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Konstanz Wolf im Verdacht: Im Thurgau wurden Schafe gerissen

Im Kanton Thurgau deuten Zeichen auf die Rückkehr des Wolfes. Ein Raubtier hat an drei verschiedenen Orten Schafe gerissen. Während die Fälle noch untersucht werden, könnte der Wolf schon weitergezogen sein – vielleicht nach Deutschland, in den Landkreis Konstanz.

Eines ist sicher: Hysterie brach nicht aus, als die Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung Ende vergangener Woche über die Fälle und den Verdacht informierten. Vorausgegangen waren im Thurgau zwei blutige Ereignisse, ein drittes nur wenige Kilometer entfernt auf Gemarkung des Kantons Zürich. In Hohentannen, Uesslingen, zwei Orten im Thurgau und in Andelfingen (Kanton Zürich) waren Schafe gerissen worden. Sieben Tiere fielen einem Angreifer zum Opfer, wie der Amtsleiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung, Roman Kistler, vorrechnet. Einige weitere wurden so schwer verletzt, dass sie geschlachtet werden mussten.

Roman Kistler weist darauf hin, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Wolf den Schaden in den Schafherden angerichtet habe. Darauf deuteten erste Untersuchungen des hinzugezogenen Zentrums für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern hin. "Füchse oder Luchse können definitiv ausgeschlossen werden. Ob es sich hingegen um einen Hund oder allenfalls um einen Wolf handelt, kann derzeit nicht abschließend beurteilt werden", so heißt es in einer Verlautbarung der Thurgauer Jagdverwaltung. Genetische Proben sollen nun den Nachweis liefern, ob tatsächlich ein Wolf am Werk war. Die Untersuchungen dürften allerdings noch einige Wochen in Anspruch nehmen.

Aufgrund der Indizien will Kistler jedenfalls nicht ausschließen, dass der Wolf nach mehr als 200 Jahren in den Kanton Thurgau zurückgekehrt ist. Der Amtsleiter glaubt, dass es sich um ein durchziehendes Tier gehandelt habe. "Es ist bekannt, dass Wölfe in einer Nacht Dutzende Kilometer zurücklegen können. Im Frühjahr wandern insbesondere männliche Jungtiere aus ihren Rudeln ab, um sich eigene Territorien zu suchen. Somit ist es durchaus denkbar, dass ein oder mehrere Wölfe in den Kanton Thurgau eingewandert sind", heißt es in einer Mitteilung der Thurgauer Jagdverwaltung. Für die Durchreise-Annahme spricht aus Sicht von Kistler, dass bereits seit dem vergangenen Donnerstag Thurgauer Schafhalter keinen weiteren Verlust von Tieren mehr angezeigt haben.

Für die Tierzüchter bedeuten die Ereignisse eine besondere Herausforderung. Die oftmals von Schäfern eingesetzten mobilen Netzzäune bieten gegen Angriffe von Wölfen nur ungenügenden Schutz. Die Thurgauer Jagdverwaltung empfiehlt den Schafzüchtern, ihre Tiere über Nacht im Stall unterzubringen. Die nächtliche Unterbringung im Stall sei der beste Schutz für die Kleintierherden, da der Wolf in der Regel nachts angreife. Die Reaktionen von seiten der Tierhalter fielen bisher gemischt aus. In einem Gespräch mit der Thurgauer Zeitung zeigte einer der geschädigten Schafzüchter ein gewisses Verständnis. "Wir müssen wohl oder übel mit dem Wolf leben", sagte er. Ein Vertreter der Schafzuchtgenossenschaft Oberthurgau forderte indes den Abschuss des Wolfs. Aufs Ganze gesehen hat die Rückkehr des Wolfs in den Thurgau keine Flut besorgter Reaktionen bei den Behörden ausgelöst. Es sei "relativ ruhig geblieben", so Kistler.

Diesseits der Schweizer Grenze im Landkreis Konstanz beobachten Vertreter von Jägerschaft und Behörden die Dinge mit einigem Interesse. Immerhin könnte der Wolf aus dem Thurgau in den vergangenen Tagen und Nächten leicht bis an den deutschen Bodensee weitergewandert sein. Von Hohentannen bis nach Konstanz sind es gerade mal 20 Kilometer Strecke. Der Konstanzer Kreisjägermeister Karlheinz Störzer verweist darauf, dass die bisher in Baden-Württemberg festgestellten zwei oder drei Wölfe aus der Schweiz eingewandert seien. So sind in Graubünden größere Wolfsfamilien heimisch.

Störzer ist sicher, dass Wölfe im Landkreis Konstanz noch keine Schäden angerichtet haben. Die größte und wohl einzige Gefahr für den geschützten Wolf ist nach Einschätzung des Kreisjägermeisters in Baden-Württemberg der dichte Straßenverkehr. 2015 wurden zwei der Raubtiere beim Queren von Autobahnen überfahren. Auch Matthias Gellert, der Leiter des Amts für Verbraucherschutz und Veterinärwesen, versicherte auf Anfrage, dass bisher keine Konflikte zwischen Wölfen und Tierfreilandhaltungen bekannt geworden seien. Gellert kann sich vorstellen, dass der Wolf zur Fauna in Baden-Württemberg dazugehören könne.

Das Auto als Feind der Raubtiere

  • Die Wölfe breiten sich in Europa wieder aus. Erstmals seit 150 Jahren wurde im Frühjahr 2016 in Baden-Württemberg ein lebender Wolf gesehen. Das Tier soll drei Mal im Gebiet zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald beobachtet worden sein. Ein Spaziergänger auf der Baar bei Donaueschingen hatte den Wolf gefilmt.
  • Verkehrsopfer: In zwei Fällen wurden Wölfe zu Opfern des Straßenverkehrs. So wurde im Juni 2015 an der A 5 bei Lahr ein Wolf überfahren. Das Raubtier kam vermutlich aus Frankreich. Im November 2015 wurde an der A 8 bei Merklingen ein weiterer Wolf überfahren. Beide männlichen Tiere waren vermutlich auf der Wanderung. Sie stammten wahrscheinlich aus einer Wolfsfamilie in Graubünden.
  • Leitfaden: Das Stuttgarter Landwirtschaftsministerium hat bereits 2013 gemeinsam mit Naturschutz-, Landwirtschafts- und Jagdverbänden einen Leitfaden für die Rückkehr des Wolfs ins "Wolfserwartungsland" Baden-Württemberg veröffentlicht. Darin sind viele Dinge angesprochen. Zum Beispiel: Wie sieht die Spur eines Wolfs aus? Wie erkennt man seine Losung? Erörtert ist in dem Leitfaden auch der Schadensausgleich – zum Beispiel für den Fall, dass das Raubtier ein Schaf reißt.

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