Mit einer solch großen Resonanz hatten weder Veranstalter noch die Naturschützer noch die Polizei gerechnet. Am Montagmorgen demonstrierten rund 500 Fischer für die "Notwendigkeit eines ausgewogenen Arten- und Naturschutzes".
Schon lang vor neun Uhr hatten sich die Demonstranten bei eisigen Temperaturen auf dem Seetorplatz versammelt. Mit Musikkapelle, einem aufgebahrten Fisch und vielen Transparenten machten sie ihrem Frust über den Nahrungskonkurrenten Kormoran Luft. Bei ihrem Zug durch Radolfzell säumten nur wenige Schaulustige und Passanten den Weg, der zweimal über den Marktplatz, durch die Höllstraße, Kaiserpassage, Markthallenstraße und Güttingerstraße zum Milchwerk führte.
Vor den Türen des Milchwerkes hielt Berufsfischer Stefan Riebel aus Reichenau die als Grabrede bezeichnete Abschlussrede. „Die Berufsfischerei kämpft um ihr Überleben“, so der Fischer. Der Nabu versuche „in einer beispiellosen Hetzkampagne die Öffentlichkeit gegen die Fischerei aufzubringen“. Der Nabu kümmere sich nicht um die unter dem Wasser lebenden Tiere, sondern nur um die sichtbaren Vögel. Während die Fischer darum bemüht seien, die Äsche als heimischen Fisch weiterhin im Bodensee zu erhalten, würde dies durch ein fehlendes Kormoranmanagement nicht möglich sein.
Als Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND, und Andre Baumann, Landesvorsitzender des Nabu ein paar Worte an die Demonstranten richten wollten, wurden sie mit Sprechchören wie „Nabu buh“ und Zwischenrufe wie „Fresst euren Pangasius selber“ gestört.
Andre Baumann bekräftigte, dass konstruktive Gespräche durchaus möglich seien, doch das gehe nicht über Konfrontationen. Der Nabu nehme die Ängste der Fischer ernst. Ausgebuht wurde er für seine Aussage, die Kormorane gehörten zum Bodensee wie die Blumeninsel Mainau. Brigitte Dahlbender betonte, der Rückgang der Äsche ginge auf die Veränderung des Klimas zurück und sei nicht dem Kormoran geschuldet. Sie forderte die Fischer auf, ihre Energien auch gegen den Klimawandel zu richten, denn die Erwärmung des Bodensees und nicht der Kormoran sei für den Rückgang der Äschebestände verantwortlich.
Ingo Kramer, Verantwortlicher der Demonstration, Diplom-Biologe und Geschäftsführer des Fischereiverbandes Baden in Freiburg, betonte, Naturschutzverbände und Fischer hätten weitgehend die gleichen Interessen. Doch „beim Kormoran scheiden sich die Geister“. Er zeigte sich angenehm überrascht, dass so viele Fischer dem Aufruf gefolgt waren und ihre Meinung kundgetan haben. „Wir nutzen den Vogel des Jahres auch weiterhin aus“, bekräftigte er die Position der Fischer. Der Kormoran als Vogel des Jahres sei willkommen, um auf das Problem in der Fischerei aufmerksam zu machen. So zeigte Werner Keller, Berufsfischer aus Reichenau, seinem Bauchladen mit vom Kormoran verletzten Fischen vom morgendlichen Fang. „Wer kauft denn solche Fische? Wollen Sie so was essen?“ fragte er herausfordernd die Naturschützer.
Ein Bestandsmanagement des Kormorans findet der Landtagsabgeordnete Andreas Hoffmann sinnvoll. Die Wahl des Kormorans als Vogel des Jahres sei vor allem als naturschutzpolitisches Signal gewesen. Für Siegfried Lehmann (Landtagsabgeordneter und Gemeinderatsmitglied) geht es auch um die Frage: „Wem gehört der Fisch? Den Hobby-Anglern, den Berufsfischern oder dem Kormoran?“. Der Konflikt sei jedenfalls durch eine Demonstration nicht behoben. „Es wird ein Ökosystem benötigt, das Platz für alle bietet.“
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