Auf einen Kaffee mit Keith Harris, der im Café Wessenberg über Ehernamt und Selbstdarstellung spricht.
Herr Harris, erstmal vorneweg: Wie oft werden Sie mit dem berühmten Künstler Keith Haring verwechselt?
Sehr oft. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, kommt das immer wieder vor. Mich überrascht es auch, dass viele Leute große Probleme haben, meinen Namen auszusprechen. Ich werde sehr oft mit ‚Herr Kait’ angesprochen. Aber es ist mir lieber, mit Keith Haring verwechselt zu werden als mit Bomber Harris, das kommt auch manchmal vor. Bomber Harris war englischer Oberbefehlshaber und hat unter anderem im Zweiten Weltkrieg das Bombardement von Dresden angeordnet.
Sie engagieren sich sehr stark bürgerschaftlich, obwohl Sie fast 80 Jahre alt sind. Was gibt Ihnen der Einsatz für die Gesellschaft?
Es hat etwas mit Dankbarkeit zu tun und damit, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin. Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ich bin auch davon überzeugt, dass Bürger tatsächlich etwas leisten können, wenn sie es verantwortungsvoll angehen. Dann gelingt wirklich oft ein kleiner Schritt vorwärts. Ich möchte kurz ein Beispiel geben: Unter anderem bin ich in der lokalen Agendagruppe tätig. Mit vier anderen habe ich mich mit der Entwicklung am Petershausener Bahnhof beschäftigt. Nicht alles, was wir erreichen wollten, hat geklappt. Aber durch unsere Arbeit ist einiges passiert. Zum Beispiel haben wir die Pläne für die Fußgängerbrücke hinterfragt. Wir wollten wissen, ob es sinnvoll ist, dieses riesige Brückenmonster dorthin zu bauen. Aus unserer Sicht wäre es wesentlich besser, einen ebenerdigen Bahnübergang attraktiv zu gestalten. Das Interessante ist, dass dieser Impuls nicht von den Gemeinderäten kam, sondern von den Leuten, die rund um den Bahnhof Petershausen wohnen und diese Situation jeden Tag vor Augen haben. Deshalb bin ich überzeugt, dass bürgerschaftliches Engagement zu Fortschritten führen kann.
Manche Bürgergruppierungen bremsen aber auch.
Ja, zum Beispiel die Konzerthausgegner damals. Nach dem Bürgerentscheid habe ich ihre Sitzung mitverfolgt. Die waren so glücklich, etwas gestoppt zu haben! Der Geist in diesem Saal war nicht der, der Baden-Württemberg vorangebracht hat. Aber man muss natürlich verschiedene Meinungen akzeptieren.
Als ich Sie angerufen haben, um nach einem Treffen zu fragen, haben Sie gesagt: ‚Warum haben Sie mich nicht schon früher interviewt? Ich mache doch so viel.’ Hat bürgerschaftliches Engagement mehr mit Selbstdarstellung zu tun als viele zugeben wollen?
Ich glaube ja. Das ist aber nicht unbedingt schlecht. Fast alle Politiker sind Selbstdarsteller schlechthin, das darf man nicht unterschätzen. Aber es wäre falsch, sich irgendetwas einzubilden. Ich engagiere mich nicht nur, weil ich ein Gutmensch bin und ein großes Herz habe. Dazu kommt die Freude an Streitigkeiten und auch ein bisschen Selbstdarstellung. Wer sich nicht profiliert, erzielt weniger Wirkung.
Deswegen sind es oft bestimmte Charaktere, die sich engagieren. Sie nehmen gerne Arbeit auf sich, möchten aber auch anerkannt werden.
Die Anerkennung spielt eine sehr, sehr große Rolle. Letztendlich muss man sich fragen, was bei dem ganzen Einsatz hinten rauskommt. Wenn wir angegriffen werden oder ein paar Dinge schieflaufen, dann sage ich: ,Das und das und das haben wir angestoßen.’ Wenn wir im Jahr vielleicht vier oder fünf Projekte diskutieren und nur eines umgesetzt wird, ist das besser, als wenn gar keines umgesetzt wird.
Was war Ihr größter Erfolg für Konstanz?
Mit der Agendagruppe haben wir uns jahrelang für die Offenlegung des Bachs im Herosépark stark gemacht. Es gab ein langes Hin und Her, ob das überhaupt zustande kommt. Letztendlich hat man sich doch dafür entschieden. Es war ein sehr schöner Moment, als die Agendagruppe in Begleitung von Bürgermeister Kurt Werner und mindestens 100 Petershausener Bürgern gesehen hat, wie das Wasser aus dem Boden kam, sich die ersten Pfützen bildeten und sich im Bachbett sammelten, bis daraus einer richtiger Bach wurde. Der schlängelte sich unter dem Applaus der vielen Zuschauer durch den Park bis hin zum Seerhein. Wir haben im Grunde einen natürlichen Prozess wiederbelebt. Das ist fantastisch.
Sie freuen sich zurecht über kleine lokale Projekte. Ist die Arbeit in Konstanz auch dann noch befriedigend, wenn Sie das Leid auf der ganzen Welt sehen?
Das ist eine berechtigte Frage. Mich interessieren eben Projekte, bei denen man den Erfolg sieht. Ich bin kein großer Theoretiker, sondern freue mich, dass wir mit der Beleuchtungsgruppe erreicht haben, dass einige Häuser in der Stadt angestrahlt werden. Der sonst graue Bahnhofsturm oder die Handwerkskammer sehen jetzt nachts schöner aus als am Tag. Wissen Sie, früher war ich Geschäftsmann. Und ein Geschäftsmann muss etwas darstellen, ein schönes Büro und ein dickes Auto haben. Als ich nach Konstanz kam, konnte ich das alles abschaffen und neu überlegen, wer ich bin und was ist meine Verantwortung ist. Das hat meine Arbeit in der Agenda ein bisschen geprägt. Ich habe kein schlechtes Gewissen, dass das Geld für die Beleuchtung des Bahnhofsturms nicht in Afrika eingesetzt wurde. Aber wenn jemand zu mir kommen und sagen würde: ‚Pass mal auf, vergiss die Beleuchtung, gib das Geld Kindern in Afrika!’, dann würde ich sagen: ‚Okay, einverstanden.’ Das Leben ist immer ein Spagat. Ich bin verhältnismäßig gut betucht, würde mir heute aber nie ein dickes Auto kaufen, obwohl ich ein Autonarr bin. Das braucht die Welt wirklich nicht. Diese 80 000 Euro sollte man woanders einsetzen - kein Zweifel. Dennoch haben auch Leute, die Autos wie Maserati bauen, einen Job. Wenn niemand einen Maserati kaufen würde, dann müssten diese Leute irgendetwas anderes machen.
Dass die Welt sehr globalisiert ist, sieht man auch an Takedas Stellenabbau in Konstanz.
An der Globalisierung geht kein Weg daran vorbei, man muss nur die richtige Einstellung haben. Ich kann das nicht beeinflussen, aber ich hoffe, dass Takeda hier Verantwortung zeigt und versucht, dass die bisherigen Mitarbeiter so wenig darunter leiden wie möglich. Es wird immer neue Technologien geben. Dadurch entstehen neue Jobs, andere fallen weg. Man muss nur versuchen, das so zu handhaben, dass die Menschen nicht zu kurz kommen.
Konstanz ist seit vielen Jahren Ihre Heimat. Aber wie hat es Sie überhaupt hierher verschlagen?
Ich bin früher einmal mit dem Fahrrad rund um den Bodensee gefahren. Dann habe ich gedacht: Wenn ich nicht mehr arbeiten muss, komme ich zurück. Es war mir klar, dass ich in keinen Ort wie Hagnau oder Kressbronn wollte, sondern schon in eine mittelgroße Stadt. Das hat sich dann auf Konstanz beschränkt. Ich habe mich umgeschaut und eine für mich richtige Wohnung in Petershausen gefunden.
Vermissen Sie manchmal die Großstadt London?
Bedingt. Aber das hat auch mit dem Alter zu tun. Ich habe in meiner Jugend oder in den 30er-Jahren nie lange Spaziergänge im Wald gemacht, wie ich sie heute im Thurgau oder auf dem Bodanrück unternehme. Das war vielleicht zu langweilig für mich, aber inzwischen habe ich Freude daran. Und ich fahre zwei-, dreimal im Jahr nach Zürich und Bregenz, das sind faszinierende Städte. Es ist spannend, wie unterschiedlich die Städte am Bodensee sind. Sie haben einen See gemeinsam, doch ihr Profil ist total unterschiedlich. In Bregenz zum Beispiel wird verstanden, wie man Kultur und Wirtschaft erfolgreich zusammenführt. Ich habe mal Gespräche mit dem Leiter der Festspiele geführt, weil wir überlegt hatten, auf der Seebühne eine groß angelegte Veranstaltung zu machen. Das kam nicht zustande, aber es war interessant, wie wir das diskutiert haben. Die waren genau auf unserer Ebene und haben total verstanden, was wir meinten. Unser Gegenüber in Bregenz war viel professioneller als viele Ansprechpartner hier in Konstanz.
Was würden Sie gerne noch für Konstanz erreichen?
Eine angemessene Münsterbeleuchtung, die professionell durchdacht und dem Gebäude würdig ist. Das haben wir noch nicht. Die heutige Beleuchtung ist nur eine Zufallsbeleuchtung. Dieses Münster hat nicht nur für Konstanz Bedeutung. Wenn man bedenkt, welche Schätze darin liegen, ist es eines der wertvollsten Gebäude überhaupt in Süddeutschland. Wir haben das beleuchtungsmäßig größtenteils ignoriert. Ich habe schon Gespräche mit der Stadtverwaltung geführt und wir haben auch eine Probebeleuchtung gemacht. Man kann sich aber kaum vorstellen, welch großes Projekt das ist. Ein Gebäude von unten bis zur Spitze respektvoll anzustrahlen, ist kompliziert. Wenn man Licht über eine lange Strecke führen will, ist es unten sehr stark und blendend, sonst kommt oben nichts an. Den Bahnhofsturm haben wir von drei Ebenen aus beleuchtet, damit es plastisch wirkt. Das war übrigens auch ein langer Prozess. Nach dem ersten Gespräch mit der Bahn hat es mindestens sechs Jahre gedauert, bis unser Konzept umgesetzt werden konnte. Eine lange Zeit. Aber das ist ein Beweis dafür, dass man dranbleiben muss. Viele Gruppierungen haben das Problem, dass sie am Anfang mit Begeisterung an ein Projekt herangehen. Aber sie halten nicht durch, weil es langweilig wird und nichts passiert.
Fragen: Kirsten Schlüter