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Kultur See Markus Brenner bringt Farbe in das Konstanzer Einkaufszentrum Lago

04.03.2009


„Wenn man wollte, ließe sich der bunte Tumult in eine Art Ordnung verwandeln. Es gäbe eine Möglichkeit, die Farben einer Stadt nach einem bestimmten Plan zu verteilen. Ich denke da an eine rote Straße, eine gelbe Gasse, einen blauen Platz, einen weißen Boulevard und ein paar bunte Monumente.“

(Fernand Léger)

Erregbares, farbiges Grau. In den Fahrstuhl steigen, den Knopf drücken – und von Farbe überflutet werden“. Der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Künstler Markus Brenner macht das Konstanzer Einkaufszentrum „Lago“ zur Kunstmeile. Bis zum 22. März werden hier Rot, Blau, Gelb und Weiß dominieren, regieren. Vor dem Lift war ihre Gesichtsfarbe noch ganz normal. Als die Kabine jedoch aufsteigt, wird Kerstin erst rot, läuft dann blau an, wird grün und gelb. Doch nicht nur sie: Auch die Welt, die man durchs Glas erblickt, wechselt im Sekundentakt die Farbe. Reste von Fastnachtslaune? Eine komische Art von Wahrnehmungstäuschung?

Letzteres schon eher. Markus Brenner, ein Licht-, Video- und Installationskünstler, hat einen Teil des Einkaufszentrums in Farbrausch versetzt. Er sagt: „Baden im Licht ist notwendig wie Baden im Wasser. Es tut gut, bestimmte Dinge und sich selbst in anderem Licht zu sehen.“ Auf drei Etagen wurde viel Werbung unsichtbar gemacht. Stattdessen kamen 400 Quadratmeter Farbfolie, Lichtpause, 270 Quadratmeter Stoff, leistungsfähige High-Tech-Strahler. Das Ergebnis: ein Kunsterlebnisraum in ungewohntem Kontext, weit weg von Museumsschweigen und „Nicht-Berühren“-Schildern. So haben die Konstanzer das „Lago“ noch nie gesehen.

„Alles ist wirklich“, sagt Markus Brenner und lächelt klug. „Die Wirklichkeit schließlich ist nur eine Frage der Brille, mit der wir sie betrachten.“ Die ist manchmal – wie jetzt, im Noch-Winter – grau. Doch auch „Grau ist stumm, aber leicht erregbar zu herrlichen Tönen“. Das hat der Schweizer Kunsttheoretiker Johannes Itten einst gesagt, und Brenner beweist's: Es gibt delikates farbiges Grau an der Schwelle zum Rosa. Einen Lichtschacht hat der Künstler völlig verkleidet. Hat Stoff über drei Etagen gespannt, weißen Boden ausgelegt: ein White Cube also, einer dieser weißen Räume, wie die Kunst sie liebt, weil sie alles eliminieren, was stören könnte. Darüber ein Dach aus Farbfolienbahnen, durch die hindurch Filmscheinwerfer den Raum in Stimmungen tauchen; von Grau zu Dunkellila, Azurblau.

„Mein Werkzeug, mit dem ich alles herstellen kann, sind Strahler und Farbfolien“, sagt Brenner, während Leuchtpunkte langsam über Betrachter und Wand wandern. Licht-Ellipsen lassen einen schwanken, bevor alles wieder monochrom in Rot fällt, dieses ins Gelb taucht, Orange erzeugt. Angst vor dem Rausch? Hoffentlich! Farbe verändert, manipuliert, was wir fühlen, macht erregbar, lässt frösteln. Auf der mittleren Ebene des Kunstraums hat Brenner Gucklöcher in den Stoff nähen lassen: Von hier kann man gefahrlos beobachten, was geschieht.

Markus Brenner ist kein Unbekannter, sowieso nicht in der Konzilstadt Konstanz: Hier lebt und arbeitet der 45-Jährige, der mit seinen Arbeiten auch außerhalb der Kunstszene viel Beachtung findet. Dass sich ein Künstler wie er in ein Einkaufszentrum wagt, ist nicht ganz selbstverständlich. Drum stellte er Bedingungen: keine Logos, Plakate, Wäscheständer in Reichweite der Kunst. Schaufenster mussten abgeklebt werden, mussten Folien, Stoffen, Lampen weichen.

Fünf Installationen alles in allem: Neben dem White Cube und dem eingangs genannten Farb-Fahrstuhl noch drei. Gleich am Eingang der Solo-Show im „Lago“ muss der Kunde – pardon: Rezipient – eine der Brenner'schen Farbschleusen durchqueren, die im Rhythmus der Schiebetür Tageslicht einlassen, aussperren. Als würde man eine große rosa Brille am einen, eine limonengrüne am anderen Eingang auf- und wieder absetzen ...

Neben den White Cubes dann noch eine Blackbox: Hier werden Videoarbeiten des Künstlers gezeigt. Und für die letzte Farbinstallation schließlich muss man müssen: Die findet sich – rosa hier, hellblau da – auf den „Lago“-Toiletten. Sie bleibt an dieser Stelle unbeschrieben. Nur so viel: Schon der Weg zum Farb-Pipi macht großen Spaß. Hingehen. Anschauen!

Judith Borowski

Die Ausstellung im Konstanzer „Lago“, Bodanstraße, dauert bis zum 22. März und ist täglich bis 24 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Am Donnerstag, 5. März, 19 Uhr, wird die Ausstellung in Anwesenheit des Künstlers eröffnet.

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