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20.06.2012  |  von NICOLA M. WESTPHAL  |  0 Kommentare

Radolfzell Als der Fußball von Hand geflickt wurde

Radolfzell -  Public Viewing im Vereinsheim und ausgetretene Schuhe auf dem Fußballfeld. Der ehemalige Kicker Günter Schötzau blickt zurück auf acht Fußballjahrzehnte.

Der FC 03 Radolfzell im Jahr 1930. Wie sich der Fußball im Laufe der Jahre verändert hat, erzählt Günter Schötzau (kleines Bild), der 1937 dem Fußballclub beitrat.  Bild: privat

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Die Fuß ball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ist auch in Radolfzell das Top-Thema. Günter Schötzau kann eine Menge über den Fußballsport erzählen, weil der 85-Jährige die Entwicklung des Fußballs seit Jahrzehnten verfolgt, auch als aktiver Spieler. Als Zehnjähriger, im Mai 1937, trat er in den FC 03 Radolfzell ein. Der Fußballbegeisterte erzählt: „Es gab nur eine Jugendmannschaft, in der Jungs ab 15 Jahren kickten. Und ich durfte als 10-jähriger Knirps mitspielen.“ Dann kam der Krieg. Als er 1946 aus der Gefangenschaft heimkehrte und sich mit Gleichaltrigen auf dem alten Fußballareal traf, beschloss man, eine neue Mannschaft auf die Beine zu stellen. Für die Jungs bot der Fußball die Chance, das, was sie in den Kriegsjahren erleben mussten, für einen Moment zu vergessen und zur Normalität zurück zu kehren. Günter Schötzau erinnert sich: „In einer alten Baracke auf dem Mettnau-Sportplatz waren unsere Mannschaftsräume mit improvisierten Duschen. Und mit einem Holzvergaser sind wir im Winter bis in den Schwarzwald zu einem Auswärtsspiel gefahren.“ Fußballschuhe hätte es nach dem Krieg nicht gegeben. Der alte Schuster Franz Schmid habe alte Schuhe mit Hingabe repariert und Platzwart August Ritschle habe die Fußbälle aufwändig genäht und geflickt, erinnert sich Günter Schötzau zurück und betont: „Viele alte Fußballer werden den beiden das nie vergessen.“ Erst nach der Währungsreform, als die Hersteller von Sportartikeln groß wurden, war es einfach, Bälle, Schuhe und Zubehör zu kaufen.

Die Hersteller förderten den Absatz der Waren, indem sie Fanartikel produzierten. In den letzten Jahren ist der Verkauf von Fanartikeln explosionsartig gestiegen. Früher reichte es, ein simples Deutschlandfähnchen zu schwenken. Mit den Jahren wurden die Fanartikel immer skurriler. Brillen, Hüte, Hasenohren für die Fußball-Fans, dazu Überzüge für Auto-Außenspiegel, Kopfstützen und sogar die Anhängerkupplung.

Wenn es auch 1954 kaum Fanartikel gab, das „Wunder von Bern“, verfolgten die Fußballer vom FC 03 Radolfzell immerhin bei einem „Public Viewing“. „Die meisten hatten ja damals noch keinen Fernseher zu Hause“, sagt Günter Schötzau, „aber wir hatten einen in unserem Sportheim. Und um den standen wir alle und fieberten mit der Deutschen Elf mit.“ Auch einige Frauen seien damals dabei gewesen und die Wirtin vom Sportheim servierte belegte Brötchen. Angestoßen wurde auf den ersten deutschen Weltmeistertitel mit Most und Schnaps, den der Betriebsleiter von der Obstbaugenossenschaft spendiert hatte.

Das Vereinsleben habe sich über die Jahre sehr verändert, so der Fußball-Senior. Früher habe man nach den Spielen noch zusammengesessen, gesungen, die Gemeinschaft gepflegt. Besonders gerne erinnert sich Günter Schötzau an die gesellschaftlichen Veranstaltungen. Am Radolfzeller Marktplatz, dort, wo die heutige Volksbank ist, sei früher das „Hotel Sonne-Post“ gewesen, in dem große Feste wie Silvester und Fastnacht gefeiert wurde. „Heute ziehen sich die meisten Jugendlichen nach einem Spiel gleich zurück, kramen ihr Handy raus, steigen in ihr Auto und brausen davon. Das Miteinander und die Kameradschaft kommen dabei oft zu kurz“, bedauert der Senior. Günter Schötzau schimpft nicht auf die Jugend. Im Gegenteil, er nimmt Gelegenheiten wahr, den Kontakt zu Jugendlichen zu suchen, kommt mit ihnen ins Gespräch, will sie verstehen. „Die Zeiten haben sich eben geändert“, sagt er. Seine Liebe zum Fußball ist bis heute geblieben.

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