Radolfzell Ein Berufsstand kämpft ums Überleben
02.01.2010
Das ist etwas Neues: Am 4. Januar wollen die Fischer vom Untersee auf die Straße gehen. Sonst eher weniger für politischen Aktionismus bekannt, hat sie nun die Wut gepackt: Sie machen sich Sorgen um das Aussterben der Äsche, einen Beutefisch des Kormorans. Der SÜDKURIER erkundigte sich bei Reinhart Sosat, Referent für Arten- und Gewässerschutz beim Landesfischereiverband, über die Hintergründe der Aktion.
Herr Sosat, wieviele Berufsfischer gibt es derzeit am Untersee?
Es sind ungefähr 40 Betriebe, einschließlich der Schweizer Fischer.
Wieviele Tonnen Fisch fangen diese in etwa pro Jahr?
Das sind ungefähr 180 Tonnen Fisch jährlich – im Schnitt. Die Fangerträge sind leicht rückläufig.
Die Fischer haben vor, anlässlich der Naturschutztage in Radolfzell zu demonstrieren. Um was geht es ihnen und was haben sie vor?
Wir haben vor, die Äsche symbolisch zu Grabe zu tragen. Die Äsche ist der Fisch, der unter dem Kormoran am meisten leidet. Denn er bildet in Gefahrensituationen ein Schwarmverhalten aus. Das ist normalerweise sinnvoll, Kormorane aber jagen auch Schwärme. Durch Wiederbesatzmaßnahmen hat sich die Äsche angesiedelt, jetzt verringert sich ihr Bestand zusehends. Bei der Demonstration werden wir die Äsche bei einem Protestzug vom Bahnhof bis zum Milchwerk auf einer Bahre transportieren. Dort wird eine Trauerrede gehalten. Wir wollen damit die Öffentlichkeit auf die Situation aufmerksam machen.
Ist das nicht eine verkehrte Welt, wenn Fischer demonstrieren gehen und die Naturschutzverbände auf der anderen Seite stehen?
Doch, die Welten haben sich schon verdreht. Dass man sich gegen einseitigen Naturschutz wehren muss, ist etwas Neues. Zumal die Fischer das Demonstrieren nicht gewöhnt sind. Wir wollen klarstellen, dass wir die Natur schützen, aber sie auch nutzen. Es sterben Arten aus und einem Berufsstand wird das Leben sehr schwer gemacht.
Der Naturschutzbund fordert, die Fischerei in FFH-Gebieten, in Vogelschutzgebieten und zur Brutzeit zu verbieten. Sehen die Fischer dadurch ihre Existenz bedroht?
Würde das umgesetzt, dann wäre der Untersee für die Fischerei praktisch komplett gesperrt. Die Vögel haben sich aber am Untersee angesiedelt, während dort gleichzeitig gefischt wurde. Warum soll es also jetzt ein Problem sein? Ich denke, dass die Forderung eine Retourkutsche zur Kormorandiskussion ist. Man will die Fischer vom See vertreiben. Auf die Fischbestände würde dann aber niemand mehr achten.
Die Diskussion zwischen Fischern und Vogelschützern um den Kormoran wird sehr emotional geführt. Sehen Sie denn eine Lösung?
In 90 Prozent unserer Forderungen stimmen wir ja mit dem Nabu überein. Außerdem wollen wir den Kormoran schließlich nicht ausrotten. Ich würde mir vom Nabu mehr Pragmatismus und weniger Ideologie wünschen. Fische, Fischer und Vögel sollten überleben können. In jüngster Zeit interessiert sich der Nabu zunehmend für Gewässer, Überschneidungen gibt es also genügend.
Fragen: Claudia Wagner
