Geschlechtermäßig muss es im Barock ziemlich drunter und drüber gegangen sein. Zumindest wenn man die Barockoper als Maßstab nimmt. Männer spielen Frauen, Frauen Männer, da blickt ja bald keiner mehr durch. Und dann all diese Liebeswirren, Verwechslungen und Missverständnisse, bis sich ganz am Schluss wie durch ein Wunder der Knoten und alles in Wohlgefallen auflöst. Das auf die Bühne zu bringen, ist eine hohe Kunst. Der Rathausopern-Produktion ist es gelungen: Georg Friedrich Händels „Xerxes“ hat sich Peter Bauer, künstlerischer Leiter der Konstanzer Rathausoper, für den diesjährigen Sommer ausgesucht. Und Annette Wolf hat den Stoff mit viel Gespür für die komödiantischen Seiten auf die Bühne gebracht und dabei eben auch die Handlung entwirrrt.
Dabei könnte alles so kompliziert sein: Eine Frau spielt einen Mann – Kathrin Koch nämlich ist der tyrannische Herrscher Xerxes, der ein Auge auf Romilda geworfen hat, die wiederum aber ein Verhältnis mit Xerxes' Bruder hat. Dann gibt es mit Stephanie Firnkes eine weitere Frau (Amastris), die einen Mann mimt. Das allerdings ist Teil der Handlung – Amastris ist Xerxes' eigentliche Verlobte, und der erkennt sie auch prompt nicht mehr, sobald sie in Männerkleidern auftaucht. Florian Mayr wiederum singt als Countertenor wie eine Frau, obwohl er ein Mann ist und auch einen Mann spielt, nämlich Xerxes' Bruder Arsamene (also Romildas Liebhaber). Und schließlich gibt es noch Alejandro Lárraga als Arsamenes Diener Elviro, der sich als Frau verkleidet, was aber wiederum Teil der Handlung ist.
Doch auf der Bühne ist schließlich alles ganz schlüssig, stimmig und einfach. Das liegt auch daran, dass es Annette Wolf mit dem Sängerensemble so gut gelingt, die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten. Kathrin Koch ist ein eher kindlich-trotziger denn tyrannischer Xerxes, der daran gewöhnt ist, alles zu bekommen, was er möchte und es daher nicht verstehen kann, dass es sich mit Romildas Liebe anders verhalten sollte. Kathrin Kochs Mienenspiel lässt schnell vergessen, dass hier kein Mann um Romildas Liebe buhlt. Ihr zwar nicht sonderlich maskuliner Mezzosopran hat dennoch eine kernige Tiefe und die teilweise mit Koloraturen gespickten Arien (wie zum Beispiel „Se Bramate d'amar“), die Händel seinem Star-Kastraten Caffarelli in die geläufige Kehle geschrieben hat, nimmt sie mit Bravur. Vor allem musikalisch überzeugend ist auch Sirkka Lampimäki als Romilda – ein leuchtender Sopran mit großer Ausdruckskraft. Als Romilda ist sie die Tugend in Person und steht vor der kniffligen Aufgabe, dem König einen Korb geben zu müssen und sich ihm dennoch loyal zu zeigen.
Arsamene möchte man eigentlich mehr Leidenschaft zutrauen, als Florian Mayr ihm angedeihen lässt – schließlich darf er sich nicht nur über Romildas Liebe freuen. Auch Romildas Schwester Atalanta ist in ihn verknallt – und zu jeder Intrige bereit, um ihn für sich zu gewinnen. Camilla de Falleiro entfaltet hierzu ein enormes komödi-antisches Talent, macht Atalanta zu einer umwerfend komischen Göre und hat binnen Minuten die Herzen des Publikums erobert. Und singen kann sie obendrein – mit ihr hat Peter Bauer eine versierte Alte-Musik-Sopranistin mit klarer, beweglicher Stimme gefunden.
Und dann noch ihr Kleid! Barock ausladend, knallrot und mit Röschen besetzt, aber darunter trägt Atalanta eine kurze Militärhose – hinter der exaltierten, aber liebreizenden Fassade steckt eben ein kampfbereites Miststück. Eine gelungene Charakterdarstellung allein durch das Kostüm (Ausstattung: Jochen Diderichs). Auch Elviro (Aljandro Lárraga Schleske) hat in seiner Blumenmädchen-Verkleidung die Sympathien auf seiner Seite. Eberhard Bendel als Ariodate, Vater von Romilda und Atalanta, komplettiert das Ensemble.
Auf der Bühne werden unablässig Stühle gerückt. Große und kleine, denn es geht um Hierarchien – und auch darum, eine Ordnung wiederherzustellen, die ins Wanken geraten ist. Zu Beginn des Stücks finden wir außer der Himmelsscheibe von Nebra auch einige Rothko-Gemälde auf der Bühne. Offenbar befinden wir uns in einem Museum und der Chor mit den blauen Perücken und den 3D-Brillen mimt eine Besuchergruppe. Die Idee, was auch immer sie uns sagen wollte, wird allerdings nicht weiterverfolgt und verläppert sich im Verlauf der Handlung.
Übrig bleibt eine Geschichte, die witzig und weitgehend längenfrei erzählt wird. Dass Peter Bauer die Partitur dafür um eine gute halbe Stunde gekürzt hat, schadet der Spannung nicht. Und ein Hit wie Xerxes' Arie „Ombra mai fu“ (bkannt als „Händels Largo“) bleibt selbstverständlich erhalten. Dass diese (wie auch einige andere Nummern) unter Koordinationsproblemen zwischen Bühne und Orchester litt, war vermutlich der anfänglichen Aufregung geschuldet. Im Verlauf des Stücks allerdings spielt sich das komplette Ensemble spürbar frei – zugunsten auch der musikalischen Gestaltung. Diese liegt unter der Leitung von Peter Bauer in gewohnt versierter Hand. Angeführt von Konzertmeister Franz Fischer pflegt die Streichergruppe barocke Phrasierungskunst, ohne auf Originalinstrumenten spielen zu müssen, die sich unter Open-Air-Bedingungen allzu schnell verstimmen. Alles in allem: ein unterhaltsamer Opernabend, der einmal mehr die Bedeutung der Rathausoper für das Konstanzer Kulturleben unterstreicht.
Elisabeth Schwind
Weitere Aufführungen: 22., 24. und 26. August. Tickets: Tel. 07531/133032 und 07531/915877