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Kultur See Arthur Schnitzler als Internet-Theater

06.05.2009


Ist der virtuelle Schauspieler der Bessere? Simeon Blaesi, Überlinger Regisseur und Kulturmanager, wagt einen spannenden Drahtseilakt, eine prickelnde Fusion, ein aufregendes Experiment: Er inszeniert eine Passage aus klassischer deutscher Theaterliteratur – nämlich aus Arthur Schnitzlers „Reigen“ – im Internet. Am 10. Mai ist Premiere. Diese Inszenierung darf man sich aber nicht als Film mit lebenden Schauspielern vorstellen: Blaesi geht ins Second Life, die Parallelwelt im Internet, in der sich jeder Nutzer mittels einer eigens erschaffenen Figur, die über die Computertastatur gesteuert wird, bewegen kann.

Auch Blaesis Schauspieler sind gesteuerte Figuren, so genannte Avatare, ohne eigene Emotionen. Und das, so der Regisseur, sei gegenüber dem „echten“ Theater aus theaterhandwerklicher Sicht ein erheblicher Vorteil. Der virtuelle Schauspieler könne vom Regisseur so gestaltet werden wie es der Rolle, die er verkörpern soll, dienlich ist. „Der menschliche Schauspieler kann nie eine ganz reine Form der Kunst erreichen, spielen doch der eigene Charakter, die eigenen Emotionen und der Egoismus stets in die Figur mit hinein“, erläutert der Kulturmacher. Auch das Bühnenbild, die Kostüme und die Requisiten ließen sich im Second Life mit erheblich weniger Aufwand erstellen, sagt Blaesi. „Durch die fast unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt.“

Wer Blaesis Inszenierung besuchen will, muss sich vorher ins Second Life einloggen, sich eine Figur erstellen und lernen, sie im Internet zu steuern. Dann springt der Besucher in eine doppelte Virtualität: Er sieht nicht nur das Stück, er sieht sich auch selbst, in der Gestalt der Internetfigur, das virtuelle Theater besuchen, im Zuschauerraum Platz nehmen und die Handlung verfolgen. Und das alles vom Schreibtisch aus. Sicher in den – wirklichen und nicht virtuellen – eigenen vier Wänden sitzend, wird der Zuschauer damit gleichermaßen zum Abenteurer. „Wer sich auf Second Life einlässt, lässt sich gleichzeitig darauf ein, Neues zu wagen, Pionier zu sein, zu verändern“, sagt Simeon Blaesi, der hofft, dass sich das Theater im Second Life noch einmal neu erfinden und neue Zielgruppen erschließen kann. Denn einer der vielen Gedanken, die hinter der Inszenierung im Second Life stehen, ist die Hoffnung, die beiden Welten Theater und Second Life, die sich beide im Umbruch befinden, durch diese Verknüpfung vielleicht sogar zu retten.

Second Life, noch vor wenigen Jahren vielbeachtet, hat an Popularität verloren. Und die traditionelle Form des Theaters sieht Blaesi sogar einem dramatischen Wandel ausgesetzt: „Mittel werden gekürzt, Kosten steigen, viele Spielstätten stehen sogar vor der Schließung oder wurden bereits geschlossen. Und die Besucher bleiben aus, weil sie sich die abgedrehten Phantasien des Regietheaters nicht mehr antun wollen oder anderweitig leichtere Unterhaltung finden.

“ Blaesi hat eine Vision, einen Traum, einen Herzenswunsch: mit der Inszenierung im virtuellen Raum eine Diskussion über Machbarkeit und Unmöglichkeit, Sinn und Unsinn von Theater in der virtuellen Welt zu entfachen.

Einen wissenschaftlichen Hintergrund, eine theoretische Grundlage für sein Wagnis liefert Blaesi mit seiner postgradualen Arbeit an der Fernuniversität Hagen zum Thema „Theater in einer virtuellen Welt“. Die Arbeit untersucht die Machbarkeit von Theater in der virtuellen Welt von Second Life und findet heraus, was das für Funktion und Wirkung, hinsichtlich technischer, psychologischer und gesellschaftlicher Aspekte bedeutet. Blaesis These: Theater kann, wie in der physischen Welt, auch in einer computergenerierten Umgebung erlebbar werden. Lassen wir uns überraschen.

Eva-Maria Bast

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