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Konstanz „Esperanto verbindet viele Nationen“

Auf einen Tee mit Irmtraud Bengsch, die im Rosgartencafé von ihrer Leidenschaft für Esperanto erzählt.

Bonan Tagon, Frau Bengsch.

Bonan Tagon. Mi salutas vin!

Was heißt Ihr zweiter Satz?

Ich begrüße Sie!

Sprechen Sie fließend Esperanto?

Wenn ich unter wirklichen Esperantisten bin, ja. Aber wenn ich Leuten gegenüber sitze, die in jedem zweiten Satz sagen: ,Ach, das ist wie im Spanischen oder wie Latein. Und wie heißt denn dieses Wort?’, dann fange ich an zu stottern und die Wörter fallen mir nicht mehr ein. Das ist als wenn Sie im Deutschen plötzlich befragt werden, was eigentlich ‚zuvorkommend’ heißt. Vor vier Wochen war ich in Frankreich und habe mit ein paar Leuten richtig gut Esperanto gesprochen, vor allem mit einem polnischen Übersetzer und Dichter. Aber ich muss nach jeder Pause erstmal wieder ein bisschen in die Sprache reinkommen.

Wie kamen Sie überhaupt darauf, sich mit einer Plansprache zu beschäftigten?

Das kann ich Ihnen erzählen. 1950 war hier in Konstanz ein großer Kongress mit etwa 400 Jugendlichen. Auf der Rheinbrücke wehten vier Fahnen mit dem hellgrünen Esperanto-Stern. Ich habe gefragt, wofür die Fahnen stehen, und habe mich seitdem für Esperanto interessiert. Ich habe dann im Jugendbildungswerk einen Kurs belegt. Außerdem war ich begeisterte Europa-Anhängerin. Damals war ich noch in der Mädchenschule Zoffingen. Dort haben wir viel über ein vereinigtes Europa diskutiert, auch über Baden-Württemberg. Für uns war es nach dem Krieg eine ganz tolle Idee, dass Europa zusammenwächst und wir nicht mehr Feinde sind. So habe ich Esperanto gelernt und kam in die Esperanto-Jugendbewegung. Damals habe ich viele Leute aus Frankreich, Dänemark, Skandinavien, Jugoslawien und Italien kennen gelernt.

Wie lange dauert es, bis man Esperanto beherrscht?

Nach drei Monaten konnte ich es. Ich kenne ein paar Leute, die haben das sogar in acht Tagen gelernt. Die haben aber acht Tage lang auch nichts anderes gemacht und konnten schon andere Sprachen. Es kommt auf die Vorbildung an. Wir bieten  deshalb auch in der Volkshochschule keine Anfängerkurse mehr an. Denn es ist wahnsinnig, wenn eine Hausfrau, die noch nie eine Fremdsprache gehört hat, neben einem Studenten aus der Sprachabteilung sitzt, der drei Sprachen spricht. Einer von beiden würde dem Kurs sehr schnell fern bleiben. Viel praktischer ist es heute, Esperanto über das Internet zu lernen. Dort kann man sich auch anhören, wie die Wörter ausgesprochen werden. Es hat mich doch sehr überrascht, wie viele junge Leute es heute gibt, die Esperanto fließend sprechen. Die lernen fast alle übers Netz und sind verbandelt übers Netz. Sie leben nicht mehr diese Vereinsmeierei, die wir früher hatten.

Was meinen Sie, wie viele Esperanto-Sprecher es in Konstanz gibt?

Ich würde mal sagen, 20 bis 30. Es gibt sicher wesentlich mehr, die es mal gelernt haben, die es aber nie benutzen oder die aufgehört haben. Es ist sehr schwer zu sagen. Sie wissen ja auch nicht, wie viele Leute Französisch gelernt haben. Wenn man eine Sprache lernt, muss man auch nicht unbedingt ein Verein sein. Ich gehe auch nicht konform mit der Idee, Esperanto zu überhöhen und überall den grünen Stern hinzuhängen oder die Sprache quasi als Religion zu betreiben. Für mich ist Esperanto einfach ein Medium, um mit interessanten Leuten in Kontakt zu kommen.

Sie gehören zur Esperanto-Gruppe in Konstanz. Was machen die Mitglieder bei ihren Treffen?

Kaffeetrinken (lacht). Dabei besprechen wir zum Beispiel Projekte wie das Buch des Regionalhistorikers Hans-Dieter Kuhn. Wir haben ihn auf die Idee gebracht, die Verbreitung des Volapük von Litzelstetten aus sowie die Spuren des Esperanto in Konstanz nachzuzeichnen. Wir als Gruppe haben etliches Material dafür zusammengetragen. Ansonsten treffen wir uns dienstagabends in der Volkshochschule und besprechen Esperanto-Literatur. Wir sind eine zwanglose Gruppe. Im Jahr  2001 wurde wieder ein Esperanto-Verein in Konstanz gegründet mit Statuten und Präsident und Vizepräsident – und das alles bei fünf Leuten. Irgendwann gab es da Knatsch und die Übriggebliebenen haben beschlossen, dass sie keinen Verein mehr brauchen. Deshalb kommen wir einfach zusammen, wenn wir Lust haben. Das ist sehr locker und genau deshalb auch manchmal hinderlich. Herr Kuhn und ich haben der Stadt vorgeschlagen, dass eine Straße in Konstanz nach Esperanto benannt wird. Den Volapükweg gibt es schließlich schon. Die Idee wurde zwar angenommen, dann aber zu den Akten gelegt. Wären wir ein Verein, hätten wir vielleicht bessere Chancen. Die geplante Umbenennung der Von-Emmich-Straße in Georges-Ferber-Straße wurde von der Deutsch-Französische Vereinigung vorgeschlagen. Das hat dann schon mehr Gewicht. Aber ein Esperanto-Wort gibt es immerhin in Konstanz: Den Namen des Cafés ‚Pano’, was ‚Brot’ bedeutet.

Esperanto ist eine Plansprache. Es gibt nur Regeln und keine Ausnahmen. Widerspricht das nicht der Lebendigkeit einer Sprache?

Nein. Esperanto entwickelt sich schon weiter. In den vergangenen 20, 30 Jahren sind wahnsinnig viele technische Wörter dazugekommen. Wenn ich höre, dass die jungen Leute sagen: Wir gehen heute Abend ‚en la knajpon’ oder sie benutzen das Wort ‚kafoklaco“ für Kaffeeklatsch, dann frage ich mich, was das soll.  Aber Esperanto nimmt durchaus neue Wörter auf. Es gibt inzwischen auch eine ganze Reihe von Familien, in denen Esperanto gesprochen wird, weil die Eltern aus verschiedenen Nationen kommen. Das älteste Beispiel hatten wir hier bei uns in Konstanz, den Eddi aus der Schweiz. Sein Vater war Deutsch-Schweizer. Der hat seine Frau aus England 1916 bei einem Kongress in Genf kennen gelernt. Da Eddis Vater kein Englisch sprach, konnten die beiden sich nur auf Esperanto unterhalten. Ihre drei Kinder sind in Esperanto groß geworden, bis sie in die Schule kamen und dann Schwyzerdütsch lernen mussten.

Wie kam es dazu, dass die Feier der Esperanto-Vereinigung Baden-Württemberg zum 125. Geburtstag des Esperanto am vergangenen Wochenende in Konstanz stattgefunden hat?

Alois Eder, der Vorsitzende der baden-württembergischen Esperantisten, kennt mich lange. Ich habe die Vereinigung 1981 mitgegründet. Alois schimpft immer und sagt: ‚Ihr Konstanzer seid wirklich die Faulsten, ihr macht überhaupt nichts mehr.’ Deshalb hat er einfach beschlossen, dass dieses Treffen hier stattfinden sollte.

Sprechen Sie auch Volapük?

Nein, davon verstehe ich überhaupt nichts. Volapük hat wohl auch regelmäßige Endungen und Grammatik, aber das ist eine ganz andere Sprache, auf die ich keine Lust habe. Ich glaube nicht, dass es heute weltweit mehr als 200 Menschen gibt, die Volapük sprechen können, weil es so kompliziert ist.

Können Sie den Lesern am Schluss noch einen Satz auf Esperanto mitgeben?

Mi gojas ke mi eklernis Esperanton jam frue, car tiamaniere mia vivo farigis multe pli rica. Das heißt: Ich freue mich, dass ich schon früh Esperanto gelernt habe, weil mein Leben dadurch sehr viel reicher geworden ist.

Fragen: Kirsten Schlüter

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