Mein

Kultur See Frontmann des Pullunder-Rock

09.12.2009


Er hat wohl schlechte Laune. Grimmiger Blick, starr in die Ferne gerichtet, keine Begrüßung. Einfach die ersten Takte seiner Vorabveröffentlichung „Wohin mit dem Hass“ ins Publikum gedonnert:

Kein sehr charmanter Auftakt des Solokonzerts von Jochen Distelmeyer im Konstanzer Kulturladen, dafür aber druckvoll und ausdrucksstark. Distelmeyer ist zurück im Rampenlicht und er mag vielleicht schlechte Laune haben, aber wenigstens hat er etwas zu sagen. Drei Songs vom neuen Album „Heavy“ gibt es zum Auftakt. Das ist fast schon Stoner-Rock, fern von Befindlichkeits-Gewimmer, Diskurs-Pop oder Münchner-Freiheit-Vergleichen, den üblichen Vorwürfen, denen sich Blumfeld-Hasser bedienen.

Das rockt. So richtig. Wenn nur dieser genervte Gesichtsausdruck nicht wäre. Distelmeyer scheint zu testen, wie das Material beim Publikum ankommt, gibt kein Zuckerbrot, nur die Peitsche. Überhaupt, das Publikum: Der Kulturladen ist am Samstagabend locker gefüllt, Menschen unter 25 sind nur hinter der Bar auszumachen. Hier haben sich viele alte Blumfeld-Verehrer eingefunden, sich vielleicht sogar einen Babysitter für den Nachwuchs besorgt, um dem Idol der Jugend zu huldigen. Er wird sie nicht enttäuschen:

Ja, er tut es wirklich. Er spielt Blumfeld. „Ich wie es wirklich war“ sorgt erstmals für Verzückung, wenngleich auch die neuen Lieder frenetisch gefeiert werden. Hauptsache, er ist wieder da, Hauptsache, er spielt wieder für uns. Ist doch egal, wer mit ihm auf der Bühne steht oder was auf die Plakate gedruckt wird.

Die Verehrung, die Blumfeld und ihrem charismatischen Sänger Jochen Distelmeyer in ihrer langen Karriere zuteil wurde, sucht ihresgleichen. Blumfeld-Jünger reden in Textteilen, verpacken die eigenen Gefühle in Distelmeyers Worte, bedienen sich seiner Sprachgewalt, um der Verzweiflung über das eigene Leben Ausdruck zu verleihen:

Das sind die düsteren Worte eines schon immer Zweifelnden. Distelmeyer ist inzwischen 42 Jahre alt, an schlechten Tagen sind seine Tränensäcke nicht zu übersehen, aber seine Stimme ist wie immer klar und lupenrein, eine Stimme für perlende Popsongs, verführerisch und zuckersüß. Wie gemacht für seine erste Solo-Single „Lass uns Liebe sein“:

Das ist für viele nur schwer erträglich, diese Mischung aus Zuckerwattentext und Popmelodie, der wahre Grund, warum auch Blumfeld entweder geliebt oder gehasst wurden.

An diesem Abend ist aber viel Liebe zu spüren. Besonders seit Distelmeyer mit seinem Publikum redet, die Zuhörer „meine lieben Freunde“ nennt und immer mehr in seiner Musik aufgeht. Die Augen geschlossen, die Arme über dem Kopf, die langen Haare so wild werfend, dass die meisten männlichen Besucher vor Neid erblassen – das ist wie in den guten alten Zeiten, als er erstmals sang „Wir sind frei“:

Die Entscheidung für Distelmeyer ist im Kula schnell gefallen. Da gibt es nicht viel zu deuteln: Er ist richtig gut. Egal ob mit oder ohne Blumfeld-Etikett. Mit Henning Watkinson, Daniel Florey, Benni Thiel und Lars Precht am Bass (der schon seit 2005 bei Blumfeld mit dabei war) hat er eine souveräne Hintermannschaft dabei, die stoisch gegen den Soundbrei im Kula anspielen und sich vor allem zurückhält. Der Abend gehört Distelmeyer, dem König des Pullunder-Rock. Das ändert sich auch nicht durch die Ansage „Wir sind Jochen Distelmeyer“. Es gibt nur einen Jochen Distelmeyer.

Und der spielte mit seiner wirklich ausgezeichneten Hintergrund-Band tatsächlich zwei Zugaben, insgesamt also zwei Stunden. Zwar ohne den „Apfelmann“, ohne „Murmeln“, ohne „Graue Wolken“ oder was sonst noch aus dem Publikum so Richtung Bühne gebrüllt wird. Aber bei aller Liebe: Das Leben ist ja kein Wunschkonzert.

Dürfte man sich aber ein Konzert wünschen: Jochen Distelmeyer wäre ganz vorne dabei.

Anja Arning

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