Mein
08.07.2009  |  von  |  0 Kommentare

Teufen/Schweiz Atombunker ist das erste "Null Stern Hotel" der Welt

Teufen/Schweiz -  Stilvoll übernachten zwischen dicken Stahlbetonwänden eines Schweizer Atombunkers? Die beiden Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin machen's möglich im ersten Null Stern Hotel der Welt, das auch Kunstinstallation ist. Es ist zu finden in Teufen (Appenzell Ausserrhoden), gut 30 Kilometer vom Bodensee entfernt.

In Teufen (Kanton Appenzell Ausserrhoden), rund 30 Kilometer vom Bodensee entfernt, gibt es das erste Null Stern Hotel der Welt - einen Atombunker. Eröffnet wurde es von den beiden Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin (Bild). Die Übernachtung Kategorie First Class im Biedermaier-Einzelbett: 25 Schweizer Franken; Kategorie Luxury im Doppelbett: 30 Franken pro Person. Kontakt: Null Stern Hotel, Unteres Hörli 2079, CH-9053 Teufen/AR, Telefonnummer 0041-713 300 163. www.nullsternhotel.ch.  Bild: Gerhard Herr

Telefon mit Wählscheibe an der Wand, Laptop auf dem Tresen: die Rezeption. Hier empfängt Butler Pascal die Gäste.  Bild: Gerhard Herr



 „Wir treffen uns am besten an der Kirche, die Ausschilderung ist noch nicht angebracht“, sagt Pascal Gysel, als ich telefonisch einen Termin im Teufener Null Stern Hotel vereinbare.

Ein Hotel ohne Hinweisschild? Während andernorts die Gäste auf nummerierten „Hotelrouten“ durch Städte geschleust werden, ist das mal was Neues. Lass' dich also überraschen, denke ich und mache mich auf ins beschauliche Teufen im malerischen Appenzellerland.

An der Kirche wartet schon ein Mann in schwarzem Anzug, weißem Hemd, schwarzer Fliege. Welch ungewöhnlicher Aufzug bei 25 Grad – sicher eine Hochzeit und er wartet auf seine Braut.

In diesem Moment klopft er ans Autofenster. „Ich bin Pascal, Ihr moderner Butler, wir haben telefoniert“, sagt der vermeintliche Bräutigam und lächelt ein wenig amüsiert – an verdutzte Gesichter ist er gewöhnt. Pascal geleitet mich formvollendet über ein schmales Sträßchen auf den Hinterhof eines schmucklosen Gebäudes. „Das ist ein Seniorenzentrum und darunter sind wir“, erklärt er.

„Darunter“, das ist ein Atombunker, in dem im Ernstfall 202 Personen Platz finden. „Wir“, das sind die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin, die Erfinder des Null Stern Hotels. Patrik studierte Kunst an der Universität der Künste in Berlin und an der Kunstakademie Frankfurt. Frank absolvierte die Hochschule der Künste in Zürich. Vor zehn Jahren haben sie ihr „Atelier für Sonderaufgaben“ in St. Gallen gegründet. Die 35-Jährigen platzieren ihre Kunst direkt im Alltag.

Interventionen im gesellschaftlichen Raum, in politisch-wirtschaftlichem Kontext, sind ihr Anliegen. „Weil wir, abseits des Mainstreams, etwas zu sagen haben“ sind sich die Zwillinge einig. Sie stellen unübliche Situationen her und schaffen so eine neue Wirklichkeit.

„Wir sind keine Hoteliers, das Null Stern Hotel ist eine Kunstinstallation, die Antithese zum Größen- und Luxuswahn, erläutert Patrik Riklin das Konzept. Die Grundidee war der kreative Umgang mit Ressourcen und das Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Entstanden ist die Hotel-Installation schließlich in Zusammenarbeit mit Minds in Motion, einem Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen für die Hotel- und Tourismusbranche mit Sitz in Lausanne.

„Die Null steht nicht für frugalen Verzicht, sondern für Freiheit und Unabhängigkeit, für die Möglichkeit, Luxus neu zu definieren“, so Frank Riklin. Diese subtile Neudefinition macht die Faszination der unterirdischen Schlafgelegenheiten aus.

Durch die schwere grüne Panzertür gelangen die Gäste in eine Art Diele. Die dort aufgebaute Rezeption ist winzig, das Wandtelefon aus schwarzem Bakelit. Hier empfängt der „moderne Butler“. Nicht unterwürfig. Eher würdevoll und unüblich agierend.

Das Verblüffende: Trotz 30 Zentimeter dicker Mauern und fehlendem Tageslicht hat man nicht das Gefühl von beklemmender Enge – zumindest nicht für ein paar Stunden. Raumtemperatur und -klima sind angenehm. Beleuchtet werden die Räume durch elegante Nachttischlampen. Dekoration sucht man aber vergebens. Dies würde den Charakter der Räume entstellen.

„Die Gäste sollen realisieren, dass sie in einem Bunker sind“, so die Riklins. Einziger Schmuck sind die unterschiedlich gestrichenen Wände und die Rohre und Stutzen der Frischluft- und Druckausgleich-Anlagen.

Den Blick nach Draußen gibt's nur auf dem Bildschirm des auf dem Boden der Lounge stehenden alten Fernsehers. Das Landschaftsbild mit Blick auf die Appenzeller Alpenkette ist unscharf. Es verändert sich aber dank der installierten, billigen Webcam regelmäßig.

Genauso einfach sind das aus Armeematratzen zusammengesetzte Sofa, die beiden Duschen oder die Toilettenkabinen. Einer der ersten, die hier übernachteten, war eine ältere Dame, die den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und viele Stunden in einem Bunker erlebt hat. Vielleicht konnte sie sich mit ihrer freiwilligen Bunkernacht ja von diesem Trauma befreien.

Da die Einzel- und Doppel-Betten, aufgesammelt von Speichern (Estrich) der Umgebung oder aus stillgelegten Mehrsternehotels der Region, das Zentrum der Räume sind, haben sie oberste Priorität. „Matratzen und Bettzeug müssen von höchster Qualität sein“, sagt Perfektionist Patrik Riklin.

Die Betten sind in strahlendem Weiß bezogen. Akkurat darauf platziert: Badetuch, Handtuch, Frottee-Pantoffeln und Betthupferl. Das hält dem strengen Blick jeder Grandhotel-Hausdame stand. Riklin: „Der Gast soll die Illusion der Erstbenutzung haben.“ Der Butler serviert den Gästen morgens einen Becher Kaffee ans Bett. Frühstück gibt's keins. Dafür machen die Gäste gerne einen kleinen Morgenspaziergang zur nahen Bäckerei.

So sind die Teufener aktiv in das Projekt mit einbezogen. Dies sei ein ganz wichtiger Gedanke, so das Künstler-Duo. Die Gemeinde hat die Räumlichkeiten gratis zur Verfügung gestellt. Das Ungewöhnliche: Im Falle einer Militärübung muss der Bunker binnen 24 Stunden leer geräumt sein.

Im Teufener Bunker lernen sich Menschen kennen, die ohne diesen einander wohl nie begegnet wären. Daraus ergeben sich wiederum Konstellationen, durch die sich die Riklin-Brüder inspirieren lassen. „Wir sind mit dem Kopf ganz weit in der Luft und mit den Füßen auf dem Boden. Das erzeugt eine Spannung, die sich dann kreativ entlädt“, schildert Patrik den Weg von der Idee bis zur Umsetzung.

 
Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
 Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2014