Schweiz Boom von Hanfanbau im Thurgau bringt Probleme
Hanfernte 2008 in Mecklenburg-Vorpommern. Im Schweizer Kanton Thurgau ist der Hanf-Anbau oft ein Fall für den Staatsanwalt. Bilder: dpa/Archiv (1), Domgörgen (2)
Frauenfeld – Hanf-Anbau hat im Thurgau Konjunktur. Von 2007 auf 2008 wuchs die Produktionsfläche von 17 Hektar auf 46 Hektar an. Bezogen auf eine landwirtschaftliche Gesamtfläche von 51 000 Hektar macht dies noch einen bescheidenen Anteil aus. „Aber es ist ein kleines Segment, das viel Arbeit macht“, stellt Markus Harder fest, der Chef des kantonalen Amts für Landwirtschaft in Frauenfeld.
Wenn Bauern im Thurgau Hanf anbauen, müssen sie dies dem Landwirtschaftsamt melden. Sät der Produzent eine im amtlichen Katalog empfohlene Hanfsorte aus, kann er sogar mit staatlichen Zuschüssen rechnen. Diese Direktzahlung entfällt, sobald der Landwirt eine andere Sorte der Faserpflanze anbaut. Den amtlichen Sorten-Empfehlungen ist ein THC-Wirkstoffgehalt von maximal 0,3 Prozent gemeinsam. THC steht für Tetrahydrocannabinol und ist der chemische Stoff, der die rauschhafte Wirkung hervorruft, zum Beispiel in Haschisch und Marihuana.
Wählen Thurgauer Bauern eine Hanfsorte aus, die nicht in der Empfehlungsliste steht, gibt das Landwirtschaftsamt den Fall zur Prüfung an die Staatsanwaltschaft weiter. Der Kantonsapotheker nimmt dann Proben, um den THC-Gehalt der Pflanzen zu ermitteln. Wird das Wirkstoff-Limit überschritten, muss der Bauer dokumentieren, was er mit der Ernte macht. Im Zweifelsfall lassen die Bezirksämter den Hanf beschlagnahmen. Und das ist zuletzt immer öfter vorgekommen. „Der Hanf-Anbau ist in den letzten Jahren geradezu explodiert“, sagt Roger Forrer, Steckborner Bezirksstatthalter. Grund ist allerdings nicht, dass die Landwirte die Pflanze zum Zwecke der Rauschgiftgewinnung anbauen würden.
Auch wenn die überwiegende Zahl der Produzenten nach Auskunft von Markus Harder Hanfsorten mit einem höheren THC-Gehalt wählt. Die Bauern weisen Anbauverträge vor, oder sie wollen die Ernte direkt an ihr Nutzvieh verfüttern. Doch das ist nach dem Gesetz verboten.
„Das Verfütterungsverbot ist absolut; unabhängig vom THC-Gehalt“, sagt der Leitende Staatsanwalt Hans-Ruedi Graf, und verweist auf eine Entscheidung des kantonalen Obergerichts. Genau hier tun sich Konflikte auf. Denn dem Futterhanf wird stressreduzierende und entspannende Wirkung bei Nutztieren zugeschrieben. Nicht wenige Thurgauer Landwirte schwören auf diese Wirkungen. Auf der Internetseite des Futterhanf-Vermarkters SanaSativa berichtet ein Schweinezüchter, dass er durch Fütterung mit Hanf das Kannibalismus-Problem bei den Zuchtsauen ausschalten konnte. Keine zerbissenen Ohren und Schwänze mehr. Ein Landwirt aus dem Bezirk Steckborn berichtete einer Schweizer Boulevard-Zeitung unlängst, seine Schweine seien deutlich entspannter bei der Paarung, wenn sie mit Hanf gefüttert werden. Im letzteren Fall machten die Strafverfolger der Praxis ein Ende. Allein im Thurgauer Bezirk Steckborn wurden insgesamt 40 Tonnen Hanf-Futterwürfel beschlagnahmt. Laut Roger Forrer sollen es im Bezirk Kreuzlingen noch einmal zehn Tonnen sein.
„Wir treiben hier im Kanton einen riesigen Aufwand“, räumt Hans-Ruedi Graf ein. Aber er hält diesen Aufwand für gerechtfertigt. Zumal die Kontrolle auch dazu beitrage, schwarze Schafe unter den Produzenten zu entlarven, die Hanf mit höherem THC-Gehalt für den Rauschgifthandel anbauen. Zuletzt legte die Polizei im Rahmen eines umfangreichen Ermittlungsverfahrens gegen Cannabishandel zwei Thurgauer Bauern das Handwerk. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatten die beiden im großen Stil Drogen-Hanf angebaut und Abnehmer mit Marihuana beliefert.
