Wenn man die Besucherentwicklung der letzten Jahre inklusive der nicht gerade günstigen Eintrittspreise bedenkt, wären die vom Veranstalter erwarteten 50 000 Zuschauer realistisch gewesen. Jetzt kamen weit über 60 000 Menschen zu dieser Großveranstaltung. Dieser Fakt ist staunenswert. Noch überraschender ist das Verhalten der Besucher. Egal wieviel Sicherheitspersonal aufgeboten wird – absolute Sicherheit kann nie gewährleistet werden, zumal der Faktor Mensch absolut unkalkulierbar ist.
Was nicht überrascht, ist die Tatsache, dass es bei so vielen Menschen zu Warteschlangen und Gedränge kommt, was bei jeder Großveranstaltung – sei es Open-Air-Konzert oder eben Seenachtfest – üblich ist. Nicht nachvollziehbar sind die Reaktionen vieler Seenachtfest-Gäste. Muss man kurz vor knapp aufs Veranstaltungsgelände drängen, um rasch das Feuerwerk anzusehen? Warum diese Massenflucht gleich nach dem letzten Böller? Zahlreiche Besucher scheinen ihre Vernunft mit den Feuerwerksraketen Richtung Mond geschossen zu haben. Wie anders kann man sich erklären, dass sich Jung und Alt, Eltern mit Kleinkindern in die Masse schieben und Richtung Ausgang drängen? Beispiel Marktstätten-Unterführung. Ein absoluter Brennpunkt, für den bereits eine entschärfende Lösung erarbeitet wird. Trotzdem haben die Besucher mit ihrem Verhalten zu der heiklen Situation maßgeblich beigetragen. Sowohl vom Hafen, als auch von der Marktstätte aus ist die Unterführung gut einsehbar. Muss man sich dann wirklich allen Ernstes ebenfalls ins dichte Gedränge stürzen? Andere Ein- beziehungsweise Ausgänge gab es schließlich. Aber nein: Für viele hieß die Parole: Mitten durch!
Auch der Massenandrang gegen Mitternacht vor der Hafenstraßen-Disco war absolut prekär. Und schon wird von einigen die Frage aufgeworfen, ob denn überhaupt genügend Einsatzkräfte der Polizei aufgeboten worden seien. Wer Joachim Felgenhauer, Einsatzleiter bei der Polizeidirektion Konstanz, und Bürgeramts-Leiter Hans-Rudi Fischer kennt, weiß ganz genau, dass diese beiden Männer Sicherheit zur absoluten Priorität erklärt haben. Im Vorfeld jeder einzelnen Veranstaltung werden die unzähligen Sicherheitsaspekte genauestens mit weiteren Fachämtern und Behörden geprüft, entsprechende Auflagen erteilt und deren Einhaltung überwacht, der Einsatz geplant und durchgeführt. Penibel, denn auf Glück und Zufall bauen die Herren Fischer und Felgenhauer – die übrigens von Samstagmorgen um 9 Uhr bis Sonntagmorgen um 6 Uhr ohne Pause mitten im Geschehen waren – nicht. Sie versuchen maßgeschneiderte Sicherheitskonzepte für jede einzelne Veranstaltung zu erarbeiten, um das höchste Maß an Sicherheit erwirken zu können. Restrisiken können sie dennoch nicht ausschließen.
Jedes Mal sind Großeinsätze eine Gratwanderung. Wenn der Veranstalter zu viele Auflagen zu erfüllen hat, heißt es: Die Behörden seien kleinlich, es ist doch noch nie etwas passiert. Wenn viele Polizisten im Einsatz sind und kein Unglück geschieht, ist dann nicht gleich von Polizeistaat die Rede? Aber kommt es zu brisanten Situationen, ja dann hätte man doch spontan von allem ein bisschen mehr. Die Polizei hätte an vielen Stellen ordnender eingreifen sollen, hieß es bereits. Das ist ein Tanz auf Messers Schneide.
Kein Entscheidungsträger ist in derartigen Situationen zu beneiden. Gilt es doch abzuwägen, ob man eine Situation zunächst beobachtend weiterlaufen lässt, um, wenn es wirklich gefährlich wird, ein- und durchzugreifen, oder schreitet man gleich ein und riskiert dabei Panik oder Gewalttätigkeiten. Beispiel Massenstau vor der Hafenstraßen-Disco. Kein Durchkommen mehr. Der DJ wurde gehalten, die Musik abzustellen und eine Durchsage zu machen. Was passierte? Er wurde mit Plastikbechern beworfen. Nur ein Beispiel dafür, dass die Einsatzkräfte bei jeder Handlung auch die möglichen Konsequenzen bedenken müssen.
Das Fazit nach dem Seenachtfest 2012: Das Sicherheitskonzept wurde bei Rekordbesucherzahl auf den Prüfstand gestellt. Es gab keine gravierenden Vorkommnisse, aber neuralgische Punkte. Daraus werden neue Erkenntnisse gewonnen, entsprechende Lösungen erarbeitet, das Sicherheitskonzept den Anforderungen angepasst und es wird, so ist bereits zu vernehmen, eine limitierte Ausgabe an Eintrittskarten geben.
Das traditionelle Seenachtfest in Konstanz und Kreuzlingen lockt jedes Jahr zehntausende Besucher an. Hier gibt es alle Infos zum tollsten Feuerwerk am See - und den Sommernächten, die vorher in Konstanz stattfinden.
