Mein

Radolfzell Aus Nummern werden Menschen

Radolfzell erinnert sich mit einem Versöhnungsweg und vorangegangenem Vortrag an das KZ-Außenkommando während des Nationalsozialismus.

Radolfzell – „SS-Hauptscharführer Seuß schlug die Gefangenen sehr oft während ihrer Zeit in Radolfzell. Er schlug sie mit seinen Händen, mit Stöcken und trat sie auch mit Füßen.“ So gab es Hugo Lausterer, Wachmann des Arbeitskommandos unter Kommandoführer Seuß und Mitangeklagter des Dachau-Hauptprozesses von 1945, zu Protokoll. Auch Josef Seuß, der von den Amerikanern zum Tode verurteilt wurde, gab zu, in Radolfzell „besonders hart gegen Häftlinge vorgegangen zu sein und sie misshandelt zu haben“, wie Historiker Markus Wolter Sonntag im Rathaus Radolfzell referierte. Diese Zitate veranschaulichten, was in Radolfzell damals passierte. Und darauf reagierte das Publikum mit einigen Fragen zum Ausmaß der Geschehnisse. Die Bedeutung des Dachauer KZ-Außenkommandos werde von vielen Radolfzellern noch nicht wahrgenommen, so klang es aus dem Publikum.

Die Bedeutung werde oft anhand der Größe der Außenkommandos beziehungsweise der Menge an Häftlingen in Lagern gemessen, Quantität sei aber nicht das richtige Kriterium, um die Brisanz der Geschehnisse zu erkennen, so der Historiker und gebürtige Radolfzeller Markus Wolter. „Die Häftlinge wurden in Radolfzell nicht systematisch umgebracht, sie wurden zur Zwangsarbeit an der Schießanlage benutzt und lebten unter verheerenden Umständen. Was es nicht weniger schlimm macht und das muss allen klar werden“, so Wolter. Auch wenn viele Unterlagen vernichtet wurden, überliefert sei unter anderem, dass die Häftlinge lediglich das Minimum an Verpflegung bekamen, um arbeiten zu können, erklärte Wolter weiter.

Auch nach den Reaktionen der Öffentlichkeit wurde gefragt: „Waren die Leute etwa stolz auf die SS-Kaserne?“ Nach dem, was man aus Dokumenten oder journalistischen Berichten weiß, sei es durchaus willkommen gewesen, dass man nun Anschluss an die großen Ereignisse im Reich hatte, antwortete Wolter. Dieses Bild werde noch klarer, wenn man sich vorstellt, dass sich die SS bei der Radolfzeller Fastnacht öffentlich engagiert hat, fügte der Historiker hinzu.

Mit dem Versöhnungsweg, der am Freitag, 8. April, ab 15 Uhr (wir berichteten) stattfindet, wollen der Arbeitskreis Christlicher Kirchen und das Weltkloster nicht die Aufarbeitung der Geschichte beenden. „Wir wollen hiermit Verantwortung übernehmen und den Häftlingen ihre Würde wieder geben. Durch Markus Wolters Recherchen sind uns die meisten Namen nun bekannt. Wir wollen sie aussprechen, damit sie nicht mehr nur Nummern sind“, betonte Stadtrat Christof Stadler.

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online.
Exklusive Bodenseeweine
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017