„Ich trinke keinen Wodka. Nur Bier. Ich bin ja erst 9." Die Plakatkampagne von b.free, dem Bündnis gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen, sorgt für Diskussionen.
„Ich trinke keinen Wodka. Nur Bier. Ich bin ja erst 9.“ Diese Aussage hat b.free, das Bündnis gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen, in den vergangenen Wochen im Kreis Konstanz plakatieren lassen. Über Reaktionen und Wirkungen sprechen hier der Befürworter und Mitinitiator Uwe Schaffer und der Kritiker und Marketing-Spezialist Uli Burchardt. In einem Punkt sind sich die Beiden einig: Das Plakat erzielt Aufmerksamkeit, aber nicht jeder versteht die Aussage.
Herr Schaffer, warum lässt b.free einen Neunjährigen über Wodka und Bier reden?
Schaffer: Der Alkoholmissbrauch in der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich angestiegen. Die Komasäufer werden immer jünger. Hier muss etwas passieren. Wir wollen das Gespräch über diese Problematik fördern. Das Plakatmotiv haben wir aus einer Ideensammlung ausgewählt, um eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu provozieren.
Wie sind die Reaktionen ausgefallen, Herr Schaffer?
Schaffer: Nicht alle wollen den satirisch überzeichneten Text verstehen. Manche sehen darin eine Aufforderung, Bier zu trinken. Ziel ist ja, dem Autofahrer/Passanten ein Bild zu liefern, das er in kurzer Zeit erfassen kann, um darüber nachzudenken. Wenn zuviel auf dem Plakat ist, erkennt der Betrachter auf die Schnelle die Botschaft nicht. Gemessen an den Reaktionen, die wir erfahren, haben viele Menschen das Plakat beachtet.
Herr Burchardt, denken Sie auch, dass der Ausspruch des neunjährigen Jungen über Wodka und Bier richtig gewählt ist für eine Kampagne gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen?
Burchardt: Um eines vorweg zu sagen: Ich bin kein Kritiker von b.free. Ich teile die Intention des Alkoholpräventionsprojekts voll und ganz. Ich halte insbesondere das Komasaufen unter Jugendlichen für ein großes Problem. Das Plakat selbst aber sehe ich durchaus kritisch.
Inwiefern?
Burchardt: Wenn mit dem Plakat eine schockierende Wirkung erzielt werden sollte (wie beim Start der Kampagne berichtet), dann muss ich sagen, das Ziel ist verfehlt. Schockierend wäre gewesen, wenn man beispielsweise ein zwölfjähriges Mädchen gezeigt hätte, das in seinem Erbrochenen liegt. Ein durchaus realistisches Motiv, das den Betrachter erschüttert und das sich nicht ins Positive wenden lässt, auch nicht von der Zielgruppe der Jugendlichen selbst.
Schaffer: Wir wissen von den Jugendpflegern im Landkreis, dass schon Elf- bis Zwöljährige voller Stolz erzählen, dass sie nach einem Dorffest in der Gosse aufgewacht sind. Das berichten die als Heldentaten.
Burchardt: Aus der Perspektive des Bürgers muss ich allerdings feststellen: Ich habe bisher nie erlebt, dass Alkoholmissbrauch bereits ein Problem von neunjährigen Kindern ist. Das ist doch eigentlich ein Problem, dass mit zwölf oder dreizehn beginnt.
Schaffer: Leider nicht. Wir hatten bereits Fälle mit zehn- und elfjährigen Kindern. Wenn solche Kinder Alkohol trinken, ist das zum Beispiel Folge des Gruppenzwangs. Ältere Jugendliche besorgen die Getränke und die ganz Kleinen probieren mit. Bereits unter Zwölfjährige müssen in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt werden, damit sie dieser Gruppendynamik nicht zwangsläufig unterliegen. b.free unterstützt diese Aufklärung mit einem neuen Projekt.
Burchardt: Ich sehe den Fokus auf dem Komasaufen in der Pubertät. Da hat sich beim Alkoholkonsum im Vergleich zu vor 20 Jahren etwas massiv verändert. Dabei geht es heute seltener um Bier als um hochprozentige süße Mixgetränke, die runterlaufen wie Limonade und die dann direkt ins Krankenhaus führen. Eine wirksame Präventionskampagne sollte hier mit realistischen Bildern arbeiten und zum Beispiel komatöse Jugendliche zeigen. Bei solchen Bildern könnte dann niemand aus der betroffenen Altersgruppe sagen, das ist cool.
Schaffer: Aber jetzt stellen Sie sich doch mal vor, Sie fahren 14 Tage lang an einem Plakat vorbei, wo jemand in seiner Kotze liegt.
Burchardt: Schwer zu ertragen. Aber die Tatsache, dass Jugendliche in ihrer Kotze liegen, ist auch schwer zu ertragen.
Schaffer: b.free hat bei seinen Aufklärungskampagnen auch schon auf realistischere Bilder gesetzt. Mit der jetzigen, breit angelegten Plakataktion wollten wir Aufmerksamkeit erregen. Die Reaktionen waren ein voller Erfolg. Das Plakat ist jedem aufgefallen ohne zu verletzen und fordert zu vielen Fragen heraus.
Burchardt: Mich würde als Macher einer solchen Kampagne nicht stören, wenn die Empörung so groß wird, dass man sagen muss: Wir hören jetzt damit auf – im Gegenteil. Bei solchen Bildern hätte der Landrat allerdings nicht viel Freude beim Plakatieren.
Wie kommt das Plakat denn bei Kindern an?
Burchardt: Kinder verstehen das nicht. Ich bin ja Vater einer zehnjährigen Tochter. Und die sagt: Das ist ja blöd. Das klingt ja so, als ob man Bier trinken dürfte mit neun, Wodka aber nicht. Kinder nehmen den Text eins zu eins auf. Sie können die Ironie noch nicht verstehen, die da drinsteckt.
Schaffer: Wir haben Reaktionen von Eltern, die sich genau so äußern. Das Gute daran ist: Es gibt in jeden Fall ein Gespräch. Damit ist ein wichtiges Ziel erreicht. Auch wenn Kinder die feine Überzeichnung nicht verstehen. In der Familie, in Jugendhäusern oder in der Schule wird das Plakat aufgearbeitet.
Die mögliche Provokation hat also Methode?
Schaffer: Ich muss ganz ehrlich sagen: ja. Die Tragweite dieses Plakats und die vielfältigen Reaktionen haben wir nicht vorhergesehen. Es benötigt viel Nacharbeit, nicht nur Missverständnisse auszuräumen, sondern auch Aufklärung bei den unterschiedlichen Zielgruppen zu betreiben. Primär waren natürlich Erwachsene unsere Zielgruppe bei der Plakataktion. Uns freut und erstaunt, dass das Gespräch auch von den Kindern eingefordert wird. Die sehen den Ausspruch, aber verstehen ihn nicht.
Burchardt: Sie verstehen ihn schon, aber nicht so wie wir wollen.
Schaffer: Wenn es um den Kern, die Vorbeugung gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen geht, müssen wir auch unsere Festkultur diskutieren. Wenn Jugendliche da sind, müssen bestimmte Kriterien berücksichtigt werden, was Getränkeauswahl und Preise angeht.
Burchardt: Wir sprechen über Regelungen, Selbstverpflichtungen und Kontrollen. Mir ist da zu viel erhobener Zeigefinger und zu wenig direkte Ansprache der Jugendlichen. Wir sollten den jungen Komasäufern direkt aufzeigen, was an dem Verhalten uncool ist. Und sie brauchen Vorbilder, die sie akzeptieren können. Das sind wir ihnen schuldig. Das ist die Aufgabenstellung.
Schaffer: Es gibt viele Ansätze, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Wir brauchen dafür die Vereine, die Eltern, die Lehrer. Dazu war das Plakat eine gute Anregung.
Burchardt: Dabei muss es darum gehen, den Umgang mit Alkohol zu lernen. Es geht nicht um ein Verteufeln von Alkohol. Bevormundung funktioniert da nicht. Überzeugung ist wichtig.
Schaffer: Ja, genau, das ist auch unsere Projektidee.
Aufgezeichnet von Franz Domgörgen
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Aber genau diese Gruppe, die Eltern, die ihre Erziehungsrolle ...