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Konstanz „Das Unsichtbare macht uns Angst“

13.01.2012
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Auf einen Kaffee mit Claudia Rapp, die im Café Wessenberg über Thriller und dunkle Mächte spricht.

Zur Person: Claudia Rapp
Frau Rapp, Sie haben Ihren ersten Thriller geschrieben. Meinen Sie, dass jeder von uns eine dunkle Seite hat?
 
Ich weiß nicht, ob wirklich jeder eine dunkle Seite hat, aber ich glaube schon, dass in den meisten Menschen etwas Düsteres steckt. Das drückt sich in alltäglichen kleinen Schummeleien aus. In den meisten Fällen geht das Dunkle aber nicht darüber hinaus.
 
Fasziniert Sie die Kriminalität?
 
Nicht als solche. Am Spannendsten finde ich Figuren, bei denen sich die Leute nicht sicher sind, wie sie zu ihnen stehen – ob sie sie hassen sollen, weil sie Kriminelle sind, oder ob sie den Figuren auch etwas Heldenhaftes oder etwas Schlitzorig-Positives abgewinnen können wie zum Beispiel bei Piraten. Das finde ich aufregender als den kalten, berechnenden Verbrechertyp, den man oft in Krimis findet.
 
Welchem Verbrechertyp begegnet man in Ihrem Buch?
 
Schon eher dem, den ich nicht so sympathisch finde. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Idee für das Buch aus einer realen Situation heraus entstanden ist, nämlich dem Asbestfund in der Bibliothek der Uni Konstanz. Aus dieser Ausgangssituation habe ich eine Geschichte entwickelt und überlegt, wer hinter den Machenschaften stecken könnte. Das konnte einfach niemand Sympathisches sein.
 
Gibt es Gründe, bei denen Sie verstehen können, dass jemand seine dunkle Seite hervorkehrt?
 
Wenn man sich in die Enge getrieben fühlt, weil man zum Beispiel vor dem Ruin steht oder denkt, seine Familie beschützen oder rächen zu müssen oder wenn einem etwas Schlimmes widerfahren ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass man nicht vor drastischen Mitteln zurückschreckt. Aber ansonsten habe ich weniger Verständnis für Kriminalität. Allerdings hat es Spaß gemacht, sich unsympathische Figuren wie einen Erpresser auszudenken.
 
Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihren Figuren? Sind Ihnen auch die Kriminellen sympathisch, weil Sie sie erfunden haben?
 
Ich hasse keine Figur, auch wenn ich ein paar abstoßende geschaffen habe. Am meisten hat es mir beim Schreiben Spaß gemacht, dass die Figuren irgendwann ihr Eigenleben entwickelt haben. Sie haben plötzlich einen anderen Weg genommen oder Dinge gesagt, von denen ich nicht wusste, wo sie herkommen. Die Figuren haben mich selbst überrascht. Bis auf eine Ausnahme hatte ich keine realen Vorbilder, sondern die Figuren haben erst ein Gesicht bekommen, während ich schrieb.
 
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, aus dem Asbestfund an der Uni einen Thriller zu machen?
 
Die kam mir gleich nach dem Wochenende, an dem die Bibliothek geschlossen wurde. Im Audimax wurde eine Infoveranstaltung anberaumt. Als der Rektor und die Bibliotheksleute erklärt haben, was sie schon wussten, als aber auch viele Fragen  unbeantwortet blieben, habe ich auf einmal gedacht: Asbest kann man nicht sehen. Die Zusammenhänge könnten genauso gut einfach nicht klar sein. Von da an habe ich darüber nachgedacht, was wäre, wenn Asbest nur eine Erfindung wäre. Oder wenn es vielleicht schon vorhanden wäre, aber nur für ein ganz anderes Vorhaben genutzt würde. Zum Beispiel, um die gesamte Uni zu kidnappen.
 
Mehr wird wahrscheinlich nicht verraten?
 
Vielleicht besser nicht.
 
Weiß Ulrich Rüdiger, der Uni-Rektor, von Ihrem Thriller?
 
Ich glaube nicht. Ich habe ihn jedenfalls nicht informiert. Für mich ist aber wichtig zu sagen, dass die Uni Konstanz, an der ich gearbeitet habe, mich zwar inspiriert hat. Doch ich schreibe nie konkret, dass meine Handlung sich an der Uni Konstanz abspielt. Der See wird zwar erwähnt, aber ich habe versucht, Personen und Orte ein bisschen zu verfremden, weil es mir nicht darum geht, irgendetwas aufzudecken oder reale Personen dumm darzustellen. Ich habe nur den Asbestfund zum Anlass genommen, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen.
 
Macht Unsichtbares wie Asbest den Menschen mehr Angst als reale Bedrohungen?
 
Zumindest gab es in den letzten Jahren viele Dinge, die den Leuten Angst gemacht haben, seien es Viren, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Schadstoffe.
Einerseits ist es leicht, daraus Panik entstehen zu lassen, weil unsichtbare Bedrohungen uns überall ereilen können. Auf der anderen Seite ist es auch leicht, sie wieder zu verdrängen, weil man sie nicht sieht. Daraus lassen sich noch viele Geschichten machen. Es ist viel einfacher, einem realen Feind gegenüberzustehen, weil man ihn greifen kann. Etwas Unsichtbares, Schwammiges ist eine subtilere Bedrohung. Bei Krimis oder bei Thriller-Filmen ist das effektiver.
 
Wovor haben Sie selbst Angst?
 
Am ehesten habe ich um meine Kinder Angst. Eine Tochter ist im Teenager-Alter, da sehe ich doch manchmal Gespenster. Es könnte so viel passieren. Angst habe ich auch vor Arbeitslosigkeit und davor, nicht für uns alle sorgen zu können. Das sind wieder diese unsichtbaren, diffusen Dinge.
 
Was ist für Sie ein gut gemachter Krimi?
 
Ich finde, dass er unvorhersehbare Aspekte haben und überraschen muss, aber auch nicht zu sehr, weil ich glaube, dass Krimileser im Grunde sehr konservativ sind. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Ansprüchen selbst gerecht werde, aber es ist einfach ein Versuch. In meiner Geschichte geht es weniger um das ‚Wer war’s?’. Die Frage wird zwar gestellt, aber im Vordergrund steht die Reaktion der Figuren in einer schwierigen Situation. Es geht mehr um Opfer als um Räuber und Gendarm.
 
Wie fangen Sie mit einer Geschichte an? Haben Sie schon am Anfang das große Ganze im Blick oder entwickelt sich das nach und nach?
 
Ich würde sagen, ein bisschen von beidem. Ich habe schon seit der Schulzeit immer mal wieder geschrieben, aber meistens meine Romane nicht zu Ende gebracht. Damals hatte ich das große Ganze nicht im Blick. Man muss nicht nur eine Idee haben, sondern man muss am Anfang schon wissen, was am Schluss rauskommen soll. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich dann trotzdem noch einiges entwickelt und es nicht immer genauso endet, wie man es geplant hatte. Die Idee zum Uni-Thriller hatte ich schon länger im Kopf. Das reine Runterschreiben hat eigentlich nur sechs Wochen gedauert. Da war ich selbst überrascht.
 
Warum erscheint die Geschichte als E-Book im Internet und nicht in einem richtigen Verlag?
 
Das hat mit der Geschwindigkeit zu tun. Ich weiß nicht, ob ich einen richtigen Verlag finde. Selbst wenn mir das gelänge, würde es Monate dauern, bis das Buch verfügbar ist. Ich habe außerdem das Gefühl, dass das E-Book gerade im Kommen ist. Für mich ist das ein Versuchsballon. Ich habe kein Risiko, es kostet mich nichts und die Gewinnspanne ist auch viel größer als beim gedruckten Buch. Ich erhoffe mir aber, dass ich noch bei einem regionalen Verlag Anklang finde.
 
Gefällt Ihnen das Leben als Autorin?
 
Ja. Schwierig finde ich es allerdings, Vollzeit-Autorin zu sein und den Rhythmus zu finden. Ich kann nicht morgens die Kinder in die Schule bringen und dann sofort loslegen. Meistens gönne ich mir ein langes Frühstück mit Zeitungslektüre, weil es  ein bisschen dauert, in die richtige Schreib-Verfassung zu kommen. Aber das ist Übungssache. Andere Autoren sagen in Interviews, dass man das Schreiben organisieren muss wie einen anderen Beruf, sonst wird es nichts. Man muss sich feste Zeiten setzen und eine bestimmte Anzahl Seiten am Tag schreiben. Wenn das nicht klappt, muss man am nächsten Tag doppelt so viel produzieren. Von der Doktorarbeit kenne ich das auch. Wenn man sich nicht selbst die Zeiten setzt, kann man Jahre mit einem Buch verbringen.
 
Fragen: Kirsten Schlüter
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