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Kultur See Ein Buch als Lebensaufgabe

23.02.2011


Die Arno-Schmidt-Stiftung stellt die Neuausgabe von Schmidts Roman „Zettel's Traum“ im Kiesel vor

Was den Bücherschrank des gepflegten Germanisten ziert, ist die Hamburger Ausgabe der Werke Goethes. Eine Entsprechung gibt es auch für das Werk Arno Schmidts, des größten Einzelgängers und Sonderlings der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts: die Bargfelder Ausgabe. Sie hat 2010 Zuwachs bekommen. Endlich liegt nun auch Schmidts gigantischer Roman „Zettel's Traum“ vor, erstmals in gesetzter Form, nachdem er zuvor nur als Typoskript erhältlich war, also als Wiedergabe der originalen Schreibmaschinenseiten des Autors, mit Durchstreichungen und Anmerkungen – und von einer Sonderausgabe des Fischer-Verlags abgesehen, war die Typoskript-Ausgabe höllisch teuer.

Verhältnismäßig günstige 348 Euro kostet die Neuausgabe von „Zettel's Traum“, erschienen ist sie im Suhrkamp Verlag, und erstellt wurde sie von der Arno-Schmidt-Stiftung, die 1981 von Jan Philipp Reemtsma mitgegründet wurde. Das Original von „Zettel's Traum“ umfasst 1334 Seiten im A3-Format, und der Buchgestalter Friedrich Forssman hat auf die Setzung des Buches für die erste „richtige“ Ausgabe Jahre seines Lebens verwendet. „Die Arno-Schmidt-Stiftung hat mir etwas Furchtbares angetan“, flachste er am Montag im Kiesel. „Man sagte mir: 'Mach' es so gut du kannst, egal, wie lange es dauert.' Heute weiß ich: Es gibt ein Menschenrecht auf einen Zeitplan.“

Gemeinsam mit Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach – sie Geschäftsführerin, er Vorstandsmitglied der Schmidt-Stiftung – stellte Forssman beim nunmehr bereits fünften Arno-Schmidt-Abend im Kiesel die Neuausgabe vor, aus der natürlich auch gelesen wurde.

Eigentlich erzählt „Zettel's Traum“ nur von einem einzigen Sommertag im Jahr 1968, an dem der Schriftsteller und Gelehrte Daniel „Dän“ Pagenstecher vom befreunden Übersetzer-Ehepaar Paul und Wilma Jacobi und deren Tochter Franziska in seinem abgelegenen Refugium im Heidedorf Ödingen besucht wird. Nichts Besonderes also, nicht genug, um 1334 Seiten damit zu füllen – aber Arno Schmidt bringt erzählte Zeit und Erzählzeit zur Deckung und überdehnt schließlich das Verhältnis noch; Schmidt macht das Geschehen außerdem zu einer Art „Marathon-Symposium“ (Kindlers Literaturlexikon) über die Werke Edgar Allan Poes, an deren Übertragung die Jacobis arbeiten, und dabei entwickeln sich Streitgespräche zwischen den Übersetzern und Pagenstecher, der der Ansicht ist, Poe sei latent homosexuell gewesen und aus seinem Wortschatz sprächen die unterdrückten Triebe in einer Klarheit, die Poe nicht bewusst gewesen sei. Gerade dieses psychoanalytische Sprachverständnis setzt der Roman selbst konsequent um: Arno Schmidt entwickelt eine eigenwillige Orthographie, die die unterschwelligen Nebenbedeutungen der Lautebene der Sprache deutlich macht: „Sperma die Ohrn auf“, heißt es da etwa, und aus dem Plisseerock der 16-jährigen Franziska, die um Pagenstechers Aufmerksamkeit buhlt, wird dementsprechend ein „Pleas'-see=Rock“. Wie Beckett in „Finnegans Wake“ ist Schmidt in der Entwicklung einer eigenen Orthographie und Wortschöpfungen ein Erfinder erster Güte, was „Zettel's Traum“ nicht leicht zu lesen macht. Weitab davon, den Leser zur Lektüre zu verführen, beginnt der Roman so: „Nebel schelmenzünftich. 1 erster DianenSchlag; (LerchenPrikkel). Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus.“

Zudem ist „Zettel's Traum“ in drei Spalten geschrieben, was ein springendes Lesen erfordert, um der Simultanität des Textes gerecht zu werden. Während sich in der Mitte das Hauptgeschehen abspielt, befinden sich links Verweise auf assoziierte Textstellen bei Poe, während ganz rechts flüchtige und versprengte gedankliche Kleinigkeiten und Randbemerkungen Raum bekommen. Für Setzer und Buchgestalter Friedrich Forssman war die Dreispaltigkeit ebenso wie die Orthographie eine besondere Herausforderung – erstere, weil innerhalb einer Spalte etwa Parallelhandlungen ineinander übergehen, getrennt nur durch einen diagonalen Strich – eine solche Stelle durfte keinesfalls durch einen Seitenumbruch zerrissen werden. Schmidts Schreibweise wiederum bildet lange Silben- und Satzzeichenketten, die sich kaum trennen lassen; und wenn, musste es so geschehen, dass im Blocksatz zwischen den Worten einer Zeile keine großen Lücken entstehen.

Trotz aller Hindernisse liegt „Zettel's Traum“ nun aber vor. Für den Leser bleibt das Werk eine Lebensaufgabe, die er wohl am ehesten auf einem großen leeren Schreibtisch bewältigt. Der freie Platz wird sich im Laufe der Zeit mit allen jenen Büchern der Literaturgeschichte füllen, auf die sich Arno Schmidts Text oft untergründig bezieht.

Arno Schmidt: Zettel's Traum, Suhrkamp Verlag, 1513 Seiten, 348 Euro.

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