Mein

Radolfzell Den Fledermäusen auf der Spur

08.11.2011
Zum Thema


Ioanna Salvarina erforscht am See das Fressverhalten der Fledermäuse. Die junge Griechin schreibt darüber ihre Doktorarbeit. Die Zukunft ihres Heimatlandes liegt ihr aber genauso am Herzen.
Sie kann dem Thema nicht entkommen. Wenn Ioanna Salvarina sagt, dass sie Griechin ist, kommt das Gespräch unweigerlich auf die Krise. Die Zustände in ihrem Heimatland, das fehlende Geld, die Vorurteile. Der Debatte geht die junge Frau nicht aus dem Weg, sie hat sich so ihren Kopf gemacht. „Es ist ein großes Problem und es wird immer schlimmer“, sagt sie. Ihre Freunde zu Hause haben keinen Job, keine Perspektive und viel Wut im Bauch. Sie hat ein Büro im Limnologischen Institut der Universität Konstanz, eine Wohnung im Paradies und ein spannendes Projekt in der International Max Planck Research School for Organismal Biology (IMPRS), einer Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für Ornithologie in Möggingen und der Uni Konstanz. Sie weiß, dass sie momentan Glück hat – aber all die Vorurteile und die negativen Meinungen über ihr Heimatland will sie nicht einfach so hinnehmen. Griechenland ist gerade überall. Auch am Mindelsee.

Denn dort erforscht die 32-jährige Griechin das Fressverhalten von Fledermäusen. Grob und reichlich unwissenschaftlich zusammengefasst untersucht sie, welche Insekten die verschiedenen Fledermausarten fressen und wie sich der Nährstoffreichtum des Sees darauf auswirkt. Dazu vergleicht sie die Daten des Mindelsees, des Bodensees bei Egg und des Siechenweihers bei Meersburg. Drei unterschiedlich nährstoffreiche, also eutrophische Gewässer sind das, die jeweils andere Lebensbedingungen für Insekten bieten. Mit diesem Projekt, dem Thema ihrer Doktorarbeit, verbindet sie sozusagen das Wasser mit dem Land. In Griechenland hat sich die Biologin mit Seen und Plankton beschäftigt, jetzt geht sie einen Schritt weiter.

Das wird ihr durch das IMPRS ermöglicht. 44 Wissenschaftler aus 19 Ländern forschen dort an unterschiedlichen Themen. Das Netzwerken und der Austausch untereinander macht das Angebot für Ioanna Salvarina so spannend. „Das Programm ist sehr gut, alle sind hoch motiviert und arbeiten an faszinierenden Themen“, erzählt sie. Für die vielen internationalen Wissenschaftler bietet das IMPRS auch soziale Anknüpfungspunkte – mit den Deutschen fällt das am Anfang noch schwerer. Ioanna Salvarina lernt Deutsch, aber noch kann sie nicht viel erzählen, was sie sehr traurig findet. Besonders, weil sie den netten Menschen vom Meersburger Angelsport-Verein so gerne erklären würde, was sie so treibt am Siechenweiher. Der Verein hat ihr die kleine Hütte zur Verfügung gestellt, dort kann sie während der Feldforschung übernachten. „Und ich kann auf Deutsch nur wenig sagen wie ‚Heute gibt es viele Fledermäuse'“, bedauert sie.

Das findet sie mit Aufnahmen der Fledermaus-Laute heraus. Gleichzeitig fängt sie in speziellen Fallen auf dem Wasser Insekten. So kann sie einen Zusammenhang herstellen zwischen der Anzahl der Fledermäuse pro Nacht und den geschlüpften Insekten. Im Idealfall ergibt das zusammen mit dem Kot der Fledermäuse ein schlüssiges Bild. Ein komplexes Thema also. Ioanna Salvarina befindet sich noch in der Anfangsphase, sammelt Daten. Das bedeutet lange Nächte

am Seeufer, die Messgeräte immer im Blick. „Am Anfang war das schon ein bisschen unheimlich“, bekennt sie, inzwischen hat sie sich daran gewöhnt.

In insgesamt vier Jahren hofft sie fertig zu sein mit ihrer Doktorarbeit, das hängt aber wesentlich von den Ergebnissen der Feldforschung ab. Der Sommer sei sehr schlecht gewesen mit all dem Regen. Dann kann sie die empfindlichen Geräte nicht aufstellen.

Ein bisschen Zeit in Konstanz und Radolfzell bleibt ihr also noch. Beim ersten Mal habe sie sich gleich hier zu Hause gefühlt, sagt Ioanna Salvarina. Das habe sich aber geändert – vermutlich, weil sie nun ein bisschen Deutsch versteht. Sie vermisst das Meer und die Art, wie man in Griechenland die Abende verbringt. Mit traditioneller Musik, Freunden und der speziellen Atmosphäre, die wohl Heimat ausmacht. Aber die Arbeitsbedingungen in Deutschland seien gut, die Wissenschaft auch. Woran das liegt? Natürlich am Geld.

Forschen in Möggingen

Die International Max Planck Research School (IMPRS) for Organismal Biology ist eine Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für Ornithologie Möggingen und dem Bereich Biologie an der Universität Konstanz. Ein "stimulierendes Forschungsumfeld" für Doktoranden ist das Ziel dieser Zusammenarbeit. Die Wissenschaftler besuchen zusätzlich zu ihrer Doktorarbeit Kurse und Workshops, sie können an Symposien und Konferenzen teilnehmen. Die Forschungsbereiche sind Tierverhalten, Ökologie, Evolution, Physiologie und Neurobiologie.

Informationen im Internet:

www.orn.mpg.de

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln