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Konstanz „Small Talk ist soziales Lausen“

Auf einen Kaffee mit Annette Kessler, die im Café Wessenberg erklärt, wie Small Talk sinnvoll eingesetzt wird.

Frau Kessler, haben Sie gut hergefunden?

Ja, ich habe gut hergefunden (lacht). Ich weiß, warum Sie das fragen: Weil es der perfekte Einstieg in den Small Talk ist. Ich würde allerdings eine offene Frage stellen, damit das Gegenüber nicht nur mit ‚Ja’ antworten kann. Wenn Sie fragen: ‚Wie sind Sie bei diesem verrückten Wetter hierher gekommen?’, dann könnte ich vielleicht eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel, dass ich eine Hardcore-Fahrradfahrerin bin und bei jedem Wetter fahre oder dass ich bei Schneefall den Bus nehme und dabei nette Leute getroffen habe. Daran kann man anknüpfen.

Nun kann niemand zwei Stunden lang über Wetter oder Anreise sprechen. Welche Themen sollte man sonst noch draufhaben?

Wir müssen unterscheiden zwischen dem 30-Sekunden-Small-Talk im Aufzug und dem Drei-Stunden-Small-Talk bei einem Geschäftsessen. Dort muss man oft mit Wildfremden ins Gespräch kommen, das ist eine Herausforderung. Verboten sind dabei die Themen Krankheit, Geld und Religion sowie alles, was polarisiert und ideologisch wirkt. Obwohl man auch hier differenzieren muss. Auf einer Netzwerkveranstaltung komme ich nicht darum herum, über Politik oder Wirtschaft zu reden, aber ich sollte mich dabei nicht gerade parteipolitisch outen.

Was kann guter Small Talk bewirken?

Das Ziel ist, eine gute Atmosphäre zu schaffen und die Menschen persönlich kennen zu lernen, damit im Idealfall eine Geschäftsbeziehung entsteht. Man macht lieber Geschäfte mit Leuten, die einem sympathisch sind. Small Talk kann dabei die Türen öffnen. Deswegen biete ich meine Seminare hauptsächlich in der Management-Ebene an.

Welche Übungen machen Sie mit Managern?

Eine lustige und gleichzeitig sehr wirkungsvolle Übung ist das Brainwalking. Wir sammeln viele Stichworte zu einem Thema. Dann stellen sich zwei Leute vor eine Tafel mit dieser Auflistung und spinnen daraus einen künstlichen Small Talk. Die Teilnehmer lernen, dass sie von jedem Stichwort auf jedes andere kommen können und dass Small Talk nicht verkrampft abläuft, sondern Kreativität und Leichtigkeit beinhaltet.

Aber die Teilnehmer lachen sich dabei schlapp, oder?

Ja, bei der Übung wird viel gelacht. Ich empfehle ihnen dann, genau diese entspannte Stimmung beizubehalten beim Small Talk im Job. Mit zwei Partnern habe ich gerade die SSI-Akademie Bodensee gegründet, bei der wir Ingenieure fit für das professionelle Auftreten machen. Wir denken, dass in diesem Bereich noch großer Optimierungsbedarf besteht. Ingenieure sind fantastische Fachleute, aber sie haben oft Probleme mit der Lockerheit im zwischenmenschlichen Bereich.

Merkt man nicht, wenn jemand sich Small Talk antrainiert hat?

Ich gebe ja nur ein paar Hilfsmittel: Welche Themen eignen sich, wie komme ich von einem Tabuthema wieder weg? Aber letztendlich ist es die Haltung zum Small Talk, die Offenheit und Neugierde auf andere Menschen, die zum Erfolg führt. Das größte Missverständnis der meisten Leute besteht nämlich darin, dass sie denken, sie müssten zum Einstieg etwas ganz Schlaues von sich geben. Dabei reicht es, wenn jemand sagt: ‚Der heiße Kaffee bei diesem kalten Wetter tut aber gut!’ Dann sagt der andere vielleicht: ,Ich bin Teetrinker und mag gar keinen Kaffee, treffe mich aber gern zum Kaffeegespräch’, so wie ich (lacht). Schon ist man im Dialog. Small Talk ist im Grunde soziales Lausen. Man beschnüffelt den anderen und guckt, was das für einer ist.

Besteht bei dieser Lockerheit nicht die Gefahr, dass man aus Versehen zu viel über sich verrät?

Man muss sich genau überlegen, was man sagt, und nicht wild drauflos plaudern. Über Small Talk transportiert jeder auch sein Image. Wer nicht aufpasst, was er sagt und was er weglässt, kann die Karriereleiter runterstolpern – und anders herum eben auch nach oben kommen. Die Manager der Großbanken und Pharmakonzerne, mit denen ich arbeite, melden zurück, dass sie plötzlich viel leichter ins Gespräch kommen. Das hilft nicht nur im Job, sondern auch privat.

Gibt es irgendwo Small Talk-freie Zonen?

Eigentlich nicht. Jeder smalltalkt überall, selbst beim Frühstück mit dem Partner, mit dem man schon 30 Jahre lang verheiratet ist. Oder mit dem Nachbarn mal kurz im Flur oder über den Zaun. Im Arbeitsleben muss man nur ein bisschen vorsichtiger sein als im Privatleben. Der Literatur-Nobelpreisträger und Satiriker George Bernard Shaw war allerdings ein überzeugter Anti-Smalltalker. Man sah ihn angeblich auf Partys oft im Selbstgespräch und fragte ihn: ‚Warum redest du eigentlich mit dir selbst?’ Shaw antwortete: ‚Ich unterhalte mich gerne mit intelligenten Leuten.’ Auf die Frage, wie man lästige Konversation am Tisch vermeiden könne, sagte Shaw: ‚Indem man verheiratete Damen fragt, warum sie keine Kinder haben und unverheiratete, wie viele Kinder sie haben.’

Welche Frage stellt man, wenn peinliche Stille zu entstehen droht?

Selbst wenn Sie es mit einem hartnäckigen Schweiger zu tun haben, hat dieser ja irgendwann mal etwas gesagt. Daran können Sie eventuell anknüpfen und nachfragen, sich auf seine Interessen einlassen. Und Sie sollten sich überlegen, warum der andere schweigt. Rede ich vielleicht zu viel oder nur langweiliges Zeug? Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Vielredner, die ständig Monologe halten. Wenn das der Chef ist, sollte man ihn quatschen lassen. Denn am Ende wird er sagen, wie wunderbar er sich mit Ihnen unterhalten hat. Sie haben zwar kein Wort gesagt, aber endlich hat mal einer zugehört.

Welche Gestik und Mimik sollte man beim Reden vermeiden?

80 Prozent unserer Kommunikation läuft nonverbal. Wir können das Blaue vom Himmel erzählen – wenn der Körper eine andere Geschichte erzählt, glaubt einem niemand. Insofern kann ich nur den Ratschlag geben, die richtigen Gedanken zu haben. Wenn die innere Haltung stimmt, habe ich automatisch die richtige Körpersprache. Wenn ich denke: ‚Mist, wie komme ich hier weg?’, wird man mir das auch anmerken.

Wie kann man jemanden befreien, der unsicher ist?

Wenn jemand in die Ecke guckt und keinen Blickkontakt hält, gibt mir das einen Hinweis. Dann ist irgend etwas auf der Beziehungsebene nicht in Ordnung. Hier sind Empathie und emotionale Intelligenz gefragt. Small Talk kann man nicht nachahmen wie ein Rezept aus einem Kochbuch. Wenn beispielsweise jemand unsicher ist, kann es daran liegen, dass er sich, aus welchem Grund auch immer, unterlegen fühlt. Ich würde dann vielleicht versuchen, mich so zu verhalten, dass er sich mit mir auf Augenhöhe fühlt. Zum Beispiel kann ich eine Pleiten-, Pech- und Pannen-Geschichte von mir erzählen oder selbstironisch sein. Dann merkt der andere, dass ich auch nur ein Mensch bin.

Apropos Augenhöhe: Darf sich auch der Angestellte mal ironisch über den Chef lustig machen?

Das kommt auf den Chef an. Wenn er ein selbstbewusster und angenehmer Mensch ist, denke ich schon, dass er Ironie versteht. Wenn er sehr autoritär auftritt, würde ich Ironie ihm gegenüber vermeiden.

Soll man zugeben, wenn man etwas nicht weiß?

Auf jeden Fall. Bloß nicht den Klugscheißer spielen, das kann gefährlich werden. Sagen Sie lieber, dass das interessant klingt, und fragen Sie nach. Man kann beim Small Talk auch etwas lernen. Allerdings wird schon erwartet, dass man ein Basiswissen Allgemeinbildung hat, auch im kulturellen Bereich. Gerade Bankmanager organisieren Veranstaltungen mit ihren Kunden im kulturellen Bereich, manche bekommen sogar Karten für die Bayreuther Festspiele, auf die Normalsterbliche sieben Jahre lang warten müssen. Und dann begleiten die Manager ihre Kunden, haben nur Ahnung von Politik und Wirtschaft und sollen auf einmal über Oper reden. In einem meiner Bücher biete ich kulturelles Basiswissen auf unterhaltsame Weise an für Leute, die nicht gerade in die dicksten Fettnäpfchen treten wollen, indem sie beispielsweise Shakespeare ins 19. Jahrhundert und Goethe ins zwölfte verlegen, denn dann wird es peinlich.

Sie bieten in Ihrem Buch ‚Small Talk von A bis Z’ auch kurioses Wissen an. Kann man wirklich im Gespräch unterbringen, dass der Komponist Giuseppe Verdi sechs Jahre vor seinem Tod ein Altersheim in Mailand gegründet hat, in dem noch heute mittellose Künstler leben?

Ja, schon, aber nur in gewissen Situationen. Natürlich kann ich nicht nach dem Prinzip gehen, möglichst viele Stichwörter aus dem Buch im Gespräch unterzubringen, das ist Quatsch. Small Talk ist vielmehr eine große Assoziationskette. Wenn zufällig das Thema Altersheim aufkommt, könnte ich diese kleine Anmerkung zu Verdi machen. Es geht darum, sein Wissen, das aus lauter Puzzlesteinchen besteht, zu einem Netz zu verknüpfen.

Sollte man sich auch gezielt vorbereiten und überlegen, wer zum Galadinner kommt und was man mit den Leuten besprechen könnte?

Das finde ich, gerade wenn es etwas mit dem Beruflichen zu tun hat, sehr gut und sehr wichtig. Jede Information, die ich vorab über die anderen Menschen habe, hilft mir. Es ist ein großer Irrtum zu denken, Small Talk habe nichts mit Vorbereitung zu tun. Dann geht es nämlich in die Hose und Sie wundern sich, dass aus der Geschäftsbeziehung nichts wird. Es ist im geschäftlichen Bereich durchaus üblich, ein Abendessen von drei Stunden zu absolvieren und kein Wort über das Geschäftliche zu reden. Aber am nächsten Morgen, wenn die Verträge unterschrieben werden, wird Farbe bekannt. Will ich mit dem Gegenüber ins Geschäft kommen? Das hängt vom Abend zuvor ab – erst recht, wenn wir in der arabischen oder asiatischen Kultur unterwegs sind. Ich weiß von einem Kontakt eines großen Konzerns nach China, der abgebrochen wurde, weil in Deutschland plötzlich ein anderer Mitarbeiter zuständig war. Und wer Geschäfte mit arabischen Ländern macht, muss unbedingt Fragen nach der Familie beantworten. Wer 35 Jahre alt ist und keine Kinder hat, muss welche erfinden.


Fragen: Kirsten Schlüter

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