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Kultur See Zum 100. Geburtstag von Hannes Kilien

Selbstportrait Hannes Kilian von 1948.
Selbstportrait Hannes Kilian von 1948. | Bild: Hatje Cantz

Erinnerungsbilder: Otto Dix, 1961 mit Hut im Garten in Hemmenhofen, die linke Hand in der Tasche, den Blick auf den See und das gegenüberliegende Ufer gerichtet, die Unterlippe nach vorn geschoben. 1949, im Jahr der Uraufführung des Dramas Barbara Blomberg, begegnen sich im Sekretariat des Konstanzer Theaters Carl Zuckmayer und Heinz Hilpert. Während der Dichter eher verlegen mit der linken Hand die Krawatte zurechtrückt, streckt ihm der Intendant den rechten Arm forsch, doch distanziert entgegen. 1963: Dicke, sich übereinanderschiebende Eisplatten und bizarre, zerklüftete Eistürme scheinen das Blau des Sees auf ewig unter sich zu begraben. Die ausdrucksstarken Momentaufnahmen stammen von Hannes Kilian, der am 13. November 1909, also vor 100 Jahren, im benachbarten Ludwigshafen am See zur Welt kam.

Die Fotografien befinden sich in einem Katalog, den der Hatje Cantz Verlag veröffentlicht hat. Die lesenswerte Publikation mit 342 Abbildungen verdeutlicht, dass der Bodensee und seine Bewohner nur einen Ausschnitt des jahrzehntelangen Schaffens des international tätigen Bildberichters bilden.

Vor allem der Wahlheimat Stuttgart hat er eine dichte Chronik hinterlassen. Sie beginnt 1944, als er kriegsverletzt von Leningrad nach Stuttgart zurückverlegt wird und trotz strengsten Verbots Aufnahmen von der zerbombten Stadt macht. Nach dem Krieg dokumentiert er weiter, zeigt die aufbruchsfreudige Trümmerfrau, geduldige Menschen bei der Kartoffelausgabe und mitfühlend den Heimkehrer, der die Hand seiner Frau umklammert. Er ist dabei, als Ministerpräsident Reinhold Maier in eine extralange Wurst beißt und auf dem Bahnhof Schilder für Gastarbeiter aus Italien stehen. Innerhalb Stuttgarts entwickelt der kunstsinnige Fotograf besonderes Herzblut für das Theater und Ballett. Mit Aufnahmen der legendären Ballettstars Richard Cragun und Marcia Haydée erlangt er Weltruhm, manche entstehen direkt aus dem Souffleurkasten heraus. Die gesamte Aufbau- und Wirtschaftswunderzeit Deutschlands wird bei Kilian wieder aufgefrischt, vom Neubeginn in der Fahrzeugindustrie bis zu autoübersäten Parkplätzen, von sich allmählich füllenden Lebensmittelregalen bis zu Überfluss demonstrierenden Banketts.

Kilian hat nach Gymnasialzeit in Überlingen und Handelsschulbesuch in Calw in Kreuzlingen eine Fotografenlehre absolviert und danach in Luzern als Fotograf gearbeitet. Mit der Wirtschaftskrise 1933 erlischt seine Arbeitserlaubnis und er begibt sich wieder nach Deutschland. Der NS-Diktatur kehrt er bald den Rücken, zieht nach Neapel, 1936 nach Paris und assistiert bei Regisseur René Clair. 1938 muss er mangels Arbeitsgenehmigung Frankreich verlassen. In Stuttgart betätigt er sich als freischaffender Fotojournalist, bis er, von der Wehrmacht eingezogen, ab 1941 vom Krieg berichten muss. Danach lässt er sich beruflich nie wieder vereinnahmen, sondern beliefert selbstständig und unabhängig Zeitschriften mit seiner Arbeit aus dem In- und Ausland.

Gut 500 000 Negative hat Kilian hinterlassen. Zu Lebzeiten sind seine über das Time Magazine, Stern, Der Spiegel, Newsweek sowie das Feuilleton dieser Zeitung publizierten Arbeiten selten ausgestellt worden. Erfreulich, dass eines der wichtigsten Häuser für Fotografie, der Martin Gropius Bau, in diesem Frühjahr sein herausragendes Lebenswerk ehrte. Die retrospektive Schau gewährte einen guten Einblick in sein Oeuvre, und der begleitende Katalog des Hatje Cantz Verlags ermöglicht dies weiterhin. Ausstellung und Katalog hat Kilian seiner tatkräftigen Frau, der früheren Tänzerin Gundel Kilian, zu verdanken. Trotz fortgeschrittenen Alters scheute sie keine Mühe, sich wider das Vergessen ihres 1999 in Wäschenbeuren verstorbenen Mannes einzusetzen. In Stuttgart wünscht sie sich seit Langem eine Würdigung. Der Umweg über Berlin scheint ihr Anliegen zu ermöglichen, denn 2010 wird die Schau dort übernommen.

Dorothea Cremer-Schacht

Klaus Honnef (Hrsg.): „Hannes Kilian“. Hrsg. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart. 342 Abbildungen, 352 S., 39,80 Euro. Erschienen anlässlich der Ausstellung „Hannes Kilian“ im Martin-Gropius-Bau.

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