Konstanz Die Republik schüttelt den Kopf
17.10.2009
Seit bald 800 Jahren setzt sich die Konstanzer Spitalstiftung für soziale Belange in Konstanz ein. Eine lange Zeit, um zum Profi im Geschäft zu reifen. Beim Maultaschenfall hat die älteste Bürgerstiftung Deutschlands durch Naivität ihr eigenes Image und das der Stadt Konstanz beschädigt.
Die Verantwortlichen bei der Spitalstiftung haben nicht bedacht, welche Folgen die fristlose Kündigung der 58-jährigen Seniorenpflegerin nach sich zieht; auch nicht, als diese vor Gericht zog. Schier ungläubig erstaunt soll die Unternehmensführung gewesen sein, als nach einem ersten Bericht im SÜDKURIER die Medien der gesamten Republik auf die Maultaschenkündigung aufmerksam geworden sind. Das war zu einer Zeit, als in der Republik die Welle der Entrüstung über ähnlich gelagerte Fälle schon losgebrochen war.
So schütteln nun nicht nur die Konstanzer Bürger den Kopf. Die größte Stadt am See und mit ihr die Spitalstiftung wandern – nach dem HO-Werbedebakel – ist Gesprächsthema und wird in einem Atemzug mit dem Frikadellenfall genannt. Zu der Konstanzer Entscheidung stehen will bei der Spitalstiftung offensichtlich niemand. Reiner Weichler, der die fristlose Kündigung unterschrieben und zu verantworten hat, möchte keine Stellungnahme abgeben. Nicht einmal nach dem Urteil zu Gunsten des sozial ausgerichteten Unternehmens unter städtischem Dach will sich der Leiter der Stiftungsverwaltung äußern. Allem Anschein nach hat er die Verantwortung an Sozial-Bürgermeister Claus Boldt abgetreten. Dieser hat gestern „zur Kenntnis genommen, dass das Gericht unserer Rechtsauffassung gefolgt ist“ und er sei froh, dass das Verfahren zumindest in erster Instanz beendet ist, sagte er. Eine Berufung ist möglich.
Das Personal der Spitalstiftung ist gespaltener Meinung. Während ein Teil der Belegschaft angesichts der fristlosen Entlassung wegen sechs von Heimbewohnern nicht verzehrter Maultaschen verunsichert ist, kann der andere Teil den Vorwurf des Diebstahls verstehen. Alle werden sich in Zukunft aber sehr wohl überlegen, was sie an sich nehmen und was nicht; damit es nicht zu einem zweiten „Maultaschenfall“ kommt. Das müssen auch die künftigen Kollegen bedenken. Auf der Suche nach examinierten Fachkräftigen ist die Spitalstiftung schon: auf wenig verwunderliche Weise für das Seniorenpflegeheim, in dem der Maultaschenfall passiert ist.
Philipp Zieger
