Warum finden wir Kaiser Karl den Großen auf dem Deckenbild der Klosterkirche Ottobeuren? Weshalb hält der Hund des Diogenes auf der Wiblinger Bibliotheksdecke eine brennende Lampe in seinem Maul, und was macht der kleine Engel in Ochsenhausen mit seiner Feuerspritze? Schließlich noch eine rein pekuniäre Frage: Warum ging den Grafen von Montfort das Geld aus? Die Antwort auf alle diese Fragen finden sich in einem prachtvollen Bildband. „Was Oberschwabens barocke Deckenfresken erzählen“, lautet der Untertitel des Buches, das in der heutigen, zunehmend religionsfernen Zeit verloren gegangenes Wissen in Erinnerung ruft (etwa zu den Attributen, mit deren Hilfe sich die dargestellten Heiligen bestimmen lassen) und dazu mit einer Fülle von Anekdoten aufwartet.
Rolf Waldvogel ist ein erfahrener Kulturjournalist, dem es bestens gelingt, ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich die mitunter ziemlich komplexen Bildprogramme aufzuschlüsseln. Auf wissenschaftlichen Fachjargon wird dabei, soweit möglich, verzichtet. Im Mittelpunkt des Buches stehen aber fraglos die Bilder selbst. Der Fotograf Volker Strohmaier zeigt die vorgestellten Deckenfresken in hervorragender Qualität und in bislang ungekannter Detailfülle. Es ist ein wahrer Augenschmaus! Endlich kann man ohne die Gefahr einer Genickstarre auch noch die verstecktesten Kleinigkeiten in aller Ruhe studieren. Wahre Heerscharen von Engeln und Heiligen warten darauf, uns ihre Botschaften mitzuteilen.
Die Meister des Barock und Rokoko, deren Lebensläufe in Kurzbiografien zusammengefasst werden, verstanden ihr Handwerk. Ganz gezielt setzen sie ihre Effekte ein, erweitern perspektivisch den Raum, so dass sich die Bilder bis in himmlische Sphären hinein zu öffnen scheinen. Scheinarchitekturen täuschen den Betrachter, der wie im Fall der Wallfahrtsbasilika Birnau mit Hilfe eines kleinen, an der Decke angebrachten Spiegels sogar selber zu einem Teil des Bildgeschehens werden kann. Vom barocken Gesamtkunstwerk, dem Zusammenspiel von Architektur, Stuckdekor, Skulptur und Malerei ist gerne die Rede, und so gesehen ist der Ansatz des Buches nicht ganz unproblematisch, da es sich ausschließlich auf die Deckenbilder konzentriert und die weitere Ausstattung der Kirchen weitestgehend unberücksichtigt lässt. Aber diese Konzentration hat auch ihre Vorteile, gibt es doch auf den Deckenfresken allein schon mehr als genug zu entdecken. Und schnell wird klar, dass der Bilderschmuck nicht nur der höheren Ehre Gottes dienen sollte, sondern auch dazu da ist, die Stellung des jeweiligen Auftraggebers oder Ordens ins rechte Licht zu rücken.
Die Bildprogramme der Decken von neun Kloster- und Wallfahrtskirchen, zwei Bibliothekssälen und einem Schloss werden in langen, kurz und prägnant kommentierten Fotostrecken vorgestellt, darunter die Fresken von Franz Joseph Spiegler in Zwiefalten, Johann Georg Bergmüller in Ochsenhausen, Andreas Brugger in Tettnang, Cosmas Damian Asam in Weingarten, Johann Baptist Zimmermann in Steinhausen, Franz Martin Kuen in Wiblingen, Franz Georg Hermann in Bad Schussenried und von Gottfried Bernhard Göz in der Birnau. In Gesamtansichten und zahlreichen Detailvergrößerungen. Und selbst, wer die Kunstschätze Oberschwabens schon zu kennen meint, wird hier noch Neues entdecken.
Florian Weiland
Rolf Waldvogel/Volker Strohmaier: „Den Himmel vor Augen. Was Oberschwabens barocke Deckenfresken erzählen“, Biberacher Verlagsdruckerei, Biberach an der Riß. 256 S., 219 farbige Abb., 49,90 €.