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18.05.2011


Roger Chapman and The Shortlist begeisterten die Gewa-Besucher mit äußerst traditionellem Bluesrock

Das Rock- und Pop-Business ist ungerecht, man weiß es. Wie mag sich ein Musiker fühlen, der in seiner kreativsten Lebensphase schon einmal (auf dem 1970er Isle-of-Wight-Festival als Sänger der Progressive-Rock-Truppe Family) vor über einer halben Million Menschen auftrat und nun auf seine alten Tage durch die Provinz tingelt und seine Show einem, nun ja, ziemlich überschaubaren Publikum darbietet? Aber im Grunde genommen müssen kleine, intime Spielstätten ja auch gar kein Nachteil sein, und es ist Roger Chapman, dem Mann mit der rauen, unverwechselbaren Reibeisenstimme, durchaus zuzubilligen, dass er es versteht, aus der Not eine Tugend und aus einem Gig in einem mittelgroßen Zirkuszelt ein dynamisches Konzertereignis zu machen.

Klar hat der Zahn der Zeit an ihm genagt, dem mittlerweile 69-jährigen (!) Shouter aus der britischen Arbeitermetropole Leicester – aber glücklicherweise nur äußerlich. Recht füllig ist er im Laufe der Jahre geworden, aber seine Stimme hat vergleichsweise wenig gelitten, und auch wenn er nicht mehr so wild über die Bühne tobt wie in besten Family-Tagen, ist seine Bühnenpräsenz so vital wie eh und je.

Und auch sein berühmter Humor hat ihn nicht verlassen: Eine, ähem, deutlich jenseits von Gut und Böse angesiedelte Live-Version des berühmten Rolling-Stones-Klassikers „The Last Time“ gaben er und seine Band The Shortlist im Edeka-Veranstaltungszelt auf der diesjährigen Gewa-Ausstellung unter anderem zum Besten – zum „ersten und wohl auch zum letzten Mal“, wie Chapman augenzwinkernd verkündete.

Und auch sein Repertoire hat der Ex-Family-Mann den neuen Gegegebenheiten (kleine Hallen, synchron mit ihm gealtertes Publikum) angepasst: Kein „progressiver Rock“ mit ausgedehnten Instrumentalpassagen wird dem Zuhörer heute mehr geboten, auch kein Folk-Rock (wie er etwa einige der späteren Family-LPs kennzeichnete), sondern konservativer Blues-Rock der ganz traditionellen Sorte im Stil der frühen Animals oder Yardbirds. Das muss keineswegs langweilig sein (und war es auch an diesem Abend auf Klein-Venedig nicht), aber ein beinharter Family-Fan, der sich auf Songs wie „The Weaver's Answer“ oder „No Mule's Fool“ gefreut hatte, wird nach diesem Konzert wohl einigermaßen enttäuscht nach Hause gegangen sein.

All die anderen, diejenigen, die „Chappo“ (wie ihn seine treuesten Fans zu nennen pflegen) erst seit seinem kurzlebigen Gastspiel bei den Streetwalkers (1974-77) oder seinen Soloalben (mit The Shortlist als Begleitband) kennen, kamen durchaus auf ihre Kosten. Kampferprobte Rhythm&Blues-Knaller wie etwa „Crosstown“ oder „Who do you love“ kamen sehr druckvoll und dynamisch über die Rampe, und auch neuere Stücke wie beispielsweise „Sun of Red Moon“ fügten sich nahtlos in den kompakten, des öfteren recht boogie-lastigen Sound ein. Mit gleich zwei Gitarristen (Geoffrey Whitehorn und Steve Simpson) traten The Shortlist in Konstanz an, aber lange Soli spielen durften sie vergleichsweise selten – bei dieser Truppe ist eben Chappo der Boss, schon klar. Bob Dylans dramatische Ballade „Blind Willie McTell“ faszinierte wie noch nie, und bei „Kiss my Soul“, dem vielleicht besten Song des gesamten Auftritts, schienen sogar die Zeltstangen vor Begeisterung mitzuwippen.

Und der Höhepunkt des Abends ließ sich natürlich schon vor Konzertbeginn vorhersagen: Einen (einzigen) veritablen Welthit hatte Roger Chapman nämlich schon einmal – auch wenn es nunmehr fast dreißig Jahre her ist. 1983 übernahm er die Lead Vocals beim Stück „Shadow on the Wall“ auf dem Mike-Oldfield-Album „Crisis“ – und machte den Song mit seiner Vokalakrobatik zum globalen Millionenseller. Als erste Zugabe ertönte er an diesem Abend im Edeka-Zelt – und während Chappos Gesang (fast) so kraftvoll wie damals tönte, enttäuschte Gitarrist Whitehorn mit einem Intro, das Kollege Oldfield seinerzeit doch erheblich kerniger hingekriegt hatte. Dem Publikum schien's egal zu sein – nostalgietrunken feierte es die Band, die Konstanz sicherlich in angenehmer Erinnerung behalten wird. Und – Hand aufs Herz – man begegnet ja auch nicht jeden Abend einer leibhaftigen Rock-Legende.

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