Auf einen Kaffee mit dem Abenteurer Tim Starck, der bei fair gehandeltem Kaffee im Contigo von seinen Afrika-Erlebnissen erzählt
Zur Person
Tim, du und dein Begleiter Fabian wolltet mit dem Fahrrad in sieben Monaten vom südlichsten Punkt Afrikas zum nördlichsten Punkt Ägyptens gelangen. Was ist aus diesem Plan geworden?
Den haben wir gleich mit der Landung wieder verworfen (lacht). Wir sind von München nach Kapstadt geflogen und von dort aus losgefahren. Alle denken immer, das Kap der guten Hoffnung sei der südlichste Punkt Afrikas, aber das Kap Agulhas liegt noch rund 20 Kilometer weiter südlich. Am Anfang wollten wir da hinfahren, aber nach ein paar Hochrechnungen haben wir entschieden, dass wir dafür zu wenig Zeit haben. Danach sind wir halbwegs im Plan geblieben, zumindest was die Süd-Nord-Bewegung anging. Aber zum nördlichsten Punkt haben wir es dann auch nicht geschafft. Wir wollten nach Kairo kommen und haben das auch geschafft. Aber danach hatten wir keine Lust mehr, nach Alexandria zu fahren.
Was war das aufregendste Erlebnis unterwegs?
Eines der spannenderen Erlebnisse war die Festnahme fürs Wildcampen in Sambia. Wir sind spätabends an einer Bergkuppe angekommen und haben uns überlegt, dass wir uns die 20 Kilometer lange Abfahrt für den Morgen aufheben. Wir haben unser Zelt also oben im Busch aufgestellt. Kurze Zeit später kam ein Auto auf uns zu und blieb zwei Meter vor dem Zelt stehen. Als wir das Zelt öffneten, hatte ich die Läufe von zwei Kalaschnikoffs direkt in meinem Gesicht. Das war eine ziemlich kritische Situation. Ich hatte verdammt Angst. Das ist ganz komisch: Wenn man eine Waffe im Gesicht hat, passt man immer auf, dass man die Hände nie irgendwo hat, wo der andere sie nicht sehen kann. Wir haben den Typen unsere Pässe gezeigt und konnten sie überzeugen, dass wir keine Spione aus Israel sind, die mit dem Fahrrad herumfahren. Dann haben wir Kekse mit ihnen gegessen und ein Bier getrunken. Sie haben unsere Fahrräder auf den Pickup geladen, sind zwei Kilometer gefahren und haben uns im Busch abgesetzt. Dort durften wir campen, denn da war das militärische Sperrgebiet vorbei. Wir hatten gar nicht mitbekommen, auf was für sensiblem Grund wir übernachten wollten.
Und was war der positiv überraschendste Moment?
Mein Lieblingserlebnis kam in Äthiopien. Wir waren in der Stadt Harare nahe der somalischen Grenze. In den Gassen sind Kinder auf uns zugekommen, die wie so oft ‚Money, money, money’ gerufen haben und Geld wollten. Doch dann haben wir unseren Reiseführer ausgepackt, und diese Kinder waren völlig begeistert von den Bildern. Als sie auf der Harare-Seite angekommen waren, haben sie die kleine Karte mit den Sehenswürdigkeiten angeschaut und uns von unserem Standpunkt aus gezeigt, in welcher Richtung diese Sehenswürdigkeiten liegen. Dann haben wir mit den Kindern gesungen und gespielt, wir haben äthiopische Kinderreime gelernt, das war Wahnsinn. Als die Kinder zum Essen gerufen wurden, sind sie weggegangen. Doch dann kamen wieder Rufe von hinten. Wir dachten: ‚Jetzt ist ihnen doch noch eingefallen, dass sie Geld wollen.’ Aber eines der Mädchen hat Fabian einen kleinen Kettenanhänger gegeben. Darauf stand ‚I love you’. Und einer der Jungen wollte mir seine drei Murmeln schenken. Total süß.
Das passiert wahrscheinlich nicht oft.
Nein, überhaupt nicht. Wenn wir zu Fuß unterwegs waren, hatten wir ausschließlich gute Erfahrungen mit Kindern. Doch sobald wir auf dem Fahrrad waren, haben die Kinder Steine hinter uns hergeschmissen.
Woher kommt das?
Ich weiß es nicht. Das ist eine der Fragen, auf die ich nie eine Antwort gefunden habe. Vielleicht gibt es in Äthiopien irgend ein Dogma gegen Fahrräder, ich weiß es nicht.
Haben eure Fahrräder den Belastungen standgehalten?
Sie sind in Kairo angekommen.
In welchem Zustand?
Ordentlich ramponiert, würde ich sagen. Wir haben zwischendrin zweimal meinen Rahmen schweißen lassen. Und wir haben 15 Speichen verloren und hatten 30 Mal Platten, dazu drei gerissene Ketten.
Aber ihr habt es größtenteils alleine hingekriegt?
Wir haben ab der Hälfte der Tour richtig gelernt, unsere Pannen selbst zu reparieren. In Windhuk in Namibia sind wir noch in einen Fahrradladen gegangen, um Speichen wechseln zu lassen und Tretlager auswechseln zu lassen. Die haben aber mehr Schaden angerichtet als dass es genutzt hat, haben wir später herausgefunden. In Ruanda sind wir beim Nationalfahrradteam untergekommen, die hatten eine voll ausgestattete Luxus-Werkstatt. Sie haben auch herausgefunden, dass wir das Tretlager falschherum eingebaut hatten.
Wie viele Kilometer seid ihr letztendlich gefahren?
11 500 in Afrika und dann nochmals 800 Kilometer von Brüssel nach Konstanz zurück.
Ihr wolltet für jeden Kilometer einen Euro Spenden sammeln. Hat das geklappt?
Nein, wir haben jetzt für jeden Kilometer 66 Cent, insgesamt also 8000 Euro für Ärzte ohne Grenzen. Aber wir lassen das Projekt noch weiterlaufen und arbeiten an einer Diaschau und an einem Abenteuer- Film. Im Rahmen dieser Projekte wollen wir weiter Spenden sammeln, bis wir bei 12 000 Euro angekommen sind.
Wie hat diese Reise dich persönlich verändert?
Sie hat mich entspannter gemacht. Ich habe wahnsinnig viel über Fahrräder, aber auch über interkulturelle Kommunikation gelernt. Ich bin völlig in dieser afrikanischen Mentalität aufgegangen und fühle mich gewissermaßen seelenverwandt, will eigentlich nur noch zurück. Aber jetzt muss ich erst mal etwas schaffen, dann können wir wieder losfahren.
Was beeindruckt dich an der Mentalität?
Diese Hakuna-matata-Mentalität, die aus „König der Löwen bekannt“ ist, ist Suaheli und heißt übersetzt ‚kein Problem’. Wenn der Bus 20 Stunden zu spät kommt, hilft es auch nichts, wenn du dich darüber ärgerst. Dann kannst du es dir genauso gut gemütlich machen und 20 Stunden warten oder eben laufen. Eine andere Möglichkeit hast du nicht. Das kann man witzigerweise auch in Deutschland anwenden. Wenn ich mit einer Mitfahrgelegenheit fahre und wir im Stau stehen, regen sich vier von fünf Leuten im Auto auf. Tim aber sitzt in der linken Ecke und ärgert sich nicht.
Was würdest du vor der nächsten großen Reise anders machen?
Wir haben einen großen Anfängerfehler gemacht. Wir haben keine Windkarten angeschaut und sind damit konstant gegen den Wind gefahren. Zumindest kam uns das so vor.
Wie schwer waren eure Räder?
Wir hatten ungefähr 45 Kilogramm im Schnitt, ohne Wasser. In Südafrika und Namibia hatten wir noch sehr viel Wasser dabei. Da haben wir es auch gebraucht, weil dort einfach über 100 Kilometer niemand wohnt. Später dann, im Sudan, waren wir zwar auch in der Wüste, aber da ist überall Wasser und wir sind nur noch mit drei Litern am Rad durch die Wüste gefahren.
Haben Fabian und du euch so intensiv kennen gelernt, dass ihr euch irgendwann auf den Geist gegangen seid?
Klar sind wir uns auf den Geist gegangen, aber die meiste Zeit haben wir uns sehr gut verstanden. Wir ergänzen uns auch von den Fähigkeiten her perfekt. Fabian macht extrem gute Bilder, ich schreibe ein gutes Stück besser als er und zusammen haben wir einen guten Blog geführt. Fabian ist wesentlich organisierter und wusste viel mehr über Fahrräder als ich, und ich habe ein größeres Talent zur Kommunikation. Da haben wir uns ergänzt. Mittlerweile sind wir sehr gute Freunde geworden.
Was möchtest du als Weitgereister unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Drei Dinge: Selbst wenn man in Afrika in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnt, ist es immer noch ein Dritte-Welt-Land. Das zweite ist: Afrika ist es unbedingt wert, dort Urlaub zu machen. Drittens: Aber nur dann, wenn man sich auch auf die Leute einlässt. Es ist nichts gewonnen, wenn man nach Kenia fährt und sich Löwen, Giraffen, Büffel und ein Nashorn anschaut und dann nach Hause zurückkehrt. Das wäre zwar ein schöner Urlaub, aber wenn man persönlich profitieren will, muss man die Menschen kennen lernen.
Fragen: Kirsten Schlüter