Villa Hügel in Essen, Villa Wahnfried in Bayreuth – wir wissen, welche Familien über Generationen diese Häuser bewohnten. Umgekehrt können Häuser auch den Namen der Besitzer über Generationen tragen, Villa Douglas, Villa Stromeyer. Auch ein Wechsel ist von einem zum anderen Prinzip ist möglich, aus Villa Seeheim wird Villa Scholz. Voraussetzung ist ein klares Namensrecht, das es aber in Mitteleuropa erst seit Napoleon gibt.

In den vorangegangenen Epochen war die Namensgebung bei Nichtadligen weder durch Recht noch Gewohnheit fixiert. Erst mit dem Spätmittelalter entwickelt sich vom 12. bis zum 15. Jahrhundert langsam das Zweinamenprinzip.

Könnte es sein, dass über den Namen eines Hauses die Identität von Personen und damit ihre Zugehörigkeit oder Integration in die städtische Gesellschaft sich besser erfassen lässt? Dieser Frage widmet sich ein Teilprojekt des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Konstanzer Universität unter Leitung von Gabriela Signori.

Namen geben Auskunft

Gerade am Beispiel der Konstanzer Altstadt, wo wie in anderen oberdeutschen Städten viele Häuser heute noch Namen aus dem Spätmittelalter tragen, lassen sich etliche Forschungsprobleme aufzeigen (Beitrag Christof Rolker). Manche Zinsen und Renten sind an den Hausbesitz geknüpft und geben so Auskünfte über die Bewohner. Häusernamen sind ein Ordnungsmodell angesichts der Fluktuation von Bewohnern. Aber auch Häusernamen können wechseln. Ein neuer Käufer gibt seinen eigenen Namen dem Haus weiter oder den Namen seines Herkunftsortes. In Konstanz setzt sich das Prinzip der Zweinamigkeit relativ früh durch.

Nachnamen können aber noch beliebige Zusätze erhalten, die auf ein Gebäude (Am Burgtor) oder ein Wohnquartier (Hinter St. Johann) hinweisen. Zusätze können den sozialen Aufstieg dokumentieren (Lanz von Liebenfels) oder angesichts der vielen identischen Vor- und Nachnamen die Abgrenzung von anderen Linien verdeutlichen (von Ulm zum gulden schwert).

Der absolute Sonderfall ist in Konstanz der Wohnturm des Hohen Hauses mit seinen fünf Stockwerken, das in 650 bis 700 Jahren nie seinen markanten Namen gewechselt hat, aber die ganze Bandbreite von Besitzerwechseln mitmacht, die der frühere Archivdirektor Helmut Maurer beschreibt: Stadthaus der Reichenauer Äbte, Wohnhaus von vornehmen Familien, Wirtshaus, Gesellschaftshaus von Kaplänen, Handelshaus im 19. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrlingsheim und schließlich wieder Geschäftshaus.

Städte in Bewegung

Wie das Beispiel Zürich zeigt, ist die spätmittelalterliche Stadt keine statische Gesellschaft, sondern in Bewegung. Angesichts der häufigen Seuchen ist sie auf ständigen Zuzug angewiesen. In der Stadt wohnen eher Kleinfamilien, und die unteren Schichten ziehen häufig in ihrem Viertel oder ihrer Nachbarschaft um. Hausbesitz ist auch keine Voraussetzung für das Bürgerrecht.

Andere Beiträge betreffen die Kennzeichnung eines Hauses oder auch von Waren durch so genannte Hausmarken, die der Identifizierung einer Person oder der bürgerlichen Selbstdarstellung dienen können, oder die Funktion von Familienbüchern eines Hauses. Und noch im 18. Jahrhundert konnten bei Streitigkeiten zwischen verschiedenen Herrschaften um die Rechte an einem Dorf nicht nur Hauswappen oder Wirtshausschilder entscheidend sein, sondern auch, wer das Recht hatte, bei Verbrechen eine Haussuchung vorzunehmen oder die Feuerstellen zu kontrollieren, und auch daran, wer das Recht am Leichnam eines Getöteten oder Verunglückten hatte. Mit einem Schnitt aus einem Balken des Hauses wurde dieser Anspruch erhoben.

Arnulf Moser

Karin Szaja und Gabriela Signori (Hg.), Häuser – Namen – Identitäten. Beiträge zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgeschichte, 174 Seiten, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2009, 24 Euro.

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