Mein

Kreis Konstanz Kultur der Roma in Wort und Noten

Uni-Chor und Solisten setzen sich bei einem Konzert im Audimax mit dem so genannten Zigeunertum auseinander.

Nachdenklich machte das Konzert, das Solisten und der Uni-Chor ins Audimax brachten: Roma-Kultur jenseits der Bürger-Ängste; Hineinhorchen in die Befindlichkeiten der „Zigeuner“, die so nicht genannt werden wollen, seit Jahr- hunderten in Europa zuhause sind und doch kein Zuhause haben. Da war der gebürtige Makedonier Nejdo Osman (jetzt Schauspieler, Regisseur und Lyriker in Köln) der berufene Zeitzeuge, sein Volk mit all seinen „ganz normalen“ Befindlichkeiten um Alltag, Liebe, Wünsche und Sorgen dichterisch in seiner Roma-Sprache (die Übersetzung ins Deutsche wurde von Schauspielerin Jana Alexia Rödiger gesprochen) zu Wort kommen zu lassen: „Lasst mich ein Roma sein!“

Gründlich missverstanden hatte das 19. Jahrhundert die „Zigeuner-Romantik“, wofür Johannes Brahms' „Zigeuner-Lieder“ beispielhaft stehen: Die fast durchweg heiteren, rhythmisch temperamentvollen Chorlieder fanden im Uni-Chor mit seinen über 50 Mitgliedern den unbelasteten, musikantisch quirligen Ausdruck, der Ungarn mit Zigeunermusik verwechselt. Dabei verlangt das Elf-Lieder-Werk allerhand chorische Versiertheit: Der Chor brachte sie mit Sopranglanz ein, und die Männerstimmen hatten viel Registerarbeit zu leisten, am Flügel gestützt und instrumental befeuert von Bernhard Renzikowski.

Leos Janáceks „Tagebuch eines Verschollenen“ (1916), eher Dramolett oder Kammeroper als Liederzyklus, ging, halbszenisch gesungen und gespielt, durchaus unter die Haut: Ein „bürgerlicher“ Jungbauer in Mähren schwängert eine Zigeunerin, wünscht sich die rauschende Nacht im Freien zurück und verdammt sie zugleich, entgeht er doch der Schande seines Tuns nur durch Untertauchen. Janácek vertraut die Hauptrolle einer Tenorstimme an, und diese füllte Christoph Waltle mit ganz subtiler Gestaltung aus, die Heldenhaftes mit Lyrischem und Rezitativischem verbindet: eine große sängerische Leistung zusammen mit Rahel Indermaur, die im brennend roten Kleid die verführerische Mezzosopranpartie der Zigeunerin adäquat sang.

Bernhard Renzikowski spielte den umfassenden Klavierpart mit all seiner spätromantischen und neutönerischen Klavieristik vom Klangteppich bis zur Vollgriffigkeit; dazu gesellten sich kurze, aber schwierigkeitsgespickte Einwürfe des auf der Empore positionierten Frauenchors.

Universitätsmusikdirektor Peter Bauer hätte Johannes Brahms und Leos Janácek „publikums-freundlich“ tauschen können, dann hätte das Konzert fröhlich und im Chor-Tutti geendet; das aber war sicher nicht der Sinn des Abends. So herum paarten sich Musik und Betroffenheit zu einem außergewöhnlichen, fast schon experimentellen Konzert vor immerhin teilgefülltem Audimax.

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online.
Exklusive Bodenseeweine
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Kreis Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017