Konstanz „Wir bieten Suchenden eine Herberge“

Auf einen Kaffee mit Gabriele Mahl-Kühnen und Ute Klasen, die über ihre Arbeit im Frauenhaus und die Suche nach einer Herberge sprechen.

Frau Mahl-Kühnen, Frau Klasen, was bedeutet Ihnen persönlich Weihnachten?
 
Klasen: Ich bin zwar sehr religiös erzogen worden, aber mit Weihnachten habe ich durch den Beruf so meine Schwierigkeiten. Das Problem ist, dass Weihnachten in unserer Gesellschaft sehr familienorientiert ist. Viele Frauen, die zu uns ins Frauenhaus kommen, können es kaum aushalten, das Fest ohne ihre Familie zu verbringen. Außerdem wird ihnen vorgegaukelt, dass Weihnachten immer perfekt sein muss. In der Werbung sieht man schöne Kaffeetafeln, die Wohnung ist hübsch, der Baum ist groß, die Geschenke sind üppig. All die Frauen sehen, dass es bei ihnen nicht so ist, dass sie das nicht hinkriegen. Deswegen bin ich mit dem, was Weihnachten mittlerweile so bringt, nicht freundschaftlich verbunden. Es wäre schön, wenn es etwas lockerer wäre und wenn die Menschen sich wieder mehr auf das Religiöse besinnen würden.
 


Beim genaueren Hinsehen gibt es einige Parallelen zwischen der Weihnachtsgeschichte und dem Frauenhaus. Zum Beispiel ziehen Maria und Josef durch die Nacht und suchen eine Herberge, genauso wie die Frauen, die zu Ihnen kommen. Warum klopfen sie bei Ihnen an?
 
Mahl-Kühnen: Bei uns klopfen Frauen an, die im Moment nicht zu Hause sein können, weil es dort Gewalt gab oder gibt und sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Wir nehmen sie auf, bis sie zur Ruhe kommen. Sie sollen bei uns Schutz finden und ohne Gewalt leben können.  
 
Maria und Josef wurden überall abgewiesen. Für wen bleibt Ihre Tür geschlossen?
 
Mahl-Kühnen: Abweisen müssen wir Frauen, die nur obdachlos sind, ohne Gewalt zu erfahren – genauso wie suchtkranke und akut psychotische Frauen. Und für unter 18-jährige Frauen ist das Jugendamt zuständig.
 
Sie haben zehn Plätze. Was passiert, wenn Ihre Herberge ausgebucht ist?
 
Mahl-Kühnen: Wir sind öfter ausgebucht. Für diese Fälle haben sind wir mit Frauenhäusern in ganz Baden-Württemberg vernetzt. So können wir aktuelle Platzzahlen im Internet abrufen und die Frauen zu anderen Häusern vermitteln – oder auch in andere Bundesländer. Das kommt vor, wenn eine Frau in Konstanz sehr bedroht ist und nicht hier bleiben kann. Eine Frau ist sogar einmal mit ihren zwei Kindern von Hamburg zu uns gereist, um möglichst weit weg von der Gewalt zu kommen.
 
Ihre Adresse ist aus gutem Grund anonym. Wie finden die Hilfesuchenden zu Ihnen?
 
Klasen: Wir haben eine öffentliche Telefonnummer, die jeden Tag im SÜDKURIER steht. Die Frauen können uns anrufen und wir sprechen mit ihnen daüber, ob wir ihnen helfen können und wenn ja, wo wir uns treffen und was sie mitbringen müssen.
 
Mahl-Kühnen: Manchmal klettern die Frauen in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Fenster und laufen barfuß durch den Schnee zur Polizei, die uns verständigt. Für solche Fälle haben wir Essen und Kleidung vorrätig.
 
Maria ging als Schwangere auf Herbergssuche. Kommen zu Ihnen auch schwangere Frauen?
 
Klasen: Ja, einige Frauen haben während ihres Aufenthaltes bei uns entbunden. Ich stand schon diverse Male vor Kreißsälen, weil die Frauen schwanger zu uns kamen, dann das Kind geboren haben und mit dem Baby wieder zu uns zurückkamen. Das kommt gar nicht so selten vor.
 
Wie helfen Sie den Frauen konkret?
 
Mahl-Kühnen: Wir schauen, wie sie weg von der Gewalt kommen und wie sie ihren Lebensunterhalt sichern könnten. Es gibt unheimlich viele Ämtergänge zu tätigen und Anträge auszufüllen, dabei begleiten wir die Frauen. Wir beraten sie auch und hören ihnen zu. Wenn die Frauen zu uns kommen, sind sie sehr verletzt und verunsichert. Sie schämen sich auch oft, haben Angst und wissen nicht, wie es weitergeht. Für ihre Kinder klären wir ab, wo ein neuer Kindergarten- oder Schulplatz wäre und helfen auch ihnen, die Gewalterfahrung zu verarbeiten.
 
Klasen: Für die Kinder ist das auch ganz wichtig. Manche Frauen haben am Anfang ein schlechtes Gewissen und sagen: ‚Jetzt muss ich meinem Kind diese Einrichtung zumuten statt einer heilen Familie.’ Doch sie merken sehr schnell, dass das Kind sehr viel freier wird, weil es diese angespannte Atmosphäre nicht mehr spürt. Auch wenn die Kinder nicht direkt bedroht waren, sind auch sie Opfer der Gewalt, die ihre Mutter erlebt.
 
Wie lange dürfen die Frauen bleiben?
 
Klasen: Zunächst können sie sechs Wochen bleiben. Danach wird geschaut, ob sie noch bedroht sind, darauf achtet der Kostenträger. Wenn die Situation nach sechs Wochen noch nicht geklärt ist, können wir eine Verlängerung für nochmals sechs Wochen beantragen.
 
Gehen die meisten Fälle gut aus, so wie auch in der Weihnachtsgeschichte?
 
Mahl-Kühnen: Die meisten schaffen es, ein neues Leben anzufangen und eine eigene Wohnung zu finden. Sie entscheiden sich für ein Leben ohne Gewalt. Aber es gibt auch immer Frauen, die zu ihrem Partner zurückkehren. Manche schaffen erst nach dem dritten Mal im Frauenhaus wirklich den Absprung. Gerade Frauen, die schon sehr lange in Gewaltbeziehungen leben, brauchen oft mehrere Anläufe, um das zu beenden.
 
Warum fällt es Frauen oft so schwer, sich von ihren gewaltbereiten Männern zu trennen?
 
Mahl-Kühnen: Sie lieben diese Männer und sind von ihnen abhängig, emotional und finanziell. Viele leben noch nach dem klassischen Rollenbild, in dem der Mann das Geld verdient und die Frau die Kinder groß zieht. Für viele Frauen ist es ein ganz großer Schritt, diesem gesellschaftlichen Idealbild nicht mehr zu entsprechen. Es ist immer noch, vor allem hier im Südwesten, sehr schwierig zu sagen: ‚Dann bin ich lieber geschieden oder getrennt, lebe aber ohne Gewalt.’
 
Wie oft werden Frauen zu Gewalttätern?
 
Klasen: Die Quote liegt bei weit unter zehn Prozent. Es kommt ganz selten mal vor, zum Beispiel bei Zwangsverheiratungen. Wenn ein junges Mädchen durch Zwangsverheiratung bedroht ist, schlägt sich ihre Mutter eher auf der Seite des Vaters und wird dadurch Teil dieses Bedrohungssystems. Aber in den 17 Jahren, die ich hier arbeite, kenne ich keine weibliche Gewalttäterin.
 
Gewalt taucht schon in der Bibel auf. Als König Herodes damals von seinem Rivalen, dem Jesuskind, erfuhr, soll er den Mord aller unter zweijährigen Jungen befohlen haben.
 
Mahl-Kühnen: Daran sieht man, dass Gewalt ein Problem ist, das durch alle Schichten und auch Religionen geht. Gewalt ist kein Problem von Migranten und Hartz-IV-Empfängern, sondern es gibt genauso Chefärzte und Richter, die ihre Frau verprügeln.
 
Hat sich Ihre Einstellung zu Männern durch Ihre Arbeit geändert?
 
Klasen: Das hat mit der Einstellung zu Männern nichts zu tun. Ich bin seit vielen Jahrzehnten glücklich verheiratet. Ich glaube, das ist eher ein gesellschaftliches Problem. Wer Gewalt ausübt, sollte geächtet werden – ob sie von einem Mann oder einer Frau ausgeht. Die Gesellschaft ist einfach männerorientiert. Wir spüren die Auswirkungen zum Beispiel dadurch, dass Vergehen von Männern an Frauen aus unserer Sicht juristisch oft nicht wirklich befriedigend verfolgt werden.
 
Mahl-Kühnen: Bei mir ist es auch so. Ich habe zwei Söhne, ich mag Männer. Ich finde es sehr problematisch, dass wir oft in die Geschlechterkampfecke gestellt werden. Darum geht es nicht. Es geht um den Kampf gegen Gewalt. Ich habe kürzlich gelesen, dass männliche Gewalt die Volkswirtschaft in Deutschland jährlich 14,5 Milliarden Euro kostet. Die Frage ist, ob wir es uns leisten wollen, dass in gewalttätigen Familien Mädchen wieder zu Opfern und Jungs wieder zu Tätern erzogen werden.
 
In der Heiligen Nacht sind nicht nur Maria und Josef losgezogen, sondern auch viele andere Menschen, die Liebe, Geborgenheit und Frieden gesucht haben. Warum erreichen viele diese Ziele nicht?
 
Klasen: In den meisten Fällen wiederholen sowohl Opfer auch als Täter etwas, das sie aus ihrer Kindheit kennen. Wenn ich als Kind Chinesisch lerne, spreche ich Chinesisch. Wenn ich Gewalt in meinem Handwerkskasten habe, um damit Konflikte zu lösen, dann benutze ich dieses Handwerkszeug.
 
Maria und Josef waren die Schwachen, bis ihr Kind auf die Welt kam. Welche Botschaft können Sie den Frauen mitgeben, die hier anklopfen?
 
Mahl-Kühnen: Meine Botschaft ist, dass sie die Möglichkeit haben, selbstbestimmt und gewaltfrei zu leben – und somit wie Maria und Josef am Ende stark zu sein.
 
Klasen: Jede Frau hat eine Ressource. Ich habe noch keine gesehen, die nach den Gesprächen mit uns nicht eine neue Stärke entdeckt hätte. Das ist meine frohe Botschaft.
 
Die Heiligen drei Könige folgten einem leuchtenden Stern, um das Kind in der Krippe zu finden. Wovon lassen Sie sich leiten?
 
Mahl-Kühnen: Von meinem humanistischen Menschenbild. Ich habe Soziale Arbeit studiert und wollte immer beruflich für eine gerechte Sache eintreten. Für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben zu kämpfen, finde ich sinnvoll. Wir erleben sehr viele positive Momente bei der Arbeit. Das finde ich schon sehr befriedigend.
 
Klasen: Dieser Moment, wenn eine Frau in einem Gespräch ihre eigene Quelle entdeckt, wenn es plötzlich Klick macht und sie weiß, wie es weitergeht, der ist für mich magisch. Er treibt mich an bei jeder neuen Frau, die ich aufnehme.
 
Was möchten Sie den Lesern für Weihnachten mit auf den Weg geben?
 
Mahl-Kühnen: Sie sollen nicht alles so ernst nehmen und sich nicht unter Druck setzen lassen. Selbst wenn das Essen nicht so gut schmeckt oder etwas verbrennt, ist es ein super Weihnachten. Wichtig ist auch, dass man sich durchaus streiten kann. Aber man darf nie zuschlagen.  
 
Fragen: Kirsten Schlüter

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