Kreis Konstanz Verdruss mit mundartlichen Ortsnamen
Wer aus Deutschland kommt, hat oft keine Augen für die sanften Hügel des Thurgaus; viele Touristen fahren lieber in die „richtige“ Schweiz zu schroffen Bergen. Es ist allerdings auch nicht einfach, im Thurgau anzukommen: Auf der Landkarte steht Matzenrein, aber der Wegweiser zeigt Maazerooa; wer nach Holzmannshaus will, muss Holpmishus suchen; den Campingplatz Leutswil findet das Navigationsgerät vielleicht in Lütschwiil. Radikal wie in keinem anderen Kanton werden im Thurgau Orts- und Flurnamen extrem-mundartlich geschrieben. Nun geht das Hardcore-Schweizerdeutsch sogar Einheimischen zu weit: Massive Proteste zwangen im Sommer die Kantonsregierung zu einer Denkpause. Für die neue Landeskarte müssen bis nächstes Jahr möglicherweise Tausende Bezeichnungen wieder geändert werden.
Bei der seit rund 30 Jahren konsequent betriebenen Umbenennung wurde allerdings nicht das ansässige Volk befragt, sondern die Wissenschaft: Im Auftrag der Kantonsregierung erforschte Eugen Nyffenegger Geschichte und Bedeutung von rund 30 000 Orts- und Flurnamen. Er fand zum Beispiel, dass Rheinklingen nicht von Rhein kommt, sondern von der Siedlung des Richilo – daher im Dialekt Riichlinge. Als vor zwei Jahren der sechste und abschließende Band des „Thurgauer Namensbuchs“ herauskam, wurde Nyffenegger sehr gelobt: Da sich Flurnamen oft wiederholen, sei das über 3000 Seiten starke Werk für den ganzen deutschen Sprachraum von Bedeutung. „Wie wir Schlösser und Klöster pflegen, sollten wir auch unser Namensgut achten“, plädierte ein Kantonsrat. Gesagt, getan: Nyffenegger bildet mit dem Kantonsgeometer die Thurgauer Nomenklatur-Kommission.
Die hat bislang rund 10 000 Toponyme (Ortsnamen) rechtskräftig festgesetzt. Wahrenberg wurde offiziell zu Woorebärg, Herderen zu Häädere, Westerfeld zu Wösterfäld. Gemeindenamen mit Postleitzahl blieben dabei verschont: Sie werden vom Bundesamt für Statistik in einem eigenen Verzeichnis geführt, und Statistiker sind gegen Änderungen von Ortsnamen, weil man sonst Daten nicht mehr wieder findet. Für Bahnhöfe und Haltestellen ist das Bundesamt für Verkehr zuständig, das auf sprachgeschichtliche Überlegungen ebenfalls grantig reagiert. Straßennamen und Wegweiser wiederum sind oft Sache der Gemeinden, die meist andere Probleme haben.
So lange der Wirrwarr verwaltungsintern wucherte, nahm davon kaum jemand Notiz. Seit aber die amtlichen Schreibweisen auf neuen Wegweisern sichtbar werden, empören sich die Thurgauer über „unnötige Umstellungskosten“. Viele Namen seien auch falsch: Sie hätten nie in Roopel gewohnt, immer nur in Rotbühl, motzen Rentner im Hinterthurgau. Andere erbost, dass die gleiche Regierung den Dialekt aus dem Schulunterricht verbannt und die Kinder ermahnt, auch untereinander gehoben zu sprechen. Man könnte Hochdeutsch in Klammern dazusetzen, etwa „Zigeze (Sigensee)“, versuchte die Regierung zu besänftigen – man könnte auch abwaschbare Wegweiser nehmen, ätzte es aus dem Volk zurück. Abgeordnete wurden aufsässig. Als dann die Thurgauer Zeitung das „Leserbriefthema Nr. 1“ aufgriff und eine „Notbremsung“ forderte, ruderten die Kantonsräte zurück. Für die noch nicht bearbeiteten fünf Gemeinden ist die Umbenennung vorerst gestoppt. Bis zum April soll jetzt eine Arbeitsgruppe einen Ausweg finden.
Da am Rhein Bunker und Drahtverhaue weitgehend abgebaut wurden, bliebe zur Abwehr von Eindringlingen nur noch der Rundfunk. Den Wetterbericht gibt es nämlich bloß auf Schweizerdeutsch: „Deet, wo tzunä tuät fürägüxlä, ischäs mäischt sunnig...“ (Wo sich die Sonne blicken lässt, ist es meist sonnig).
Blogs zu Lokalnamen im Thurgau: www.roopel.blogspot.com

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