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Kultur See Die Perspektive des Soziologen

Pierre Bourdieu als Fotograf – das Bild entstand in den 1950er Jahren und wird in der Ausstellung gezeigt.
Pierre Bourdieu als Fotograf – das Bild entstand in den 1950er Jahren und wird in der Ausstellung gezeigt. | Bild: UVK

In Pflanzengesellschaften gibt es Flach- und Tiefwurzler. In gewisser Weise lässt sich das auch auf menschliche Gesellschaften übertragen. Kommt es zu einer Entwurzelung, hängt es von verschiedenen Faktoren ab, ob danach der Tod eintritt. – Nicht ganz so dramatisch, dafür ungleich bildreicher im Thema präsentiert sich die Ausstellung „Zeugnisse der Entwurzelung“ des Philosophen und Soziologen Pierre Bourdieu (1930 – 2002) im BildungsTURM Konstanz. Sie ist Teil eines umfangreichen Begleitprogramms zum Exzellenzcluster der Universität Konstanz „Kulturelle Grundlagen von Integration“ in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen und damit Teil des Konstanzer Jahres der Wissenschaft „grenzenlos denken“.

Die rund 150 Schwarzweißfotografien im Mittelformat stammen aus dem Nachlass Bourdieus während seiner Jahre in Algerien. Diese verbrachte er zunächst als unfreiwilliger Teilnehmer am Algerienkrieg, bevor er im Anschluss von 1958 bis 1960 im nördlichen Algerien Feldforschungen zur Kultur der Berber durchführte und an der philosophischen Abteilung der Universität Algier unterrichtete. Fast 40 Jahre lagerten die Fotografien ungesehen in Pappschachteln, bevor sie in einer Produktion der Camera Austria (Graz) von den Kuratoren Christine Frisinghelli und Franz Schultheis (Fondation Bourdieu, Genf) publik gemacht wurden.

Pierre Bourdieus Bilddokumente verfolgen nicht jenen bildjournalistischen Anspruch, der Ikonen gebiert; solche Bilder wie „Tod eines spanischen Legalisten“ von Robert Capa oder „Heimatlose Mutter“ von Dorothea Lange wird man bei ihm nicht finden. Seine Kameraführung ist die des Ethnologen und Soziologen, seine Bildsprache ist ruhig und würdevoll im Umgang mit seinem Objekt. Ansichten der Totalen kommen häufiger vor als Details. Die Brutalität und Verzweiflung in Folge der Entwurzelung werden erst durch die eigene Vorstellungskraft erlebbar. Die Bilder brauchen den Text, nicht umgekehrt.

Fotografien vom „Umsiedlungslager von Djebabra“ zeigen in kontinuierlicher Aufeinanderfolge die streng gegliederte Anordnung von Barackenhütten und Wegenetzen. In nachfolgenden Aufnahmen sieht man Menschengruppen vor einem Brunnen, im Gespräch vor Häusern, auf dem Feld, auf einer Straße, bei ihren täglichen Geschäften. Man sieht Einzelpersonen und Gesichter, Erwachsene und Kinder, alleine sowie scheinbar im Spiel vertieft. Leider haben nicht alle Fotografien Bildlegenden, der Index ist lückenhaft.

Für den Forscher Bourdieu war das Fotografieren „im Grunde genommen eine Art und Weise zu versuchen, den Schock einer niederschmetternden Realität zu bewältigen“ (Pierre Bourdieu). Vor dem Hintergrund des Algerienkriegs (1954 – 1962) - die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN wurde von Frankreich mit großer Härte und Brutalität bekämpft, es wurde gefoltert und liquidiert, dann jahrzehntelang geschwiegen - wurde umgesiedelt, und zwar ausdrücklich nach militärischen Gesichtspunkten. „Trotz des Anfang 1959 erlassenen Verbots, Teile der Bevölkerung ohne Genehmigung der Zivilbehörden umzusiedeln, vervielfachen sich die Umsiedlungsmaßnahmen: 1960 sind 2.157.000 Algerier, das heißt ein Viertel der Gesamtbevölkerung, von Umsiedlungsmaßnahmen betroffen. (...) Diese Bevölkerungsverschiebung gehört zu den brutalsten der Geschichte.“ (zitiert aus dem Ausstellungstext).

Dem Wissenschaftler Bourdieu waren sicher oft die Hände gebunden. Und so musste er gleichermaßen ohnmächtig wie schamvoll einer wild gewordenen Kolonialmacht zusehen. In einem Fall „lobte“ er die Bildqualität, obwohl er kein Blitzlicht verwendet hatte: „Das aber verdanke ich nur der französischen Armee, die den Bewohnern des Hauses (...) zwecks Vertreibung das Dach über dem Kopf angezündet hatte“.

Joachim Schwitzler

Bis 1. März. Öffnungszeiten: Di–Fr 14–18 Uhr, Sa und So 10–17 Uhr.

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