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Kultur See Ein Gespräch mit dem Lengwiler Verleger Ekkehard Faude über Arno Borst Buch „Mönche am Bodensee“

Es ist nicht das erste Buch, das der Lengwiler Verleger Ekkehard Faude mit dem wohl bedeutendsten Mediävisten des 20. Jahrhunderts, mit Arno Borst (1925-2007), gemacht hat.

Verleger Ekkehard Faude.
Verleger Ekkehard Faude. | Bild: Archiv

Es ist nicht das erste Buch, das der Lengwiler Verleger Ekkehard Faude mit dem wohl bedeutendsten Mediävisten des 20. Jahrhunderts, mit Arno Borst (1925-2007), gemacht hat. Aber es ist wohl das arbeitsintensivste. „Mönche am Bodensee“, eines der wichtigsten Werke von Borst, und darum geht es, ist bereits 1978 erschienen. Lange Zeit war es vergriffen, in keinem Buchgeschäft präsent, bis es Faude wieder entdeckte und jetzt eine komplette Neuausgabe vorlegt. Wir führten mit dem Verleger darüber ein Gespräch.

Herr Faude, Sie haben etwas übrig für verschollene oder vergessene Autoren und für vergriffene Bücher. Ich denke etwa an Scheffel, dessen „Ekkehard“ sie wieder aufgelegt haben, an Mühlenweg, dessen Wiederentdeckung wir Ihnen verdanken und jetzt folgt Borsts „Mönche am Bodensee“…

Unumschränkt: Ja. Wir machen jedes Jahr auch neue Texte. Aber ein besonderes Anliegen sind mir Texte, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, und aus denen heutige Leser noch etwas für ihr eigenes Leben erfahren können. Bei „Mönche am Bodensee“ profitiert man auf mehreren Ebenen, es geht um Spiritualität, Geschichte der Region, europäische Herkunft.

Die Veröffentlichung des Borst-Bandes hat sich etwas verzögert. Was genau hat viel Arbeit gemacht?

Es ist eine ungeheure Textmenge – ein Buch von 680 Seiten. Wir wollten das lesefreundlicher gestalten und zudem mit neuen Bildern auflockern. Nun beginnt es mit Fotografien aus unseren Tagen, von Hella Wolff-Seybold übrigens, die eine Botschaft des Buchs umsetzen: Wir sehen von Bregenz bis Schaffhausen die Reste des Mittelalters und es lohnt sich, darüber mehr zu wissen.

Es gibt ja Bücher, die ihre Zeit haben. Wie sieht es mit den „Mönchen“ aus?

Ich hätte das Buch nicht neu gemacht, wenn ich sie nicht selber beim Lesen erlebt hätte: diese menschlichen Abenteuer, die religiösen Erfahrungen, diese Momentbilder vom Entstehen einer geschichtlichen Landschaft werden noch lange durch kein anderes Buch überholt. Gewiss gibt es inzwischen neue Detailforschungen, etwa zur Bewegung der Beginen, aber die großen Linien, die Arno Borst entwickelte, und die beispielhaften Einzelnen bleiben.

Arno Borst, der Ende der 1960er Jahre an die Universität Konstanz kam, hat sich nicht nur mit der „großen“ mittelalterlichen Geschichte beschäftigt, sondern auch in die Bodensee-Region hineingehört. „Mönche am Bodensee“ oder seine Aufsätze, die bei Ihnen unter dem Titel „Ritte über den Bodensee“ erschienen sind, sind gute Beispiele. Was war für ihn der Beweggrund?

Borst hatte sich schon als Professor in Erlangen mit der Geschichte der dortigen Region beschäftigt. Am Bodensee fand er dann für sein Fachgebiet noch viel mehr fortwirkende Reste des Mittelalters. An ihnen konnte er alle Wirkungszentren der Zeit aus einem europäischen Zusammenhang heraus deuten: die Kaiserpfalz in Bodman, die Klöster als Wissenszentren, Adelspolitik etcetera.

Bis auf wenige Ausnahmen – ich denke hier etwa an Professor Lothar Burchhardt mit der Konstanzer Stadtgeschichte –, beschäftigen sich die heutigen Historiker der Universität kaum noch mit lokalen oder regionalen Stoffen. Ich denke auch an die Literaturwissenschaft, auch die Kunstwissenschaftler zeigen sich hier nicht unbedingt überengagiert. Haben Sie eine Erklärung?

Da gibt es mehrere Antworten. Die Uni mit ihrem Exzellenz-Denken folgt oft modischen Trends, für die am leichtesten Forschungsmittel zu bekommen sind. Arno Borst hat immer erst mit Eigensinn geforscht. Damals Mitte der 1970er-Jahre hat er sich der Geschichte der Region auch aus einer Enttäuschung zugewandt, als das Reformkonzept an der Uni Konstanz abgewürgt wurde. Da begann er mit öffentlichen Vorlesungen für ein nicht-akademisches Publikum. Das war sozusagen unser Glück. Er hat dann Zusammenhänge verständlich gemacht, die übersehen worden waren: wie sich hier am See die Fäden aus ganz Europa kreuzten. Die zweite Antwort ist: Die Uni ist nicht alles. Es gab immer erhebliche wissenschaftliche Leistungen von Nichtakademikern. Das gewichtigste Werk zur Literaturgeschichte der größeren Region wurde von einem einstigen Studienabbrecher erarbeitet: Manfred Bosch. Die detailliertesten Lokalforschungen verdanken die Konstanzer einem Baufachmann: Gernot Blechner.

Verlassen wir Borst. Erlauben Sie mir zwei gänzlich andere Fragen: Spüren Sie etwas von der Konzentrationsbewegung auf dem Buchmarkt, die da heißt, kleine Verlage fallen aus dem Sortiment heraus?

Es wird klarerweise schwieriger. Die Buchhandlungen werden mutloser, verknappen ihre Lager, und so werden Bücher, die älter als ein halbes Jahr sind, gar nicht mehr gezeigt. Die Folge ist, dass sich die Kunden mehr online bestellen.

Die zweite Frage: Sie drucken Bücher auf Papier, es gibt das eine oder andere Hörbuch im Libelle-Verlag. Wie aber halten Sie es mit dem E-Book?

Ich verfolge das mit Interesse, da entstehen ja sogar neue Literaturformen, kurze Texte für die Handydisplays. Aber das wird nicht mehr unser Ding. Das machen Verlage, die entweder jünger sind und sich in digitalen Neuerungen müheloser zurechtfinden oder die Großen, die Abteilungen dafür einrichten. Wir bleiben auf Papier.

Zurück zu Arno Borst: Werden Sie noch weitere Titel von ihm verlegen, die möglicherweise vergriffen sind beziehungsweise bleiben? Oder gibt es noch einen weiteren unentdeckten Schatz, den Sie heben dürfen – ich denke hier an die Borst-Erinnerungen „Meine Geschichte“?

Von Arno Borst haben wir nun drei bleibende Bücher. Weiteres ist nicht in Sicht – obwohl der Briefschreiber Borst überaus interessant wäre. Aber ich freue mich tatsächlich auf einen einzigartigen Text eines anderen Autors, den wir nächstes Jahr als Wiederentdeckung machen. Ein langer Brief über einen unermesslichen Verlust, geschrieben aus einer unfassbaren Zuversicht heraus. Ein Weihnachtsbrief, den der Diplomat Werner Otto von Hentig 1943 in Berlin an seine Kinder schrieb. Er hat ihnen darin Zimmer für Zimmer das Haus beschrieben, das ihr Zuhause war und vier Wochen davor durch Bomben der Engländer zerstört wurde, auch all seine lebenslange Sammlung von Kunstgegenständen. Ein Brief, der die Kinder vor Ressentiments bewahren will und ihnen Zuversicht auf ein eigens Leben gibt. Hartmut von Hentig, der Sohn, hat mir dazu ein Nachwort geschrieben, das nun fast so lang wie der Brief ist.

Fragen: Siegmund Kopitzki

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