mit Nationalsozialisten besetzt. Die Dienstwohnung wurde auf Kosten der Stadt saniert und neu möbliert. Als Stadtoberhaupt (und zugleich NSDAP-Kreisleiter) trieb der neue Bürgermeister insbesondere das Projekt eines Kasernenbaus für die SS voran.

Doch wie viele „alte Kämpfer“ der NS-Bewegung war auch dieser fanatische Agitator mit komplexen Verwaltungsaufgaben vollständig überfordert. Speer schreckte beispielsweise nicht davor zurück, im März 1935 in Güttingen den NSDAP-Ortsgruppenleiter „öffentlich zu beschimpfen und zu beohrfeigen“. Zwangsläufig endete die Karriere mit dem Sturz des untragbaren „alten Kämpfers“. Bereits im Sommer 1934 wurde er als Kreisleiter abgelöst (sein kommissarischer Nachfolger fand in einem Keller der Konstanzer Kreisleitung rund 2000 unerledigte Schriftstücke vor), zum 30. Juni 1935 wurde er als Bürgermeister entlassen und schließlich aus der NSDAP ausgeschlossen. Hoffnungslos überschuldet musste Speer Radolfzell verlassen und arbeitete erneut erfolglos in der Versicherungsbranche. In Hagsfeld bei Karlsruhe verstarb der 49-jährige Nationalsozialist im Oktober 1936 an den Folgen einer Lungenentzündung – so lautete zumindest offiziell die in wortkargen Pressenotizen verbreitete Version der Todesursache.

Termin: Am Freitag, 21. November, hält der Historiker Jürgen Klöckler um 20 Uhr im Stadtmuseum einen Vortrag über die nationalsozialistische Kommunalpolitik am Bodensee

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