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Radolfzell „Die Natur kennt keine Grenzen“

26.06.2012
Radolfzell -  Seit 25 Jahren setzt sich die Stiftung Euronatur von Radolfzell aus als „Anwalt der Natur“ für bedrohte Arten und Schutzgebiete ein. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Gabriel Schwaderer über die europäische Idee, Natur als Kulisse und Todesfallen für Zugvögel

Naturschutz muss auch über Grenzen hinweg funktionieren: Euronatur-Geschäftsführer Gabriel Schwaderer (rechts) im Gespräch mit Projektpartner Spase Shumka von der albanischen Naturschutzorganisation PPNEA.  Bild: Annette Spangenberg/Euronatur

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Herr Schwaderer, von Radolfzell aus kämpft Euronatur für bedrohte Tierarten und den Naturschutz. Warum gerade hier?

Das liegt in unserer Geschichte. Gerhard Thielcke war eine zentrale Figur bei der Gründung der Stiftung, ein echter Visionär. Die Hauptgeschäftsstelle war immer hier, inzwischen haben wir auch unseren rechtlichen Sitz in Radolfzell.

Die Projekte sind jedoch vornehmlich in Süd- und Südosteuropa. Warum nicht hier in der Region?

Mitte der 80er-Jahre gab es noch kein geeintes Europa, aber das „europäische Haus“ hat durch Staaten wie Griechenland, Spanien und Portugal Zuwachs bekommen. Wir haben uns gefragt: Was ist mit dem europäischen Garten? Durch europäische Steuergelder wurde überall die industrielle Landwirtschaft befördert. Wir haben erkannt, dass es nicht ausreicht, in Deutschland positive Entwicklungen voranzubringen. So wurde die Idee einer europaweiten Bewegung geboren, für eine Natur ohne Grenzen. Die jungen europäischen Mitgliedsstaaten hatten gerade erst Diktaturen überwunden – dort gab es kaum zivilgesellschaftliches Engagement wie in Mittel- oder Nordeuropa. Die Gründung von Euronatur war der Versuch einer Antwort auf diese europäischen Fragen.

Welche Basis lieferten dafür die Erfahrungen aus der deutschen Naturschutzbewegung, besonders hier am Bodensee?

Von Anfang an waren bei Euronatur die Zugvögel im Fokus. Der Bodensee ist ein wichtiges Rast- und Wintergebiet und ein Modell dafür, wie auch bei hohem Nutzungsdruck Lebensräume geschützt werden können.

Außerdem geht es bei Euronatur um Braunbären, Wölfe und Störche. Wie werden die Projekte priorisiert?

Es gibt Arten, die sich als Flaggschiff und als Schirmart anbieten. Wenn die Bären erhalten werden, hilft es auch vielen anderen Tieren. Wir konzentrieren uns auf Arten mit einem großen Raumbedarf. Damit können wir deutlich machen, dass es große Schutzgebiete, über Ländergrenzen hinweg, geben muss. Und wir fokussieren auf Arten, die im Zusammenleben mit Menschen Konflikte erzeugen. Um dieses Zusammenleben zu organisieren, braucht es politische Antworten, eine Veränderung der Matrix und ein anderes Wildtiermanagement. Wir brauchen wieder mehr Naturnähe.

Ist uns Menschen denn die Natur abhanden gekommen?

Ja! Diese Entfremdung ist wirklich ein Problem. Für die seelische Balance ist es wichtig, mit der Natur in Berührung zu kommen, und zwar kontemplativ. Natur ist doch nur noch Kulisse für Trendsportarten. Euronatur will auch dafür sensibilisieren, was wir im Begriff sind zu verlieren.

Auf ganz Europa bezogen ist das eine ziemliche Aufgabe.

Wir können nicht alle Probleme lösen, wir können nur Modelle schaffen und vor allem die Zivilgesellschaften in den jeweiligen Ländern stärken. Die Bürger sollen sich verantwortlich fühlen für das, was in ihren Ländern passiert.

Sie unterstützen Partnerorganisationen vor Ort. Wie kann man sich die Arbeit von Euronatur vorstellen?

Wir wollen keine Euronatur-Ableger aufbauen, sondern Partnerorganisationen dabei helfen, Probleme zu lösen. Dabei bringen wir unsere Erfahrung und unser Netzwerk ein. Um sich durchzusetzen, zum Beispiel beim Thema Straßenbau, hilft es aber oftmals nur, an europäisches Recht zu erinnern.

Und der europäische Gedanke, der derzeit so leidet: Ist das der richtige Ansatz für dieses heterogene Staatengebilde?

Die europäische Integration ist richtig! Manchmal wird es einsam um einen, wenn man sagt, dass es eine Beitrittsperspektive für alle jugoslawischen Folgestaaten geben muss. Aber das ist für Frieden und Stabilität in der Region unverzichtbar! Momentan findet außerdem ein Generalangriff auf die Flüsse in Südosteuropa statt, zur Energiegewinnung. Dort fehlt eine übergeordnete Strategie. Euronatur hat immer gesagt, dass die EU auch eine Umweltunion sein muss, nicht nur eine Wirtschaftsunion.

Welche Aufgaben stehen denn für die kommenden Jahre im Fokus?

Vor allem die Vogeljagd an der Adria. Das ist eine Todesfalle. Sogar ganze Arten sind bedroht. Auch die Balkanflüsse, das blaue Herz Europas, sind ein wichtiges Projekt. Dabei ist für uns nachhaltige Regionalentwicklung immer ein Aspekt des Naturschutzes. Das kann zum Beispiel ein neuer Ofen für eine albanische Schule sein, damit im benachbarten Nationalpark weniger Bäume für Brennholz gefällt werden. Die existenziellen Probleme der Bevölkerung müssen ernst genommen werden. Armut darf nicht Bedingung sein für Naturschutz.

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