Kreis Konstanz Anzug statt Latzhose: Warum die Grünen im Kreis Konstanz pragmatisch statt ideologisch sind

Hier machen sogar Fundis Kompromisse: Die Grünen im Kreis Konstanz sind beispielhaft für den Trend zur Realpolitik der Partei im Südwesten Deutschlands. Warum aber sind die hiesigen Grünen so Realo-geprägt? Und sind sie hier sogar ein bisschen schwarz? Eine Spurensuche.

In Rielasingen-Worblingen geht gerade eine Premiere über die Bühne: Es hat sich ein Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen gegründet. Das Klischee für den Ortstermin geht so: Der Besucher trifft in einem Holzhaus auf eine bunte Truppe in selbst gestrickten Norweger-Pullovern, die sich vor einem Che Guevara-Poster keifend über Realo- und Fundi-Positionen streitet. Fast alle sind Lehrer. Die Realität ist diese: In einem schmucken und geschmackvoll eingerichteten Einfamilienhaus empfangen vier Mitgründerinnen, zwei von ihnen Unternehmerinnen, den Besucher, parlieren gewandt über Überzeugungsarbeit und Machbarkeiten in der Kommunalpolitik, und eine Realo- und eine Fundi-Vertreterin erzählen, wie viel die Beiden voneinander lernen können.

Die Grünen sind in Baden-Württemberg bei Wahlen erfolgreich wie nie – aber sind sie eigentlich noch die Partei, die sie mal waren? Im Bund und im Land ist es ja so: Die CDU ist für die Grünen mittlerweile eine Koalitions-Option, Ministerpräsident und Ober-Realo Winfried Kretschmann nutzt eine dicke Staatskarosse und hält die Vermögenssteuer für eine schlechte Idee, und in der Heute-Show des ZDF sagt Satiriker Oliver Welke: "Wenn man die Grünen wählt, werden sie schwarz." Die Grünen in Baden-Württemberg gelten als besonders Realo-basiert, als geradezu bürgerlich. Ihre Wähler sind laut Politologen oft gut ausgebildet und wohlhabend.

Die Grünen im recht wohlhabenden Kreis Konstanz ticken für Günter Beyer-Köhler, der für die Freie Grüne Liste (FGL) im Konstanzer Gemeinderat und für die Grünen im Kreistag sitzt, auf jeden Fall noch originär grün. "Wir zeigen schon eine grüne Kante." Zum Beispiel in der Konstanzer Verkehrspolitik: "Da sind wir immer noch Meinungsführer: Autos gehören aus der Stadt raus, wir wollen Mischverkehre und eine fahrradfreundliche Stadt." Auch "autofreies Wohnen mit einem Quartiersparkhaus", Car-Sharing, Stadtbegrünung und vergünstigte Karten für Bedürftige für Busse und Bahnen sind für ihn Beispiele für originär grüne Themen. "Und die Bürgerbeteiligung ist für die Verwaltung ein ungeliebtes Kind, für uns aber essenziell." Die FGL-Stadträtin Gisela Kusche nennt zudem Kinderbetreuung, Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten für Eltern. "Und in der freien Kultur sind wir ein verlässlicher Ansprechpartner", verweist sie darauf, dass es die Grünen gewesen seien, die im städtischen Haushalt mehr Förderung für die Kulturstätten K9 und Kulturladen sowie für das Zebra-Programmkino initiiert hätten.

Dennoch: Die Grünen gelten zunehmend als Teil des arrivierten Politbetriebs, nicht mehr so als Stachel im Fleische. Den neuen Konstanzer Haushalt zum Beispiel tragen sie mit – zusammen unter anderem mit der CDU. "Als wir anfingen, war das Feindbild klarer, wir waren erstmal dagegen. Die Motzigkeit von damals gibt es heute nicht mehr", sagt Gisela Kusche. Ist ja auch kein Wunder, findet sie: "Wenn man im Gemeinderat oder in der Landesregierung ist, sieht man erst die Begrenzungen und Sachzwänge: Was ist gesetzlich vorgeschrieben? Ist Geld da? Ich bin oft in der Situation, dass ich Leuten quasi die Bürgermeister-Meinung erzähle – das wirkt dann konservativ."

Links oder rechts, grün oder schwarz – Marius Busemeyer, Politologie-Professor an der Uni Konstanz, warnt vor einfachen Kategorisierungen: "Die Politik ist mittlerweile nicht einfach nur links-rechts, sondern sehr viel komplizierter geworden." Es gehe nicht mehr nur noch um Märkte, sondern zunehmend auch um Wertekonflikte, "zum Beispiel zu Europa, Globalisierung oder Migration. Dadurch treffen Parteien in neuen und immer wieder anderen Konstellationen aufeinander, und das Parteiensystem wird unübersichtlicher." Und: "Das Neue ist, dass Parteien weniger verankert sind in sozialen Milieus." Das mache es für sie leichter, sich zu bewegen und Wählern in der Mitte etwas anzubieten.

Und die Fundis? Gibt es die denn hier überhaupt nicht mehr? Gisela Kusche lächelt: "Innerhalb der Realos gibt es Fundis." In der neuen Ortsgruppe in Rielasingen-Worblingen klingt das so: "Klar lebt Demokratie von Streitkultur", sagt Realo-Vertreterin Christine Neu. Letztlich aber "will ich mich nicht streiten, ich will einen Konsens." Und Beatrice Greif-Gebhardt sagt zwar von sich: "In bestimmten Bereichen bin ich Fundi"; trotzdem wünscht sie sich Realo-Positionen: "Du brauchst auch die, die die Bauern mitnehmen, sonst erreichst du ja nichts." Und wenn wegen eines Vogels Windkraft blockiert werde, "dann bleiben wir ewig auf Kohle- und Atomstrom sitzen."

Siegfried Lehmann, Ex-Landtagsabgeordneter der Grünen, war vor 30 Jahren Gründungsmitglied des Kreisverbands. Ihn sorgt der pragmatische Trend keineswegs. "Es braucht ein Grundverständnis in einer Partei, dass gute Kompromisse nötig sind und dass das nur funktioniert, wenn man seine eigene 100-Prozent-Position hinterfragt." Dieser neue Pragmatismus – ist er ein Konformismus? Profillosigkeit? Doch wohl eher dies: Kompromissfähigkeit. Wer sie hat, hält ein demokratisches Gemeinwesen regierbar. Die USA etwa erfahren schon nach vier Wochen Donald Trump, wie es ist, wenn sie fehlt.

"Wir haben am Bodensee ein schwarz-grünes Milieu"

Marius Busemeyer (39) ist Politologie-Professor an der Uni Konstanz und selbst Grünen-Mitglied. Im Interview spricht er darüber, warum die Grünen am Bodensee so realpolitisch sind.

Herr Busemeyer, der rauschebärtige Latzhosen-Träger, der in den späten 70ern die Grünen mitgegründet hat – hat der heute im Kreis Konstanz noch eine politische Heimat?

Ich denke, die Grünen haben sich in Baden-Württemberg von einer Milieu- zu einer Art Volkspartei gewandelt. Andere Bundesländer haben da andere Parteienlandschaften. Das hat zur Folge, dass die Grünen in vielerlei Hinsicht weniger ideologisch, sondern pragmatischer geworden sind.

Sind die Grünen im Kreis sogar besonders bürgerlich und pragmatisch?

Sie fallen jetzt nicht aus dem Rahmen. Und sie unterscheiden sich von anderen Parteien weiter darin, dass ihnen bestimmte Themen besonders am Herzen liegen: vor allem Umwelt- und Naturschutz, aber auch soziale Gerechtigkeit und Bildung. Wir haben letztes Jahr eine Studie zur Bildungspolitik der grün-roten Landesregierung durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Grünen eine treibende Kraft hinter Inklusionsprinzip und Gemeinschaftsschulen waren. Das Vorurteil, sie seien bereits vor der grün-schwarzen Regierung auf dem Weg zur bürgerlichen Partei gewesen, ist also differenzierter zu sehen.

Man sieht aber einen starken wirtschaftsfreundlichen Pragmatismus. Wegen der Feinstaub- und Abgaswolke durch den Autoverkehr in Konstanz jeden Samstag würde der rauschebärtige Latzhosenträger doch vor Wut seinen Jutebeutel auf den Asphalt pfeffern.

In der Verkehrspolitik haben die Grünen durchaus andere Konzepte als andere Parteien. Sie wollen die Bedürfnisse von Radfahrern und Fußgängern stärker berücksichtigen statt nur aufs Auto zu setzen und Parkhäuser zu bauen. Trotzdem setzen sich natürlich auch die Grünen für pragmatische Wirtschaftsförderung ein. Umgekehrt ist es so, dass bürgerliche Politiker wie der Konstanzer OB Uli Burchardt grüne Inhalte aufgreifen. Insofern haben wir am Bodensee in weiten Teilen eine Art grün-schwarzes Milieu, in dem Bürgerlichkeit und ökologische Perspektiven zusammenkommen.

Wie kommt das?

In den 70ern war die Bodenseeregion attraktiv für Menschen mit alternativen Lebensstilen. Es entstanden ja auch in Konstanz, Radolfzell und Allensbach Freie Grüne Listen, bevor es die grüne Partei gab. Trotzdem sind wir eben nicht in Hamburg oder Berlin. Die Fahnenträger einer linksliberalen Kultur waren immer eingebettet in ein eher bürgerliches Milieu, bedingt durch ländliche und kleinstädtische Struktur. Im Laufe der Zeit haben sich diese Milieus wahrscheinlich angenähert. Man ist nicht vollkommen im Bürgerlichen angekommen, sondern irgendwie in der Mitte zwischen linksalternativ und bürgerlich stecken geblieben.

Wenn jetzt der Latzhosenträger reinkäme, verzweifelt, weil er nicht weiß, was er wählen soll – könnten Sie ihm etwas raten?

Wahrscheinlich steht der Latzhosenträger – wenn es ihn denn noch gibt – immer noch den Grünen am nächsten. Aber die grüne Politik der letzten Jahre hat auch versucht, neue Wählergruppen anzusprechen, wie etwa junge Familien, prekär Beschäftigte und ältere Menschen. Fraglich ist allerdings, ob diese Versuche immer erfolgreich waren. Die Grünen haben beispielsweise im Bereich Wirtschafts- und Sozialpolitik ihr Profil geschärft, aber das Thema soziale Gerechtigkeit wird eben auch von anderen Parteien wie der SPD oder den Linken bespielt.

Fragen: Eike Brunhöber

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