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Kultur See Konstanzer bringt Popmusik in palästinensisches Flüchtlingslager

19.05.2010


Der Konstanzer Clemens Rengier bringt westlichePopmusik in ein palästinensisches Flüchtlingslager – und wird dafür umjubelt

Zehn Kilometer sind eigentlich nichts. Einmal Konstanz – Reichenau sind beispielsweise zehn Kilometer. Clemens Rengier (20) muss auch jeden Morgen zehn Kilometer von seiner Wohnung zum Arbeitsplatz überwinden – und braucht dafür im Schnitt zwei Stunden. Das liegt daran, dass der junge Konstanzer derzeit im Nahen Osten lebt. Genauer gesagt in Betlehem, im Westjordanland. Sein Arbeitsplatz, das Schmidt's Girls College, ist in Jerusalem. Dazwischen liegen umfangreiche Grenzkontrollen und eine mächtige Mauer: Die Sperranlage, die die Israelis seit 2003 errichten, um das Westjordanland vom Rest Israels zu trennen.

Ausgerechnet diesen explosiven Ort hat sich der 20-jährige Zivildienstleistende ausgesucht, um ein bemerkenswertes Projekt zu begründen. Gemeinsam mit seinen deutschen Kollegen Matteo Barutzki und Philipp Wellmer organisiert er Konzerte in palästinensischen Flüchtlingslagern. Alle drei gehören zu den ersten Teilnehmern des neuen Freiwilligendienstes „Kulturweit“ vom Auswärtigen Amt. „Life is not out of tune“ (Das Leben ist nicht falsch gestimmt) haben sie ihr Projekt genannt und es hatte vor allem zwei Ziele: Einerseits sollte es den Flüchtlingen von den schönen Seiten des Lebens berichten. Andererseits sollten die palästinensischen Oberschicht-Mädchen der deutschen Schmidt-Schule das Leben hinter dem Grenzzaun kennenlernen. Wohlhabend sollte auf arm treffen, Mädchen auf Jungs, westliche Musik auf arabische Ohren – es sollte ein inner-palästinensischer Austausch mit vielen Facetten werden. Dass es so kommen würde, war am Anfang nicht abzusehen. „Ich wollte zunächst eigentlich nur einen Chor aufbauen“, sagt Clemens Rengier im Telefongespräch mit dem SÜDKURIER. Es knistert etwas in der Leitung, aber man versteht ihn gut.

Zur ersten Probe kamen acht Schülerinnen und die Idee wuchs. Rengier erkämpfte sich Stück um Stück mehr Zeit für Proben und die Mädchen zogen mit. Sie sangen Songs wie „California Dreaming“, den Gospel-Hit „Oh Happy Day“ und den Comedian-Harmonists-Klassiker „Mein kleiner grüner Kaktus“. Dazu noch ein paar arabische Volkslieder und Popsongs von Eminem oder Usher. Am Ende standen 22 Sängerinnen auf der Bühne – der Chor war komplett. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mit diesem Chor etwas bewegen kann“, sagt der 20-jährige Ex-Suso-Schüler, der auch schon im baden-württembergischen Landesjugendorchester gespielt hat. Also musste es weiter gehen. Das nächste Ziel lag nur zehn Kilometer entfernt von der Schmidt-Schule: Das Flüchtlingslager Aida in Betlehem – am Rand des Westjordanlands. 5000 Menschen leben hier. 77 Prozent von ihnen sind arbeitslos. 66 Prozent sind jünger als 18 Jahre. Hier gibt es keinen Spielplatz, keine Grünanlagen. Das Gelände ist von hohen Zäunen begrenzt, die Mauer der Israelis verläuft direkt am Camp vorbei. „Wir wollten den tristen Alltag der Menschen dort etwas erhellen“, sagt Rengier. Er charterte einen Bus – auch dank der finanziellen Unterstützung des Lions Clubs Konstanz – und hoffte darauf, dass dieser Bus mit 22 palästinensischen Mädchen ohne große Schikanen den israelischen Checkpoint passieren kann. Es funktionierte und der Auftritt im lagereigenen Freilufttheater konnte beginnen.

„Alle waren total aufgedreht während der Fahrt“ erinnert sich der 20-Jährige, „es war vollkommen unklar, was uns erwarten würde“, ergänzt er. Wie würden die Männer auf die singenden und rappenden Mädchen reagieren? Wie würden die Zuschauer die westlichen Songs aufnehmen? „Das war etwas völlig Neues für das Publikum, aber auch für die Aufführenden“, sagt Clemens Rengier. Es war ein Experiment. Offensichtlich eines von der gelungenen Sorte: Die Mädchen auf der Bühne genossen ihren Auftritt, die Jungs im Publikum johlten und pfiffen vor Begeisterung. All die Unterschiede zwischen den jungen Menschen waren für den Moment überbrückt. „Das waren wirklich tolle Augenblicke“, sagt Rengier. Sie wurden wiederholt – bei zwei weiteren Konzerten in einem anderen Flüchtlingslager in der Nähe von Ramallah. „Es ist unglaublich, was aus diesem Projekt geworden ist. Das macht mich sehr froh“, so der 20-Jährige.

Noch bis Ende August 2010 lebt Clemens Rengier zwischen den Welten im Nahen Osten. Danach will er ein Wirtschaftsstudium beginnen. Eine der wichtigsten ökonomischen Regeln hat er schon jetzt gelernt: Wer richtig investiert, der wird am Ende dafür belohnt.

Mehr Bilder vom Konzert im Internet: www.suedkurier.de/konstanz

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