Marussja Ries ist eine der vielen Studenten in Konstanz. Doch mit ihrer Zwischen-Heimat hat sie immer wieder Probleme.
Als Marussja Ries im August 2008 zum ersten Mal nach Konstanz kam, dachte sie: Wow, tolle Landschaft, schöne Stadt. Hier bleibe ich. Doch inzwischen sucht sie immer wieder Abstand zu ihrer neuen Heimat, die in absehbarer Zeit schon wieder ihre alte Heimat sein wird. Denn Marussja Ries ist 22 Jahre alt, studiert Soziologie und Spanische Studien an der Uni Konstanz und ist somit auf Durchreise.
„Heimat ist dort, wo ich mich zu Hause fühle“, sagt Marussja, die in Witten an der Ruhr und bei Frankfurt am Main aufgewachsen ist. Mit Konstanz kommt sie inzwischen klar. „Durch Freunde, die ich hier gefunden habe, ist es ganz in Ordnung, aber die Konstanzer Mentalität will ich mir nicht aneignen“, sagt die Studentin. Ihre Schwierigkeit, sich ganz auf die Stadt einzulassen, hat mehrere Gründe. „Meine zweite Heimat Dietzenbach bei Frankfurt am Main hat nur 34 000 Einwohner, aber Konstanz wirkt viel kleinstädtischer“, beklagt Marussja. „Für Studenten ist in der Freizeit kaum was geboten. Ich habe auch das Gefühl, dass die Stadt die Uni unbedingt will, um damit zu werben. Aber die Studenten selbst will niemand“, meint sie. „Jedenfalls spüre ich bei einigen Bürgern so viel Groll gegen junge Menschen, das kenne ich sonst gar nicht.“ Und auch auf der Wohnungssuche hätten Studenten es oft schwer.
Marussja braucht ab und zu das Großstadtleben, das mehr Möglichkeiten bietet und das auch ein bisschen trubeliger ist. Die Idylle, die viele Konstanzer so schätzen, ist Marussja oft zu viel. „Konstanz ist eine heile Welt. So heile, dass es fast schon unheimlich ist“, sagt sie. Und so ärgern sich die Bürger aus ihrer Sicht über Lappalien: „Wer nicht auf der richtigen Seite Fahrrad fährt, wird blöd angemacht.“
Marussja könnte ja auch wegziehen. Aber da ist noch die bezaubernde Landschaft. „Ich liebe die Natur hier. Wenn ich an den See komme, geht mir das Herz auf“, sagt die 22-Jährige. Und so möchte Marussja ihr Studium auf jeden Fall in Konstanz beenden. Vielleicht geht sie anschließend nach Lateinamerika, vielleicht nach Berlin. „Den Bodensee werde ich vermissen“, sagt Marussja. „Aber Konstanz ist für mich keine Heimat für immer.“
Kirsten Schlüter