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07.07.2012  |  von  |  0 Kommentare

Konstanz Das eigene Kraftwerk im Haus

Konstanz -  Themen der OB-Wahl (1): Alle sprechen von der Energiewende. Wie kann sie lokal vorangetrieben werden?

Michael Simon gehört zu den Pionieren der Solarenergie in Konstanz. Er lässt die Fassade des neuen Firmengebäudes der Sunny-Solartechnik GmbH mit Photovoltaik-Modulen bestücken.  Bild: Hanser/privat



Die Welt von morgen ist quadratisch und äußerst bunt: Sie leuchtet im Industriegebiet in allen Farben. Der Energiewürfel der Stadtwerke ist ein kleines Wunderwerk der Technik. Das Unternehmen, eine 100-prozentige Tochter-Gesellschaft der Stadt, will im 2011 eröffneten Kundenzentrum unter anderem zeigen, wie im Gewerbebau der Zukunft viel Energie produziert wird – und nicht nur verbraucht. Das Plusenergie-Haus ist vorbildlich und damit äußeres Zeichen der angestrebten Energiewende vor Ort.

Im OB-Wahlkampf ist das Thema bisher noch nicht richtig angekommen. Dabei ist die Energiewende eine der großen Aufgaben der Zukunft, bundesweit und regional. Bene Müller strebt als Geschäftsführer des Bürgerunternehmens Solarcomplex AG ein ehrgeiziges Ziel an: Bis 2030 soll die Region weitgehend aus heimischen, erneuerbaren Energien versorgt werden. Mit den Fortschritten in Konstanz war er in der Vergangenheit nicht immer zufrieden. So hatte er wiederholt das schleppende Ausweisen von Dächern öffentlicher Gebäude für Photovoltaik-Anlagen bemängelt. Doch es habe sich mittlerweile etwas getan, sagt er. Teilweise seien Politik und Verwaltung die Hände gebunden, etwa bei der Windkraft: „Bei aller Kritik muss man in Rechnung stellen, dass die Stadt Konstanz geographisch in einer verzwickten Lage ist.“ Dennoch sieht er noch viel Potenzial, vor allem bei der Photovoltaik.

Michael Simon sieht die Möglichkeiten ebenfalls längst nicht ausgeschöpft. Der Geschäftsführer des Unternehmens Sunny-Solartechnik gehört zu den Pionieren der Branche in Konstanz. „Nach außen hin möchte sich die Stadt ein Solar-Image geben“, sagt er. Doch die Bilanz sei nicht so glänzend. Umgerechnet liege die installierte Leistung der Photovoltaik-Anlagen unter 100 Watt (Peak) pro Bürger. Im Bundesschnitt seien es dagegen 200, in Bayern sogar rund 400 Watt. „Wir haben zwar viele Firmen hier, aber irgendwie wirkt sich das auf die Politik nicht richtig aus.“ Er findet die Debatten insgesamt zu zäh. Jenen, die das Thema alternative Energien vorantreiben wollen, seien meist die Hände gebunden. „In kleinen Gemeinden ziehen dagegen alle an einem Strang.“ Er nennt als Beispiel die Schänzlehalle: Beim Bau sei intensiv über die Installation von Photovoltaik diskutiert worden, doch letztlich habe es nicht geklappt. Er fordert klare Prioritäten, an Flächen jedenfalls mangle es in Konstanz nicht. Große Speicher für den Strom seien nicht unbedingt nötig, da er in Spitzenzeiten in die Wärmeproduktion fließen könne. „Jeder Liter Öl oder Gas, der eingespart wird, nützt unserer Stadt.“ Er nennt als Beispiel das Münster, das vom sauren Regen beschädigt werde – für ihn auch ein Beleg für die Gesundheitsschädlichkeit des bisherigen Energiesystems.

Solarcomplex arbeitet mit den Stadtwerken zusammen. „Sie sind der wichtigste Akteur, was die Energiewende in der Stadt betrifft“, so Bene Müller. Die Beteiligung am Solarpark Mooshof bei Espasingen sei beachtlich, „das ist keine Alibi-Investition“. Die Stadtwerke haben zudem größere Summen in die Innkraftwerke in Bayern sowie den Windpark „Bard 1“ in der Nordsee gesteckt, um weiter den Atomstrom-Anteil zu senken. Die Privatkunden bekommen ohnehin schon alle Ökostrom. Kunden, die regionale Projekte stärker fördern möchten, können mit Aufpreis die Ökostrom-Marken See-Energie maxi oder mini beziehen. Weitere Bausteine sind das Bürgerbeteiligungs-Projekt Solarplan oder Blockheizkraftwerke (BHKW). Zusammen mit der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft Wobak treiben die Stadtwerke zudem ein Pilotprojekt voran: Am Bahnhof Petershausen wird aus dem Abwasser Wärme für die Versorgung der Haushalte gewonnen. Wobak-Geschäftsführer Bruno Ruess ist begeistert. Im Mietwohnungsbau sei die Zusatzinvestition von rund 500 000 Euro für die neue Technik sowie die Photovoltaik-Module ungewöhnlich. „Das hätte man mit einer Gasheizung viel einfacher machen können.“

Die Wobak investiere bei allen Projekten in Umwelttechnik, berichtet Ruess. Der Aufsichtsrat stehe hinter diesem innovativen Weg, selbst wenn die Finanzierung schwieriger sei. Die bisherige Rathausspitze mit Oberbürgermeister Horst Frank habe den Kurs immer mitgetragen, sagt Bruno Ruess. Die Sanierung der Wohnungen habe Vorrang vor der Ausschüttung an die Stadt. Sein Wunsch an die neue Oberbürgermeisterin oder den Oberbürgermeister: „Dass er oder sie den Weg mitgeht.“

Die Fixierung auf einen Zeitraum bis 2050 bei der Energiewende findet Bene Müller falsch. Er erhofft sich stattdessen ein mehrstufiges Programm der Stadt für die kommenden Jahre. Außerdem könne die Verwaltung dazu beitragen, die Bürger für Zukunftstechnologien zu gewinnen, so den Austausch der Heizungspumpen. Er fordert zudem eine Strategie zum Ausbau eines städtischen Wärmenetzes.

Konstanz hat die Wahl: Im Juli 2012 dürfen rund 60.000 Wahlberechtige darüber entscheiden, wer Oberbürgermeister wird. Seit 1996 wird die größte Stadt am Bodensee von Horst Frank regiert, der damals als erster grüner OB Deutschlands für Schlagzeilen sorgte. Kandidaten, Wahlkampf und Analysen: Lesen Sie alles Wichtige rund um die Oberbürgermeisterwahl in unserem großen Online-Extra!

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