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Radolfzell Bürger errichten Gedenktafel für KZ-Häftlinge

Vier engagierte Bürger haben am Rande des Altbohlwalds an der ehemaligen SS-Schießanlage eine Gedenktafel errichtet. Sie erinnert an die 113 KZ-Häftlinge, die dort den Schießstand errichten mussten.

Nach etwa eineinhalb Stunden hängt die Gedenktafel. Alfred Heim (v. li.), Bettina und Günter Köhler und Markus Wolter haben sie an einer Betonwand bei der ehemaligen SS-Schießanlage am Altbohlwald angebracht.
Nach etwa eineinhalb Stunden hängt die Gedenktafel. Alfred Heim (v. li.), Bettina und Günter Köhler und Markus Wolter haben sie an einer Betonwand bei der ehemaligen SS-Schießanlage am Altbohlwald angebracht. | Bild: Bild: Wagner

Radolfzell – Ein wenig unheimlich wirkt dieser Platz auch heute noch – schon gar in der Abenddämmerung eines trüben Tages: An einem Betonbau der ehemaligen Schießanlage der Nationalsozialisten unweit des Erdbeerfeldes nördlich der Weinburg haben sich vier Personen eingefunden. Bettina und Günter Köhler, Markus Wolter und Alfred Heim wollen hier ein Zeichen setzen. Sie haben eine drei mal 1,50 Meter große Tafel anfertigen lassen, die der 113 Häftlinge, die an diesem Ort die Schießanlage für die SS-Kaserne errichteten, gedenkt. Ihre Hoffnung: „Hier kommen Fußgänger vorbei, auch Fremde, wir möchten sie informieren und zum Nachdenken anregen“, so Günter Köhler.

Der Anlass ihres Handelns ist die aus ihrer Sicht trügerische Ruhe, die nach der öffentlichen Vorführung der filmischen Dokumentation Günter Köhlers zur NS-Zeit und der Aufführung des Stücks „Flüsterstadt“ eingetreten ist. „Es ist höchste Zeit, dass wir aktiv werden. Es ist in der Stadt eine gewisse Offenheit für das Thema da, aber sie schwindet wieder“, erläutert Alfred Heim. Günter Köhler setzt indessen die Bohrmaschine an, um das große Schild an den unebenen Beton zu schrauben. Es zeigt ein Foto von KZ-Häftlingen bei der Arbeit. Der Text dazu: „113 Häftlinge des KZ Dachau, Außenstelle Radolfzell, wurden hier 1941 und 1942 geschunden. Unter unmenschlichen Bedingungen wurden sie gezwungen, die Schießanlage der SS fertig zu stellen.“ Darunter ist ein Zitat des ehemaligen KZ-Häftlings Leonhard Oesterle, dem 1943 die Flucht aus der SS-Kaserne gelang, platziert: „Ich war enttäuscht, wie wenig man von uns wissen wollte.“

Die Kritik der vier zeitgeschichtlich Engagierten richtet sich in erster Linie auf die Zögerlichkeit der Stadtverwaltung. In Singen habe die Stadtverwaltung die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit übernommen, nachdem Privatleute den Anstoß dazu gegeben hatten. In Radolfzell habe man als interessierter Bürger das Gefühl, so Alfred Heim, man müsse immer wieder antreiben. Markus Wolter, Historiker aus Freiburg, der sich dem Thema seit längerem intensiv widmet, sieht die Probleme durchaus im Detail. Auf der Homepage der Stadtverwaltung werde der Nationalsozialismus ausgeklammert. Er fürchtet, dass eine umfangreiche Stadtgeschichte, die Stadtrat Christof Stadler für das Jahr 2017 angeregt hatte, eventuell nicht realisiert werde. „Es ist auch die Frage, wer sie schreibt. Sinnvoll wäre es, wenn sie, gerade zu diesem Thema, Beiträge von mehreren Autoren enthält.“ Derzeit seien verschiedene Gruppierungen mit der Thematik beschäftigt. Jetzt gelte es, dass jede Gruppe ihre Stärke einbringe, dass man nicht gegeneinander arbeite.

Ebenso skeptisch blicken die vier auf den diesjährigen Volkstrauertag voraus. Wenn dieser wie gewohnt am Kriegerdenkmal stattfinde, hätte man aus der Diskussion wenig gelernt.

Später, als es rund um den Altbohlwald allmählich dunkel wird, hängt die Tafel fest am Beton. Der offenen Diskussion über das Thema wollen die vier Radolfzeller das Handeln an die Seite stellen. Jetzt sind sie gespannt auf die Reaktionen aus der Bevölkerung.

Kommentar, Seite 22

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