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Kreis Konstanz Nach Aus für Geburtshilfe: Landrat Hämmerle gibt Belegärzten Schuld

Landrat Frank Hämmerle gibt den Belegärzten die Schuld am Aus für die Geburtshilfeabteilung am Radolfzeller Krankenhaus. Die Geschäftsführung des Gesundheitsverbunds denkt schon weiter. Nun soll das Zentrum für Altersmedizin in Radolfzell ausgebaut werden.

Das endgültige Aus für die Entbindungsstation am Radolfzeller Krankenhaus kam am Mittwochnachmittag als Nachricht über eine erfolglose Stellenbesetzung daher. Weil sich kein Nachfolger mehr für einen ausscheidenden Kollegen finden ließ, schließen die verbleibenden beiden freiberuflichen Gynäkologen ihre Belegabteilung. Das Licht im Kreißsaal geht aus.

So einfach ist das? Natürlich nicht. Die andere Seite der Schließung der Geburtshilfeabteilung zeigt sich als Dickicht von Versicherungsbestimmungen und Genehmigungsverfahren, die bis in die Behördenzentrale der Europäischen Union reichen. Da ging es um Versicherungsprämien, die die Belegärzte nicht mehr tragen konnten und um die Versuche von Stadt und Landkreis, das Ding doch am Laufen zu halten. Es ging um das Bestellerprinzip im Gesundheitsverbund und um ein Notifizierungsverfahren. In Letzterem wird geprüft, ob eine Subvention gegen das Beihilferecht der Europäischen Union verstößt. Es bleibt der Eindruck, dass der Kampf für den Erhalt der Radolfzeller Geburtshilfe irgendwo in diesen bürokratischen Verfahren steckengeblieben ist. Damit verändern sich die Strukturen in der stationären Gesundheitsversorgung wieder ein klein wenig in die Richtung, die die Bundespolitik vorgibt: hin zu größeren Einheiten. Radolfzeller Lokalpolitiker verschiedener Parteien warnen nun vor einem weiteren Abbau des Leistungsangebots am Radolfzeller Spital.

Am Mittwoch reagierte der Gesundheitsverbund (GLKN), in dem die Klinikgesellschaften Konstanz und Singen (mit Radolfzell) zusammengeschlossen sind und dessen Mehrheitsanteilseigner der Landkreis Konstanz ist, mit einer Erklärung. Man habe die Ankündigung der Gynäkologischen Gemeinschaftspraxis "mit Bedauern, aber auch Unverständnis" zur Kenntnis genommen. Zugleich blickt die Geschäftsführung voraus. Die betroffenen Pflegekräfte und Hebammen des Radolfzeller Krankenhauses sollen zukünftig die Teams an den Kliniken in Konstanz und Singen verstärken. Zugleich werde man dafür sorgen, dass die Geburten aus Radolfzell an den anderen beiden Standorten aufgefangen werden können. In Singen wird derzeit ein weiterer Kreißsaal eingerichtet.

GLKN-Geschäftsführer Peter Fischer kündigte in der Stellungnahme an, man werde das beliebte Radolfzeller Beleghebammenmodell auf die anderen Standorte übertragen. Im Gespräch mit dieser Zeitung hielt er zudem fest, es gebe keine Versorgungsengpässe. Jede schwangere Frau, die dies wünsche, könne an einer Klinik im Landkreis entbinden.

Der Status des Radolfzeller Spitals als Akutkrankenhaus ist laut Gesundheitsverbund von dem Aus der Geburtshilfe nicht berührt. Die 24 Stunden-Notfallaufnahme bleibe bestehen, so heißt es. Und beim Gesundheitsverbund denkt man schon weiter. Um nach dem Wegfall der Geburtshilfe die Lücke zu füllen, soll in Radolfzell das Zentrum für Altersmedizin ausgebaut werden.

Landrat Frank Hämmerle, der Aufsichtsratsvorsitzende des Gesundheitsverbunds, kritisierte in einer eigenen Stellungnahme die Belegärzte: "Diese Entscheidung hat mich sehr überrascht. Ich bin enttäuscht und verärgert." Stadt Radolfzell, Kreistag und die Spitze des Gesundheitsverbunds hätten hoch engagiert Wege gefunden, "mit finanziellen Mitteln und rechtlich komplizierten Sonderlösungen die Schließung der Geburtshilfe zu verhindern." Grundlage der Bemühungen sei die Aussage der Belegärzte gewesen, eine ausreichende Besetzung sicherstellen zu können. Nun seien alle Anstrengungen plötzlich wertlos. Der Sachverhalt sei von den Belegärzten ohne Rücksprache einseitig definiert worden. Am Ende geht's eben um eine Stellenbesetzung, die angesichts unklarer Perspektiven scheiterte.

Die Zahlen

  • Singen ist vorne: 2016 wurden an den drei Klinikstandorten des Gesundheitsverbunds (GLKN) 2650 Geburten gezählt. Davon entfielen laut Verbund 1290 auf das Klinikum Singen, 833 auf das Klinikum Konstanz und 527 auf Radolfzell. Der GLKN weist eigens auf die hohe Qualität der Versorgung an den größeren Standorten hin. Dem Klinikum Singen ist ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe (Einrichtungen zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen) zugeordnet, dem Klinikum Konstanz ein sogenannter perinataler Schwerpunkt.
Dateiname : Stellungnahme von Landrat Frank Hämmerle zur Schließung der Geburtshilfe Radolfzell
Dateigröße : 58.50 KBytes.
Datum : 09.03.2017 20:09
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