Marc Bauer, 1975 in Genf geboren, heute in Berlin lebend, ist Zeichner. Er zeichnet auf Papier, meist mit Bleistift, häufig kombiniert mit Lithografiekreide, seltener auch mit Farbstiften.
So etwa in einer Serie von kleinformatigen Blättern mit abstrakten Gebilden, die bisweilen an Blüten oder an aufgesprengte Samenkapseln gemahnen und dennoch nichts Abbildhaftes an sich haben: „Nachbilder“ sind es, aus dem kreisenden oder ausfasernden Strich heraus geboren. Näher am Gegenstand das „Narrenschiff“, 20 ebenfalls kleinformatige Zeichnungen, reduziert auf Andeutungen wie Reling, schwarze Figuren, die Umrisse eines Schiffs mit gepanzertem Aufbau, auf einem der Blätter ein an einem Seil hängender Mensch, immer wieder Gestalten mit Gewehren. Mag sein, dass die Blätter eine Geschichte erzählen, ähnlich wie die Serien „Monument“ und „Roman – Odessa“, beides Spiegelungen der Auseinandersetzung mit Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ und zugleich Dokumente einer intensiven Beschäftigung mit philosophischen und gesellschaftspolitischen Aspekten.
Die Serie „Narrenschiff“ ist denn auch aus einer Zusammenarbeit mit der an der Universität Zürich wirkenden Philosophin Christine Abbt herausgewachsen, genau so wie der „Diskurs des Ungesprochenen“, eine in Textzeugnissen und Zeichnungen gespiegelte Installation einiger weniger persönlicher und schriftlicher Begegnungen von Martin Heidegger und Paul Celan zwischen 1967 und 1970, dem Todesjahr des Dichters. Da ist einerseits die gegenseitige Faszination durch das Werk des jeweils andern; da ist aber ebenso der Abgrund zwischen dem sprachmächtigen Autor, dessen Eltern im Konzentrationslager ermordet worden sind, und dem Philosophen, der als Anhänger Hitlers auch Mitglied der NSDAP gewesen war.
Was die beiden auf zwei gemeinsamen Wanderungen im Schwarzwald miteinander gesprochen haben, ist nicht dokumentiert; die aus sekundärliterarischen Zitaten, Erinnerungen Dritter und vereinzelten Briefstellen stammenden Texte geben kaum inhaltliche Hinweise.
Und Heidegger selbst schreibt in einem Brief an Celan nach einem gemeinsam verbrachten Tag in der Gegend von Todtnauberg, wo er eine Hütte besaß: „Seitdem haben wir vieles einander zugeschwiegen“. Dieses Zuschweigen, das unausgesprochen zwischen den beiden bald Schwebende, mehrheitlich aber Lastende, durchzieht auch die Zeichnungen Marc Bauers – als Versuch, das unüberwindlich Gegensätzliche und das ebenso unausweichlich Anziehende der beiden Männer in ihrer Unversöhnlichkeit fassbar zu machen.
Im Gegensatz zu diesen eher intimen Serien stehen Wort und Bild in der Folge „Herr und Knecht“: eine politisch aufgeladene, durch harte philosophische Texte und nüchtern-monströse Schilderungen aus Zeitungen und Zeitschriften untermauerte Bildfolge, die in ihrer Konsequenz mit dem monumentalen „Warship“ aus der 2007, drei Jahre früher entstandenen Folge „Gegen mein Gehirn“ konfrontiert wird. Sind es dort bunkerartig abgeschottete, von hohen elektrisch geladenen Zäunen gesicherte Hotels und labyrinthische, vielfach ummauerte Festungsanlagen, in denen die Mächtigen dieser Welt zu ihren sogenannten Konferenzen zusammentreffen, so zeigt „Warship“ jenes letzte Mittel der Herren, gegen die Knechte vorzugehen: ein waffenstarrendes gepanzertes Kriegsschiff, Symbol der Gewalt und der Zerstörung.
Kunstmuseum St. Gallen. Marc Bauer. Bis 6. Februar. Di bis So 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
Weitere Informationen:
www.kunstmuseumsg.ch